Kimscha: Das schönste Dorf des russischen Nordens (FOTOS)

Reise
JEKATERINA SINELSCHTSCHIKOWA
Jahrhundertealte Holzhäuser, Windmühlen, eine traditionelle Holzkirche und Zauberer: Willkommen in Kimscha, dem schönsten nördlichen Dorf Russlands.

Das Dorf Kimscha liegt am Zusammenfluss der Flüsse Mesen und Kimscha. Die erste ganzjährig befahrbare Straße zu diesem Ort gibt es erst seit 2008. Zuvor war Kimscha gelegentlich aus der Luft oder über das Wasser zu erreichen. Kurze Sommer, lange und harte Winter und dann unpassierbare Straßen lassen Kimscha zu einem schwer erreichbaren Ort werden. Vielleicht konnte das Dorf seinen ursprünglichen Zustand deshalb bewahren. Es ist ein malerisches Freilichtmuseum, ein Zeugnis der Vergangenheit und der traditionellen Holzarchitektur.  

Kimscha ist 1.574 Kilometer von Moskau entfernt. Die ersten Aufzeichnungen über Kimscha  stammen aus Manuskripten des 16. Jahrhunderts. Die Blütezeit des Dorfes war in den 1920er Jahren, als es 760 Einwohner zählte. Heute sind es kaum noch 100 - vielleicht doppelt so viele im Sommer, wenn die Verwandten zu Besuch kommen.

Kimscha war im Norden immer schon bekannt, vor allem für seine Kupferminen.  Früher stellte man aus dem Metall Pferdeglocken und verschiedene Schmuckstücke her. Ein weiterer Grund für die Bekanntheit war der besondere Ruf der Einwohner: Diesen schrieb man mystische Kräfte zu, etwa den „bösen Blick“, der anderen Menschen Unglück bringen konnte. Die Dörfler bekamen den besonderen Spitznamen „Tschernotropi“ eine Wortkonstruktion, die übersetzt so viel bedeutet wie „"diejenigen, die dem dunklen Pfad folgen“, also Zauberer.

Von der Gründung an bis 1951 hatte das Dorf keinen eigenen Friedhof. Die Menschen wurden nach ihren Wünschen beerdigt, meist in der Nähe ihres Hauses. 

Das kleine Dorf verfügte jedoch über drei Kirchen, von denen zwei für die Altgläubigen - von der offiziellen Kirche als Ketzer bezeichnet - gebaut wurden. Kimscha war ein sicherer Hafen für diese Menschen. Nicht alle dort teilten dieselben Überzeugungen, doch es herrschte friedliche Koexistenz unter den Bewohnern. 

Die einzige Kirche, die bis heute erhalten geblieben ist, ist die orthodoxe „Odigitrijewskaja“, die 1763 ganz aus Lärchenholz gebaut wurde.

Dieses Wahrzeichen des Dorfes ist ein leuchtendes Beispiel für die Architektur des russischen Nordens und liegt tief in den Wäldern. 

Neben dieser alten Kirche gibt es jedoch noch etwa 70 weitere Gebäude, die ebenfalls als  Wahrzeichen der Region bezeichnet werden können. Sie alle sind mehr als ein Jahrhundert alt. Es handelt sich um robuste Holzhäuser, dank derer Kimscha Besucher aus dem ganzen Land anzieht.  

Das Dorf ist in zahlreichen Reiseführern zu finden, nachdem es 2017 von der „Vereinigung der schönsten Dörfer Russlands“, die unter der Schirmherrschaft der „Vereinigung der schönsten Dörfer der Welt“ steht, als schönstes Dorf des russischen Nordens ausgezeichnet wurde. Der Status trug auch dazu bei, das Leben der Einheimischen zu verbessern. Sie erhielten einen finanziellen Zuschuss, der es ihnen ermöglichte, eines der Holzhäuser in ein Museum umzuwandeln und ein internationales Windmühlenfestival auszurichten. 

Kimscha war einst berühmt für seine hölzernen Windmühlen - es gab bis zu zehn, von denen heute nur noch zwei übrig sind. Sie gelten als die nördlichsten Windmühlen der Welt.

Eine von ihnen ist ein Museum. Eine andere wurde mit Unterstützung niederländischer Experten restauriert und ist nun wieder voll funktionsfähig. 

Während der Touristensaison kann man überall Einheimische in traditioneller Kleidung durch das Dorf flanieren sehen. Kinder werden in traditionellem Kunsthandwerk unterrichtet, bauen wie die Vorfahren Gerste an. Einige Besucher beklagen sich, dass die Modernität dennoch auch in Kimscha Einzug gehalten hat und stören sich an den Satellitenschüsseln an den Izbas. 

Neben dem Tourismus bieten die Bewohner Kimschas auch gerne Bootstouren auf dem Fluss an. Dazu bauen sie Boote aus Weltraumschrott. Denn nicht weit entfernt von Kimscha liegt das Kosmodrom Plessezk (seit den 1960er Jahren). Manchmal fallen Raketenteile aus dem All in die Wälder. Die Dorfbewohner bauen sie auseinander, um Überreste des extrem giftigen Raketentreibstoffs Heptyl loszuwerden und verwenden die Verkleidung für den Bootsbau. Die Boote daraus seien sehr robust, sind die Bewohner Kimschas überzeugt.