Kevin Kurányi: „Russland ist ein super Land“

Kevin Kurányi: Ich bin in Russland reifer geworden. Foto: RIA Novosti

Kevin Kurányi: Ich bin in Russland reifer geworden. Foto: RIA Novosti

Die Rückrunde in der russischen „Premjer Liga“ verspricht: Es wird spannend. Schafft es Zenit St. Petersburg wieder russischer Fußballmeister zu werden oder wird Rekordmeister ZSKA Moskau am Ende jubeln? Und was ist mit dem dagestanischen Verein Anschi Machatschkala? Dynamo Moskau liegt nach einem „Albtraum-Start“ in die Saison auf Platz fünf und will das bis zum letzten Spieltag am 26. Mai halten. Wie das gelingen soll, das – und einiges mehr – verrät Kapitän Kevin Kurányi.

„Der Start in die Saison war ein Albtraum", sagt Kevin Kurányi. Es war der schlechteste Start in seiner Fußballerkarriere – die ist nicht gerade kurz und Kurányi nicht mehr ganz so jung. Anfang März hat er seinen 31. Geburtstag gefeiert. Kurányi ist das was man in Deutschland einen „Mulit-Kulti-Spieler" nennt. Geboren in Rio de Janeiro, aufgewachsen in Panama, Großvater Ungar, Urgrußvater Däne, im Herzen ist er Schwabe. Mit 15 Jahren kam Kevin Kurányi nach Stuttgart, ins Ländle, und hat angefangen, für die Jugend des VfB Stuttgart zu spielen. 2001 bis 2005 ist er für die Bundesliga-Mannschaft des VfB aufgelaufen, danach ging es zu Schalke. 2010 wurde sein Vertrag nicht weiter verlängert, so dass er sich nach etwas Neuem umschauen musste.

„Ich hätte gerne weiter für Schalke gespielt, aber mir wurde leider nichts angeboten. Deshalb habe ich einige Optionen abgewogen und mich schließlich für Dynamo Moskau entschieden. Da hat einfach das Gesamtpaket gepasst", sagt Kurányi im Nachhinein. Nicht unwesentlich war dabei der Faktor Geld. Es ist die Rede davon, dass er einen Marktwert von 9,5 Millionen Euro hat. Wie viel Moskau für ihn ausgegeben hat, ist unklar. Er selber meint: „Es lag vieles am Geld, aber damit bin ich auch offen umgegangen."

 

Die deutsche Nationalmannschaft: eine wechselvolle Geschichte

Als größten Fehler seiner sportlichen Karriere bezeichnet Kevin Kurányi seinen Wutanfall 2008. Da wurde der damalige deutsche Nationalspieler von Bundestrainer Löw im Spiel gegen Russland ausgewechselt und auf die Tribüne gesetzt. Das war zu viel für das brasilianische Temperament – Kurányi hat kurz darauf das Stadion und schließlich das Mannschaftshotel verlassen. Heute sagt er: „Es war eine Kurzschlussreaktion, das gebe ich zu. Aber wir sind alle Menschen, keine Maschinen, da kann so etwas schon einmal passieren. Ich habe einen Fehler gemacht – und daraus gelernt."

Unter anderem hat er daraus gelernt, dass man sich Zeit nehmen sollte, wenn man so eine Entscheidung trifft und nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen sollte. Joachim Löw hat ihn daraufhin für künftige Länderspiele gesperrt. Dabei sagt Kurányi, die Zeit bei der deutschen Nationalmannschaft sei eine schöne Zeit gewesen. Auch heute beobachtet er mit Interesse wie sich die Mannschaft mit vielen jungen Spielern weiterentwickelt: „Die Deutschen gehören zur Top Drei der Welt und es macht mich stolz, dass ich diese Entwicklung am Anfang mitnehmen durfte." 2010 hat ihn Löw nicht in den Kader für die Fußball-WM nach Südafrika berufen und auch 2014 wird Kurányi wohl in seinem Heimatland Brasilien nicht dabei sein. „Dafür muss schon ein Wunder passieren", sagt er. Und lacht.

 

„Nach Gott kommt die Familie"

Kevin Kurányi grämt sich nicht, sondern wirkt ausgesprochen glücklich. „Nach Gott kommt die Familie", sagt der 31-Jährige und meint damit, dass die Familie für ihn das Wichtigste sei. Mit seiner Frau Viktorija ist er seit fünf Jahren verheiratet, zusammen haben sie einen Sohn namens Karlo und Tochter Vivien Carmen. Sie leben im Moskauer Vorort Nowogorsk, wo sich auch das Trainingsgelände von Dynamo Moskau befindet. Dort Spielt Kevin Kurányi nun schon zweieinhalb Jahre und sagt: „Russland ist ein super Land; mit der Zeit lernt man die Menschen kennen und erkennt, dass man hier eine gute Zeit verbringen kann."

Damit reiht er sich nicht in das Gejammer vieler Ausländer, denen es in Moskau zu dreckig, zu laut und zu teuer ist. Am Anfang sei es auch für Kurányi nicht einfach gewesen, vor allem aufgrund der Sprache – und der vielen Staus – aber inzwischen könne er sich mit Russisch verständigen und genieße die Zeit im Ausland. Inzwischen ist der ehemalige Nationalspieler auch Kapitän von Dynamo Moskau. Das habe ihn reifen

lassen, sagen Beobachter. Er selber meint: „Für mich ist es wichtig, die Mannschaft als Spieler nach vorne zu bringen und sie zu führen. Und reifer bin ich geworden, klar; je älter man wird, umso reifer wird man."

Sein Vertrag bei Dynamo Moskau läuft noch bis Ende 2015. Danach kann er sich vorstellen seine aktive Laufbahn als Fußballer zu beenden und nach Stuttgart, ins Ländle, zurückzukehren. Dort leben seine Freunde und seine Familie, deshalb fliegt er durchschnittlich einmal im Monat in die alte Heimat. Wobei, was bedeutet schon Heimat? Brasilien war einmal seine Heimat, dann Panama und schließlich Deutschland. Heute ist Kevin Kurányis Heimat Moskau.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland