Schlüsselburg: Die russische Bastille

Die Insel Schlüsselburg im Ladogasee war einst ein ungemütlicher und gefährlicher Ort, den niemand freiwillig besucht hat. Heute laden die Insel-Festung, geschichtsträchtige Bauwerke und gepflegte Parks zum Verweilen ein.

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 Schlüsselburg hieß früher einmal Oreschek. Die Lage am Abfluss der Newa aus dem Ladogasee macht es einst zu einem wichtigen Handels- und Militärstützpunkt, der im Laufe der Geschichte zu einem ständigen Zankapfel zwischen Russland und Schweden wurde.

Die Geschichte der Stadt Schlüsselburg begann 1323 mit der Errichtung einer Festung auf der Insel Oreschek (zu Deutsch: Nuss-Insel) unter dem Großfürsten Juri Daniilowitsch. Ihren Namen erhielt die Insel wegen der vielen dort wachsenden Haselnusssträucher. Die Festung sollte das Nowgoroder Land vor den Schweden schützen. Die vorherrschenden Holzbauten  wurden seinerzeit durch steinerne Gebäude ersetzt und die Ufer der Newa rund um die Festung mit Bauernhäusern bebaut.

Mehrere Male wurde die Festung von schwedischen Truppen angegriffen, 1612 wurde sie schließlich erobert und in Nöteborg umbenannt, was auf

Deutsch ebenfalls „Nuss-Stadt“ heißt. Etwa ein Jahrhundert später, wurde die Festung im Laufe des Großen Nordischen Krieges vom russischen Heer wieder zurückerobert. Peter der Große nannte sie fortan Schlüsselburg, weil sich für die russische Flotte der Zugang zur Newa öffnete und dadurch die Durchfahrt bis zur Ostsee ermöglicht wurde.

Schlüsselburg wurde bald darauf erweitert und robuster befestigt. Man errichtete Kasernen für die Soldaten, eine Münzstätte, ein Herrenhaus und die Kirche „Johannes der Täufer“. Ein Netz von Wasserkanälen wurde angelegt. Die Bauarbeiten zogen sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hin. Auf dem Gelände der Festung wurde das „Geheime Haus“, ein finsteres Gefängnis, errichtet.  

 

Ein unheimlicher Ort

Schlüsselburg war ein idealer Ort, um sich unbequemer Staatsbürger zu entledigen. Selbst das Klima auf der Insel war ein spezielles: feucht und nasskalt. Der Sommer wollte nicht so recht beginnen und die strengen Winter dezimierten nicht nur die Gefangenen schonungslos, sondern auch die Soldaten, die ihren Militärdienst hinter den Festungsmauern leisteten.

1826 saßen die Dekabristen im „Geheimen Haus“ ein, unter anderem Iwan Puschtschin, Wilhelm Küchelbecker, die Brüder Michail und Nikolai Bestuschew. Sie alle hatten als Offiziere im Dezember 1825 aus Protest gegen das Zarenregime, gegen Leibeigenschaft, Willkürherrschaft und Zensur dem neuen Zaren, Nikolaus I., den Eid verweigert.  

Die trostlosen Verliese fanden schnell weitere unfreiwillige Gäste, von denen viele nicht einmal die Hälfte der Haftzeit überstanden. Die schlimmsten Feinde der Gefangenen von Schlüsselburg waren Tuberkulose und Schwindsucht oder schlicht Wahnsinn. Die Gefangenen hatten keine Namen mehr, sie waren nur noch Nummern und nur der Festungskommandant wusste, wer sich dahinter verbarg.

Die Zustände waren so schlimm, dass die Gefangenen alles dransetzten, lieber zu sterben, als weiter im Kerker dahinzusiechen. Das Reglement des „Geheimen Hauses“ besagte: auf Ungehorsam oder Beleidigung der Wächter steht die Todesstrafe. Also schütteten die Gefangenen absichtlich Suppe auf die Wächter oder warfen mit Obszönitäten nur so um sich.  Die Gefangenen trugen ihren traurigen Sieg davon und wurden gleich am nächsten Tag hingerichtet. Eine Deportation auf die Insel kam einem Todesurteil gleich, kaum einer kehrte von dort zurück.

