Rubelverfall: Russland wird zum Billig-Reiseland

Touristen stehen Schlange am Skilift auf dem Elbrus-Vorland "Jasau". Foto: PhotoXPress

Touristen stehen Schlange am Skilift auf dem Elbrus-Vorland "Jasau". Foto: PhotoXPress

Nach der Talfahrt des Rubels ziehen die Russen einen Urlaub bei sich im Land vor. Nach unterschiedlichen Experteneinschätzungen ist das Touristenaufkommen im Inland um bis zu 40 Prozent gestiegen. Vor Ort war man auf einen solchen Touristenansturm nicht vorbereitet.

Das Elbrus-Vorland ist eines der wenigen alpinen Erholungsgebiete in Russland. Während der Neujahrsfeiertage erlebte die Region einen Touristenansturm, wie es ihn hier noch nie gegeben hat. Wenigstens eine halbwegs passable Unterkunft für einen adäquaten Preis zu bekommen, war selbst Monate vor Beginn der Neujahrsferien so gut wie aussichtslos. Die Plätze in den Restaurants waren ausgebucht, die Bedienung dauerte extrem lange, an den Liften stand man Schlange.

Alle – vom Verkäufer bis zum Mitarbeiter der Sportgeräte-Ausleihstation – bestätigten ein und dasselbe: „Solche Menschenmassen hatten wir noch nie!“ Der Mann von der Ausleihstation erklärte, dass es über 20 Prozent mehr an Touristen wären, und das ist nicht wenig – die Skistiefel reichten nicht aus für alle. Der Mitarbeiter hatte diesen Ansturm nicht vorhergesehen: „Ich lebe davon, dass die anreisenden Touristen Ski fahren. Wenn ich

gewusst hätte, dass es so kommt, hätte ich mich besser vorbereiten und gut dabei verdienen können“, klagte er.

Die Bedienung im Restaurant am Skilift entschuldigte sich für das lange Warten und klärte uns auf, welche Speisen von der Karte nicht mehr verfügbar seien. „Es sind so viele Gäste gekommen, dass wir gar nicht mit dem Zubereiten der Speisen hinterherkommen, und die nötigen Lebensmittel müssen auch besorgt werden. Einige davon müssen erst noch bestellt werden, sie sind schon aus“, sagte sie und drückte uns hastig einen Zettel in die Hand, auf dem wir unsere Bestellung einfach aufschreiben sollten – sie müsse noch dringend in die Küche und würde die Bestellung auf dem Rückweg mitnehmen. Schnell wies sie uns noch darauf hin, dass wir etwa vierzig Minuten Wartezeit in Kauf nehmen müssten.

An der Rezeption unseres preiswerten Hotels fanden wir eine Notiz, dass es keine freien Zimmer mehr gebe. Die gleiche Notiz hing auch draußen am Parkplatz. Der Rezeptionist klärte uns auf, dass die Einwohner der Region nie vorbestellen würden und meistens aus alter Gewohnheit aufs Geratewohl kämen. In diesem Jahr aber gäbe es fast keine Plätze mehr für die Übernachtung.

In Sankt Petersburg hingegen gab es mit Hotelbetten und Restaurantplätzen keine Not – es waren genügend Zimmer und Plätze frei. Auch Lebensmittel wurden rechtzeitig geliefert, und die Bedienung dort war recht flott. Die auffälligste Besonderheit aber waren die Warteschlangen vor den Museen. Da es draußen recht kalt war, zog es die Touristen zu den Exponaten in den geheizten Räumen. Die Wartezeit vor jedem interessanten Museum konnte durchaus mehrere Stunden dauern. „Eines Tages war eine Aufstellung der Museen im Internet zu finden, wo es keine Warteschlangen gibt. Wir kamen gerade so in eines dieser Museen, dann hatten sich auch hier Liebhaber musealer Kunstschätze versammelt“, erzählte die Touristin Flora. „Ich bin öfters in den Frühlingsferien in Sankt Petersburg, wenn das Wetter besser ist, aber solch einen Ansturm habe ich dort noch nie erlebt!“

 

Infrastruktur und Tourismusmarketing sind ungenügend

An diesen Feiertagen sei nach Einschätzungen von diversen Experten das Touristenaufkommen im Inland um 30 bis 40 Prozent gestiegen, berichtet Irina Stschegolkowa, Sprecherin der russischen Tourismusbehörde Rosturizm. „Urlaub im Ausland ist teuer geworden. Etwa die Hälfte derjenigen, die ins Ausland fahren wollten, sind im Land geblieben. Gefahren sind nur die, die ihre Reise bereits im Voraus bezahlt hatten“, erklärt sie weiter.

Die Mitarbeiterin der Behörde bestätigt uns, dass niemand einen solchen Anstieg des Touristenstroms erwartet hätte. Der Service sei darauf einfach nicht vorbereitet gewesen. „Man hatte nicht erwartet, dass so viele Gäste kommen würden. Ich denke aber, dass, da diese Nachfrage ja nun schon da ist, auch ein entsprechendes Angebot folgen wird“, sagt sie weiter. Das Hauptproblem bestehe darin, dass die Infrastruktur nicht ausreichend ausgebaut sei. In den größeren Städten gebe es kaum Probleme, dafür aber in den kleineren Orten. Mit dem Ausbau der Infrastruktur sei man gegenwärtig in über 17 Regionen befasst, betont sie, und die Projekte würden weiter umgesetzt, obwohl die Finanzierung in diesem Jahr gekürzt werde.

Stschegolkowa bemerkt zudem, dass wenig Geld für Werbung ausgegeben werde. Maja Lomidze, Geschäftsführerin des Verbands der Reiseveranstalter Russlands, stimmt dem zu: Gerade jetzt sei Tourismusmarketing besonders wichtig, um auch Gäste aus dem Ausland anlocken zu können. Denn diese wüssten nicht, dass die komplizierte wirtschaftliche Lage im Land einen günstigen Urlaub ermögliche. „Damit die Menschen wissen, dass Urlaub bei uns billiger geworden ist, muss man darüber reden. Das wird jedoch nicht gemacht“, betont sie.

Gleichzeitig stellt Lomidze fest: „Zum ersten Mal ist es günstiger geworden, Urlaub im Inland zu machen, als ins Ausland zu reisen. Aber der Touristenstrom aus dem Ausland ist um 40 Prozent zurückgegangen.“ Touristen aus Amerika oder Europa blieben aus, weil die Nachrichten über

Russland so negativ seien, erklärt die Expertin. Zuvor hätte deren Anteil am Gesamtaufkommen an Reiselustigen noch bei 60 Prozent gelegen. Ein Anstieg sei nur bei Touristen aus China zu verzeichnen gewesen, was aber an der allgemeinen Situation wenig geändert habe. Lomidze zieht Bilanz: „Heute müssen wir zusehen, dass Geschäftsleute hierher kommen. Wir müssen zeigen, was wir haben. Journalisten müssen her und Vertreter von Reisegesellschaften.“

 

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