Vom Kasaner Kreml bis zu den Anlagen von Derbent: Russlands Unesco-Welterbe

Joe Crescente bereist die 26 Unesco-Welterbestätten Russlands. Diesmal geht es von den unberührten Wäldern in Komi bis zum Elbrus. Beobachten Sie mit ihm seltene wilde Tiere, folgen Sie den Spuren Iwans des Schrecklichen und entdecken sie das russische Mekka.

Die Urwälder von Komi (1995)

Obwohl dieser alte Waldbestand an Europas Grenze liegt, ist er mit einer Fläche von fast 33 000 Quadratkilometer weit davon entfernt, ein peripheres Gebiet zu sein. Der Wald westlich des Urals in der Republik Komi ist Europas größter zusammenhängender Urwald. Rentiere, Nerze, Hasen und Zobel bewegen sich hier frei durch die sibirischen Wälder aus Tannen, Lärchen und Fichten, die zwischen Torfmooren, Flüssen und natürlichen Seen wachsen.

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Das Gebiet ist besonders wichtig für die Erforschung der bedrohten Biodiversität der Taiga. Das Unesco-Terrain umfasst zwei große Naturschutzgebiete: Das Petschora-Ilytsch-Naturreservat und den Nationalpark Jugyd Wa, Russlands und Europas größtes geschütztes Gebiet dieser Art.

 

Der Kasaner Kreml (2000)

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Errichtet unter Iwan dem Schrecklichen, um dem Sieg über die Tataren im Jahr 1552 ein Denkmal zu setzen, entstand der Kasaner Kreml auf den Ruinen der Residenz des besiegten Feindes. Russlands östlichstes Kulturdenkmal der Unesco-Liste zählt mehrere Bauwerke aus dem 16. Jahrhundert, unter anderem die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale, erbaut zwischen 1554 und 1562, die aus hellem Sandstein gebaut wurde.

Das markanteste Bauwerk des gesamten Ensembles ist der Sujumbike-Turm, bekannt auch als Moschee der Khanin. Um seine Errichtung ranken sich geheimnisvolle Legenden, die für Verwirrung in der Wissenschaft sorgten. Man weiß, dass der Turm nach Kasans Khanin Sujumbike aus dem 16. Jahrhundert benannt ist, die die Tataren heute als eine Nationalheldin verehren. Die Architektur des Kasaner Bahnhofs in Moskau, ein Bauwerk aus dem frühen 20. Jahrhundert, ist von diesem Turm inspiriert.

Die Kul-Scharif-Moschee sollte zum Zeitpunkt ihrer Errichtung im Jahr 2005 Europas größte Moschee außerhalb Istanbuls sein. In dem von weitem durch seine schlanken Minarette mit hellblauen Spitzen erkennbaren Bau finden 6 000 Gläubige gleichzeitig Platz. Er ersetzt eine Moschee, die 1552 unter dem Sturm der Truppen Iwan des Schrecklichen zerstört wurde.

Andere bemerkenswerte Baudenkmäler sind der Gouverneurspalast, Sitz des Präsidenten von Tatarstan, der weiße Erlöser-Turm, der ein unter Stalin zerstörtes großes Kloster beschützte, und die Gruften des Khanats Kasan.

 

Bolgar (2014)

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Russlands neueste Unesco-Stätte war einst das Zentrum der Wolgabulgaren, die hier vom achten, manchen Quellen zufolge schon vom siebten bis zum 13. Jahrhundert in einem eigenen Staat siedelten. Bolgar wurde im 13. Jahrhundert, als die mongolischen Truppen in Europa an Macht gewannen, auch zum Zentrum der Goldenen Horde. In den folgenden Jahren wuchs Bolgar um ein Vielfaches.

Peter der Große ordnete an, die Ruinen der Stadt zu bewahren. Die Maßnahme war wohl der erste offizielle Akt historischer Denkmalpflege in Russland. Zu den wichtigsten Orten der Stadt zählen heute die zahlreichen alten Mausoleen und die Schwarze Kammer, ein Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert, in dem einer Legende zufolge das Gericht des Khans tagte.

Bolgar ist eine beliebte Pilgerstätte der dort lebenden Tataren, wurde aber auch von Muslimen aus der gesamten Sowjetunion häufig aufgesucht. Da sowjetische Muslime nicht nach Mekka reisen konnten, wurde Bolgar zum Ziel für eine „kleine Pilgerfahrt". Bolgar steht für Vielfalt, historische Kontinuität und das Entstehen von Kulturen und wurde für diesen Beitrag zur Menschheitsgeschichte in die Unesco-Liste aufgenommen. Auch die Tataren verehren den Ort, vermittelt er doch einen Eindruck vom Leben vor der Mongolenherrschaft.

 

Zitadelle, Altstadt und Festungsanlagen von Derbent (2003)

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Mit seiner Lage zwischen den Ausläufern des Kaukasus und dem Kaspischen Meer war Derbent seit dem ersten Jahrhundert vor unserer Zeit ein wichtiger Nord-Süd-Korridor. Manche historische Quellen legen nahe, dass die Stadt bereits im achten Jahrhundert vor unserer Zeit gegründet wurde. Das Alter einiger noch heute erhaltener Bauwerke wird auf über 5 000 Jahre geschätzt. Die Stadt trägt viele Namen verschiedenster Sprachen. Alle bedeuten übersetzt „Tor", ein Hinweis auf die über Jahrhunderte fortlebende Bedeutung der Stadt für die Kontrolle des Verkehrs zwischen Europa und dem Vorderen Orient.

Wegen seiner einzigartigen geografischen Lage wurde Derbent zwischen zwei Mauern errichtet, die sich über die relativ schmale Passage zwischen dem Meer und den Bergen erstrecken. Die Architektur ist stark vom Sassanidenreich geprägt, der letzten persischen Dynastie vor dem Erstarken des Islams. Derbent wurde lange von unterschiedlichen Völkern, unter anderen von Armeniern, Mongolen und Türken, beherrscht. Dauerhaft dem Russischen Reich gehörte die Stadt erst seit 1813 an. Die wichtigsten historischen Denkmäler sind heute die alte Festung, die Bäder, Wehrtürme, Zisternen, Moscheen und die gut erhaltene Zitadelle.

 

Westkaukasus (1999)

Elbrus ist der höchste Berg Russlands. Foto: Lori/Legion Media

Der Westkaukasus ist Russlands westlichstes Unesco-Weltnaturerbe. Alle anderen noch westlicher gelegenen Unesco-Stätten wurden wegen ihrer kulturellen Bedeutung in die Liste aufgenommen. Das Terrain zieht sich von den westlichen Ausläufern des Kaukasus am Schwarzen Meer bis zum höchsten Gipfel des Elbrus und ist ganze 50 Kilometer von Sotschi entfernt. Von der Unesco gelistet wurde es als letztes europäisches Gebirge, das weitgehend unberührt ist von zivilisatorischen Einwirkungen.

Seine Biotope, die von Tiefebenen bis zu Gletschern reichen, umfassen Nordmann-Tannen, die mit einer Höhe von bis zu 85 Metern als Europas höchste Tannen gelten. Verschiedene Tierarten wurden in den vergangenen Jahren wieder angesiedelt, etwa der Persische Leopard und der Kaukasische Wisent. Es sind außerdem zahlreiche andere, heute zum Teil seltene Tiere in dieser Region beheimatet, so der Westkaukasische Tur, eine Bergziege, der Bär, der Luchs, das Wildschwein, der Kaukasische Hirsch und die Gämse.

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