Die Geschichte des Schlüsselburger Gefängnisses fand 1917 zusammen mit der Februarrevolution ihr Ende. Der Gefängnisvorsteher Wilhelm Simberg übergab nach kurzer Verhandlung die Schlüssel an die Arbeiter der Schießpulverfabrik. Am 1. März 1917 kamen alle Häftlinge frei und alle Gefängnisbauten wurden niedergebrannt. Die Festung wurde jedoch nicht zerstört. Im Jahr 1928 eröffnete hier nach der Restaurierung ein Museum, das bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs existierte.

1941 wurde die Festung an vorderster Linie der Leningrader Front erneut zu einer Verteidigungsanlage. Die Schlüsselburger Garnison hielt mehr als 500 Tage dem Ansturm der Deutschen stand und ließ es nicht zu, dass der Ostseezugang, den die Russen „Straße des Lebens“ nannten, über den Ladogasee abgeschnitten wurde, obwohl jedes Flugzeug, das zur Bombardierung nach Leningrad flog, auch eine Bombe über der Schlüsselburger Festung abwarf. Viele Gebäude wurden zerstört. 1985 wurde neben den Ruinen der Kathedrale eine Gedenkstätte errichtet, um all jene zu ehren, die die Festung im Zweiten Weltkrieg verteidigt hatten. Die Festung wird seit den 1960er Jahren renoviert.

 

Schlüsselburg heute

Neben der Festungsanlage hat Schlüsselburg noch andere Sehenswürdigkeiten zu bieten. Der Alte Ladogakanal (Staroladoschski kanal) wurde 1719 bis 1731 zur gefahrfreien Schifffahrt entlang der südlichen Küste des stürmischen Ladogasees gebaut. Zar Peter I. entwarf eigenhändig den Plan für den Nebenkanal und bestimmte, dass er in Schlüsselburg beginnen und in Nowaja Ladoga enden sollte. Der Kanal wurde schließlich auch nach ihm benannt. Die Oberaufsicht über den Kanalbau hatte der Generalleutnant Münnich inne. 1731 wurde der Kanal, damals das größte Wasserbauwerk in Europa, für die Schifffahrt freigegeben. Allerdings versandete der Kanal mit der Zeit und wuchs zu. An einem Ufer des Alten Ladogakanals befindet sich heute ein riesiger Admiralitätsanker aus der Zeit von Zar Peter I., der vom Grund der Newa geborgen werden konnte. Heute wird der Neue Ladogakanal (Nowoladoschski kanal) für die Schifffahrt genutzt.

Anreise

 

Mit dem Auto: Aus Sankt Petersburg kommend auf der Autobahn M-18 „Kola", nach der Ladoga-Brücke nach rechts, weiter den Wegweisern nach Schlüsselburg folgen. Entfernung etwa 32 Kilometer. 

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Von der Sankt Petersburger Metrostation „Uliza Dybenko" aus mit dem Bus Nr. 576. Fahrpreis 60 Rubel (etwa 1,30 Euro), Fahrtzeit zwischen 40 Minuten und einer Stunde, Abfahrt alle 20 Minuten.

Die Stadt Schlüsselburg ist berühmt für ihre alten Parks und Alleen. Im Park Pobedy (Siegespark) steht noch ein Lenin-Denkmal des Bildhauers Sytschew, daneben befinden sich Kriegsgeräte und Minen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs als Erinnerung an die wichtige Rolle, die Schlüsselburg bei der Sicherung der „Straße des Lebens“ und der Verteidigung von Leningrad spielte.

Ebenso zählt die Petersbrücke auf Granitsäulen über den alten Ladogakanal zu den Architekturdenkmälern. Von dort aus kann man bequem zu Fuß bis zum Roten Platz und zur Mariä-Verkündigungs-Kathedrale spazieren. Die erste Kirche an der Stelle der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale wurde 1728 gebaut. Später wurde die Holzkirche zu einer Steinkirche umgebaut. 1864 wurde die Mariä-Verkündigungs-Kirche in eine Kathedrale umgewandelt.

Sehenswert ist auch die Schleusenbrücke Gorbatyj most (Buckelbrücke) sowie das ganze Ensemble der Wasserbauanlagen aus der Epoche des Klassizismus, das Museum für Stadtgeschichte auf der Fabrikinsel und das Wasserkanalnetz, an dem entlang die alten und neuen Gebäude der Newski Schiffsbau- und Schiffsreparaturwerften liegen.