Russisches Fiasko beim Biathlon

Alexander Tichonow: Die Trainingsmethoden von Wolfgang Pichler haben die russische Damenmannschaft in eine Krise geführt. Foto: RIA Novosti

Alexander Tichonow: Die Trainingsmethoden von Wolfgang Pichler haben die russische Damenmannschaft in eine Krise geführt. Foto: RIA Novosti

Am vergangenen Sonntag fand in Chanty-Mansijsk das Finale des Biathlon-Weltcups statt. Insgesamt war die Biathlon-Saison 2012/13 für die russische Mannschaft wenig erfolgreich. Über die Misserfolge und notwendigen Änderungen äußert sich der frühere Biathlon-Star Alexander Tichonow.

Am 14.-17. März fand in Chanty-Mansijsk das Finale des Biathlon-Weltcups 2012/13 statt. In den sechs Wettbewerben gewann die russische Mannschaft lediglich eine Silbermedaille, dank der Läuferin Olga Wiluchina. Das Gesamtsaisonergebnis lässt ebenfalls zu wünschen übrig:

Die russischen Biathleten konnten von den kleinen und großen „Kristallkugeln" nur insgesamt zwei für den Staffelweltcup der Herren und für die Nationalwertung mit nach Hause nehmen. Und beim wichtigsten Start dieses Winters, bei den Biathlon-Weltmeisterschaften im tschechischen Nové Město na Moravě, musste Russland ganz auf eine Goldmedaille verzichten. Der beste Biathlonschütze des 20. Jahrhunderts, viermaliger Olympiasieger und ehemaliger Präsident des russischen Biathlon-Verbandes Alexander Tichonow verfolgte das Geschehen auf der Weltcup-Etappe in Chanty-Mansijsk. In einem Gespräch mit „Rossijskaja Gaseta" zog Tichonow mit für ihn typischer Offenheit Bilanz der diesjährigen, eher traurigen Biathlonsaison.

 

Welche Noten geben Sie dem russischen Damen- und Herrenteam für die vergangene Saison?

Alexander Tichonow: Ich bin es nicht gewohnt, zwischen dem Damen- und Herrenteam zu unterscheiden; bei uns gibt es nur ein gemeinsames Team. Und die Note, die ich diesem Team geben würde, ist „ungenügend". Das ist nun die dritte Weltmeisterschaft, bei der wir ohne Goldmedaille ausgehen. Bei beiden Heimetappen haben wir eine schwache Leistung gezeigt und unsere Fans kaum begeistert. Das soll nicht heißen, dass ich von vornherein negativ eingestellt war. Aber das Ergebnis spricht für sich.

 

Bei den einzelnen Weltcup-Etappen konnten die Sportler Siege verzeichnen, doch bei der Weltmeisterschaft waren sie plötzlich in schlechter Form. Warum?

Als der jetzige Präsident des russischen Biathlon-Verbandes, Michail Prochorow, sein Amt antrat, hatten wir folgende Vereinbarung: Er kümmert sich um die organisatorischen und finanziellen Angelegenheiten und ich mich um die praktischen und sportlichen. Doch nach und nach wurde ich verdrängt. Das Ergebnis ist eine unprofessionell geleitete Nationalmannschaft, die im entscheidenden Moment nicht zur Höchstform aufläuft. Der russische Biathlon-Verband will rasche Ergebnisse. Daher hat man zum Beispiel Anton Schipulin in den vergangenen zwei Jahren bei unzähligen Rennen an den Start geschickt. Die Biathleten aus der Herrenmannschaft beschweren sich, dass sie die Intentionen ihres Trainers Lopuchow nicht verstehen.

 

Doch mehr Kritik richtet sich an den Trainer der Damenmannschaft Wolfgang Pichler...

Seine Trainingsmethoden haben unsere Damen in eine Krise geführt. Was auch immer unsere Biathletinnen den Journalisten in Interviews erzählen, Vertrauen haben sie in Pichler keines! Ich vermute, dass sich der Präsident des russischen Biathlon-Verbandes noch vor den Olympischen Spielen schmerzlos von Pichler trennen wird. Aber das eigentlich Schlimme ist, dass sich für die Damenmannschaft kein Teamleiter findet. Alle scheuen sich davor, das Team anzuführen.

 

Was muss getan werden, um das Ruder bis zu den Olympischen Spielen doch noch herumzureißen?

Wenn es nach mir ginge, müsste die Herrenmannschaft schon jetzt auf zehn Biathleten verkleinert werden. Aus sechs von diesen zehn Sportlern würde ich eine separate Grundgruppe formieren. Bei den Damen würde ich Olga Saizewa, Olga Wiluchina und Jekaterina Glasyrina im Team lassen und alle anderen durch neue, junge Biathletinnen ersetzen. Außerdem würde ich die jetzigen Trainer austauschen und mich darauf konzentrieren, Vertrauen in der Mannschaft aufzubauen. Denn Vertrauen macht bereits 30 Prozent des Erfolgs aus.

 

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, etwas an den Biathlonregelungen und den Wettkampfreglements zu verändern, was wäre das?

Ich würde die Einzelsprints streichen oder zumindest bei den offiziellen Starts auf ein Minimum reduzieren. Ich weiß, mit dieser klassischen Disziplin hat der Biathlon angefangen und auch ich selbst habe bei Einzelsprints viele Olympia- und Weltmeisterschaftsmedaillen gewonnen. Doch mittlerweile habe ich eines verstanden: Einzelwettbewerbe sind out. Sie zählen schon längst nicht mehr zu den großen TV-Sportübertragungen; für den Großteil der Zuseher sind sie langweilig.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Rossijskaja Gaseta.

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