Fahrradtour: Sankt Petersburg in drei Stunden

Sankt Petersburg eignet sich auf ideale Weise für Fahrradtouren: Flaches Gelände, ruhige Straßen und breite Uferpromenaden machen fehlende Fahrradwege im Stadtzentrum wett.

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Sankt Petersburg wird allmählich immer fahrradfreundlicher, glaubt Pjotr Kosyrew, dessen Reisebüro Peter‘s Walking Tour seit 2007 Fahrradtouren für Besucher der Stadt organisiert. „Die Autofahrer sind inzwischen viel freundlicher als noch vor ein paar Jahren“, sagt der Profi. „Unter unseren ausländischen Kunden sind vor allem Touristen aus den ‚Fahrradländern‘ Deutschland, Holland, Frankreich und Dänemark anzutreffen. Seit 2016 arbeitet der deutsche Journalist Lothar Deeg für uns, der bereits seit über 20 Jahren in Sankt Petersburg lebt“, erzählt Kosyrew. Jenen, die auf eigene Faust die Stadt per Fahrrad erkunden möchten, empfiehlt er ruhige Straßen, Uferpromenaden, Fußgängerzonen sowie breite und menschenarme Fußwege. Die beste Zeit für eine Fahrradtour sind die Morgenstunden am Wochenende, an denen die Fahrbahnen gefahrlos nutzbar sind

Erste Stunde

Beginnen Sie Ihren Ausflug auf dem Ploschtschad Wosstanija. Mitte des 19. Jahrhunderts war dies noch ein unbebautes Areal am Stadtrand, bis im Jahre 1851 hier das Gebäude des Nikolai-Bahnhofs (des heutigen Moskauer Bahnhofs) errichtet wurde. Namensgeber war Zar Nikolai I., in dessen Regierungszeit die Eisenbahnstrecke Sankt Petersburg – Moskau eröffnet wurde. Die Fahrt zwischen den beiden Städten dauerte 20 Stunden, was in der damaligen Zeit als außerordentlich schnell galt. Zum Vergleich: Heutige Hochgeschwindigkeitszüge benötigen für die Strecke drei Stunden und 40 Minuten.

Entlang der Orlowskij-Gasse und der 2. Sowjetskaja uliza fahren Sie gemächlich zur ruhigen Degtjarnaja uliza. Auf der uliza Moisejenko schwenken Sie nach rechts, links von Ihnen blicken Sie auf moderne Häuser, auf deren Dä- chern eine fliegende Untertasse gelandet zu sein scheint. Dies ist der Gebäudekomplex Newskaja Ratuscha, eine Kombination aus Geschäftsund Verwaltungszentrum, in das demnächst ein Teil der Stadtverwaltung umziehen wird. Unter der Glaskuppel soll es bald eine Aussichtsplattform geben.

Entlang der Nowgorodskaja uliza gelangen Sie zum Ploschtschad Proletarskoj Diktatury, dem früheren Smolnaja Ploschtschad, auf dem sich einst der Smolny Dwor befand. Hier wurde in riesigen Kesseln Pech gekocht („smola“ ist das russische Wort für „Pech“), das für den Schiffsbau verwendet wurde. 1764 ließ Katharina II. das hier stehende Nonnenkloster in das SmolnyInstitut, die erste höhere Bildungsanstalt für Mädchen in Russland, umbauen. Im 20. Jahrhundert zogen anstelle junger Frauen Staatsmänner in das Gebäude ein: Im Jahre 1917 wurde hier der Stab der Bolschewiki untergebracht, vier Monate lang wohnte Wladimir Lenin im Haus und seit zwanzig Jahren befinden sich hier die offizielle Residenz des Gouverneurs von Sankt Petersburg und eine Reihe kommunaler Behörden. Nebenan steht die Smolny-Kathedrale, ein Barockbau des russisch-italienischen Architekten Rastrelli, dessen Traum es war, den ersten russisch-orthodoxen „Wolkenkratzer“ mit einem 140 Meter hohen Glockenturm zu errichten. Er konnte jedoch sein Vorhaben zu Lebzeiten nicht umsetzen, und die Bauarbeiten zogen sich ganze 87 Jahre hin.

