Postsowjetische Championsliga

Zenit St. Petersburg, Champion der russischen Meisterschaft, drängt auf Reformen. Foto: Photoshot / Vostock Photo

Zenit St. Petersburg, Champion der russischen Meisterschaft, drängt auf Reformen. Foto: Photoshot / Vostock Photo

Zenit St. Petersburg hat den Stein ins Rollen gebracht: Der Club will die stärksten Clubs der ehemaligen Sowjetunion in einer gemeinsamen Liga vereinen. Die FIFA ist strikt dagegen.

Hört man Walerij Gassajew, könnte man glauben, die Errichtung einer GUS-Meisterschaft sei nur einen Steinwurf entfernt: „Momentan diskutieren

wir das Format der Liga. Am wahrscheinlichsten ist, dass es eine oberste und eine 1. Liga mit jeweils acht oder neun Mannschaften geben wird." Gassajews Optimismus mag darin begründet sein, dass er neben seiner Tätigkeit als Coach von Alania Wladikawkas auch Direktor jener Organisation ist, die seit November ein Konzept für 
die Meisterschaft der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS, Nachfolgeorganisation 
der UdSSR) auf die Beine stellt. Schon 2015 könnte diese erstmals ausgetragen werden.

 

Zenit gegen den Fußballbund

 Hört man dagegen FIFA-Chef Sepp Blatter, gibt es offenbar wenig Raum für Diskussionen: „Die FIFA hat absolut kein Interesse an diesem Wettbewerb. Die Vereinswettbewerbe werden im Rahmen und unter Kontrolle der nationalen Verbände organisiert. Dies geschieht innerhalb der Grenzen des Landes und des Verbandes. Eine GUS-Meisterschaft ist eine falsche Entscheidung und kann die Pyramide der FIFA zerstören und der Solidarität innerhalb unserer Familie großen Schaden zufügen."

So deutlich sprach sich Blatter Ende Januar in eben jenem St. Petersburg aus, wo die Idee geboren wurde. Sie entstand nach einem schweren Konflikt des Clubs Zenit 
St. Petersburg mit dem russischen Fußballbund: Bei einem Spiel im November hatte ein Fan den gegnerischen Torwart mit einem Feuerwerkskörper verletzt. Der Petersburger Club wurde mit einer Geldstrafe, einer technischen Niederlage und zwei Spielen vor leeren Rängen abgestraft.

Die Clubführung zeigte sich empört, Alexej Miller, Aufsichtsratsvorsitzender des Zenit-Sponsors Gazprom, erklärte, es sei möglich, dass sein Club die russische Premier Liga verlasse und in einer anderen Meisterschaft spiele.


Anknüpfen an große Tradition

 Kurz danach beauftragten Zenit und mehrere andere Clubs Gassajew mit der Planung einer „Vereinigten Meisterschaft" – so zumindest heißt das Organisationskomitee, das dieser leitet. Mit der Idee einer Meisterschaft, die die besten Clubs der GUS untereinander austragen, knüpft man an die „Fußballmeisterschaft der Sowjetunion" an, die von 1936 bis 1991 als eine der weltweit bedeutendsten Fußballligen galt: Dynamo Kiew, Spartak Moskau, Dynamo Minsk, aber auch der usbekische Club Pachtakor und der georgische Dynamo Tiflis kämpften damals um den begehrten Titel.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde zwar allwinterlich ein GUS-Pokal ausgetragen, allerdings nur in Turnierform und auf Kunstrasen. Das Zuschauerinteresse sank mit jedem Jahr, ebenso die Teilnahmewilligkeit der Clubs, weil das Turnier schlechte finanzielle, dafür aber gute Aussichten auf Verletzungen bot.

Die neue Initiative trifft bei Fans, Clubs und Politikern auf großes Interesse. Der ukrainische Milliardär Rinat Achmetow, Besitzer des Superclubs Schachtjor Donezk, zeigte sich ebenso interessiert wie das Management des weißrussischen Clubs Bate Borisow. Suleiman Kerimow, russischer Milliardär und Besitzer des dagestanischen Clubs Anschi, für den seit letztem Jahr Superstar Eto'o spielt, istMitglied des Organisationskomitees. Die Clubs erhoffen sich von einer solchen Liga mehr Zuschauerinteresse und höhere Werbeeinnahmen.

Vorbild Tschechien/Slowakei

Politisch erhielt die Liga Rückendeckung vom einflussreichen Leiter der Präsidialverwaltung Sergej Iwanow. Dieser steht der 2008 gegründeten paneuropäischen Basketballliga VTB United League vor, die in der laufenden Saison 20 Clubs aus ehemals sowjetischen Ländern, aber auch aus Polen und Tschechien vereinigt. Weitaus bekannter ist die ebenfalls 2008 gegründete Kontinentale Hockey Liga(KHL). In der laufenden Saison treten hier die führenden Clubs aus ehemals sowjetischen Ländern sowie der Slowakei und Tschechien gegeneinander an.

Blatters deutliche Worte lassen die Perspektiven der Fußballliga nun allerdings dunkel erscheinen: Verständlicherweise hat die FIFA wenig Interesse daran, dass die von der UEFA organisierten Champions League und Europa League Konkurrenz bekommen. Die Befürworter verweisen jedoch darauf, dass etwa die Slowakei und Tschechien, aber auch Lettland und Litauen, momentan gemeinsame Ligen planen.

Auch Gassajew ist weiterhin optimistisch: Nach Blatters Schelte erklärte er, die Idee der GUS-Meisterschaft widerspreche den Prinzipien der FIFA nicht – man solle erst einmal abwarten, bis sein Komitee konkrete Vorschläge unterbreite.

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