Setzen Sie die Tour entlang der Schpalernaja uliza fort und erblicken Sie einen alten Wasserturm sowie das Taurische Palais. Dieses wurde für den Liebhaber Katharinas II., den Grafen Potjomkin, errichtet, dessen Name Eingang in einen geflügelten Ausdruck gefunden hat. „Potjomkinsche Dörfer“ ist ein Begriff, der im Jahre 1787 im Zusammenhang mit einer Reise der Zarin nach Südrussland entstand: Auf Erlass des Grafen Potjomkin wurden entlang der Reiseroute Häuserkulissen aufgestellt und zwangsverpflichtete Bauern mussten die zufriedenen Bewohner spielen. Seitdem gebraucht man diesen Ausdruck für vorgespiegelten Wohlstand, hinter dem sich eine nicht ganz so rosige Realität verbirgt.

Auf der Potjomkinskaja uliza schwenken Sie in Richtung Newa. Gegenüber den Hausnummern 12 und 14 auf der Woskresenskaja-Uferpromenade legen Sie eine Rast an den SphinxSkulpturen des Künstlers Michail Schemjakin ein. Diese sind ein Denkmal für die Opfer politischer Unterdrückung, weshalb die Profile der Figuren, die auf die Untersuchungshaftanstalt Kresty gerichtet sind, Totenschädel darstellen. Überqueren Sie die Newa über die LitejnyBrücke (wofür Sie besser den abgegrenzten Fuß- weg auf der rechten Brückenseite verwenden sollten). Am Ende der Brücke gehen Sie die Treppe nach unten und schwenken nach links auf die Pirogowskaja-Uferpromenade.

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Zweite Stunde

Von dieser Uferseite der Newa eröffnet sich ein herrlicher Blick auf die Peter-und-Paul-Festung und den Sommergarten Peters I. Zu dessen Regierungszeit wurden hier Feste mit groß- artigen Feuerwerken veranstaltet. An dieser Stelle entstand auch das erste Freiluftmuseum, in dem die Oberschicht anhand von Skulpturen, die der Zar in Venedig anfertigen ließ, die antike Mythologie studieren konnte.

Nachdem Sie die Sampsonijewskij-Brü- cke überquert haben, sollten Sie unbedingt eine Pause am Panzerkreuzer „Aurora“ einlegen. Dieses Schiff erhielt seine Feuertaufe 1905 im Russisch-Japanischen Krieg und wurde dann bis zum Ersten Weltkrieg und später wieder ab 1923 als Schulschiff genutzt. Seit 1957 ist es ein Museum. Mit einem Platzpatronenschuss gab die „Aurora“ das Signal zum Beginn der Oktoberrevolution im Jahr 1917. Machen Sie auch Halt an der Anlegestelle bei den chinesischen Wächterlöwen und den mit Stein ummantelten Holzhaus Peters I. An eben dieser Stelle sowie mit der Grundsteinlegung für die Peter-und-Paul-Festung begann im Mai 1703 die Errichtung der Stadt.

Setzen Sie Ihren Weg entlang der Festung auf der linken Seite der Kronwerkskaja-Uferpromenade fort. Auch wenn die Festung eine bis zu zwanzig Meter dicke Mauer umgibt, musste sie doch nie einem Krieg standhalten. Noch zu Zeiten Peters des Großen befand sich in der Festung das schrecklichste Gefängnis Russlands, in dem ausschließlich politische Gefangene ihre Haft verbüßten, darunter beispielsweise der Schriftsteller Fjodor Dostojewski.

Entlang dem Dobroljubow-Prospekt und der Mytinskaja-Uferpromenade gelangen Sie zur Börsenbrücke und fahren auf deren rechter Seite weiter (die linke Seite wird von Fußgängern in Beschlag genommen).

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Dritte Stunde

Überqueren Sie hinter der Brücke die Stra- ße und fahren die Tiflisskaja uliza weiter zum Ploschtschad akademika Sacharowa. Dort erblicken Sie eines der höchsten Bauwerke der Stadt – das 400 Meter hohe Gebäude der Zwölf Kollegien, in dem die Staatliche Universität untergebracht ist.

Nun befinden Sie sich im Herzen der Stadt, dem Palaisplatz, den Sie über die Palais-Brücke erreichen. Umrunden Sie die Alexandrinskij-Säule unbedingt dreimal und wünschen Sie sich dabei etwas! Anschließend geht es die Millionnaja uliza weiter bis zum Marsfeld, das im 19. Jahrhundert aufgrund der staubigen Luft den Beinamen „Sankt Petersburger Sahara“ erhielt – der Wind wirbelte den Sand auf, der auf dem Exerzierplatz ausgestreut war. Heutzutage befindet sich hier einer der grünsten Flecken der Stadt. Jetzt können Sie entspannen und sich ruhig zu einem Picknick niederlassen – Ihr Ausflug ist nun zu Ende.

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