3. Halbzeit: ZSKA gegen Spartak

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden die Begegnungen zwischen Spartak und ZSKA zum bedeutendsten Aufeinandertreffen im russischen Fußball. Foto: ITAR-TASS

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden die Begegnungen zwischen Spartak und ZSKA zum bedeutendsten Aufeinandertreffen im russischen Fußball. Foto: ITAR-TASS

Die Begegnungen zwischen den Moskauer Fußballvereinen Spartak und ZSKA gehören zu den aufregendsten Spielen im russischen Fußball. Den Kampf um die Vorherrschaft im russischen Fußball führen nicht nur die Fußballer auf dem Spielfeld, sondern auch die Fans.

Am vergangenen Sonntag, dem 21. April, fand im Luschniki-Stadion zum 174. Male das wichtigste Derby des russischen Fußballs statt – die Begegnung zwischen ZSKA und Spartak. Hausherr ZSKA, aktueller Tabellenführer der Premier Liga, lag bis zur 73. Minute bereits mit 0:2 hinten. Doch mit einer Energieleistung konnte ZSKA das Blatt doch noch wenden und vermied eine Heimniederlage. Durch einen Elfmeter in der Nachspielzeit erzielte ZSKA‑Star Alan Dsagojew letztendlich den Ausgleichstreffer zum 2:2 und ließ die 30 000 Anhänger der Rot-Blauen im Stadion und die Fußballfans vor den Bildschirmen in Begeisterung ausbrechen.

Spartak Moskau hat, auch wenn die letzte Meisterschaft schon 12 Jahre her ist, die größte Anhängerschaft in Russland. So waren die Spartak-Anhänger bei der Begegnung mit ZSKA in der Überzahl. Die Gästemannschaft hatte deutlich mehr Fans im Luschniki-Stadion – es

wurden 40 000 Schlachtenbummler gezählt. Nach dem späten Ausgleichstreffer von ZSKA trat im Fanblock der Rot-Weißen Grabesstille ein, die schnell in Wut über den Moskauer Schiedsrichter Sergej Karasew überging.

Diese Wut steht allerdings in keinem Vergleich zu der Schmach, die die ZSKA-Fans ihren Gegnern zufügten. Einen Tag vor der Begegnung fackelten Anhänger des Armeesportklubs ein riesiges Spartak-Transparent ab. Während der ersten Halbzeit der Begegnung rollten Sie ein übergroßes Banner aus, das Andrej Tichonow, den langjährigen Kapitän der Rot-Weißen, beleidigte. Begleitet wurde diese Aktion von weniger höflichen Sprechchören an die Adresse des Spartak-Spielers. Die Spartak-Fans versuchten ihre Gegner niederzuschreien und beschimpften das ganze Spiel über den ZSKA-Fanblock. Dies war bei weitem nicht der erste Vorfall dieser Art zwischen den beiden Fanlagern.

Eine der aufsehenerregendsten Fan-Aktionen wurde im Jahre 2009 durchgeführt. Die Spartak-Fans waren im Begriff ein übergroßes Banner anfertigen, das auf Michelangelos Schöpfung des Menschen basierte. Im Unterschied zum Original sollte sich jedoch in der Mitte des Bildes das Spartak-Emblem befinden. Die Anhänger von ZSKA erfuhren von diesem Vorhaben. So kamen die ZSKA-Ultras „zu Besuch" und verbrannten das Spartak-Banner, das fast fertig war. Die Rot-Weißen waren somit einen Tag vor dem wichtigsten Spiel der Saison ihrer Attraktion beraubt. Damit war die Geschichte allerdings noch nicht zu Ende. Die Spartak-Anhänger gaben nicht auf, mobilisierten alle Kräfte und arbeiteten die ganze Nacht an einer neuen Variante. Im Ergebnis gelang es dank diesem Enthusiasmus, das Transparent gerade rechtzeitig zum Anpfiff wiederherzustellen. Als die Fußballspieler aufs Feld liefen, konnte man das „Gemälde" auf der Tribüne bewundern. Und zudem ein kleineres Transparent mit der Aufschrift „Kunstwerke kann man nicht zerstört sehen".

Allerdings kochen die Emotionen bei weitem nicht immer so hoch. Lange Zeit befand sich das Lokalderby Spartak – ZSKA im Schatten der Auseinandersetzung zwischen ZSKA und dem Moskauer Dynamo sowie zwischen Spartak und dem Kiewer Dynamo. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion jedoch wurden die Begegnungen zwischen Spartak und ZSKA allmählich zum bedeutendsten Aufeinandertreffen im russischen Fußball.

Vom Beginn der Neunzigerjahre bis hin zum Jahre 2000 beherrschte Spartak die russische Liga ohne nennenswerte Konkurrenz. Sie gewannen eine Meisterschaft nach der anderen. Seit 1999 allerdings setzte der ZSKA die Rot-Weißen zunehmend unter Druck. In den letzten dreizehn Jahren errang ZSKA wesentlich beeindruckender Erfolge als Spartak – die Rot-Blauen siegten dreimal im Kampf um den Meistertitel und gewannen den prestigeträchtigen UEFA-Cup.

Nach Meinung Andrej Malosolows, eines der Wortführer der ZSKA-Fanvereinigung, nehmen die Spannungen zwischen den Anhängern beider Mannschaften zu. „Die Fans von ZSKA und Spartak finden schon seit langem keine gemeinsame Sprache mehr", erklärte Malosolow dem Korrespondenten von Russland HEUTE. „Als ZSKA Anfang des Jahrtausends kometenhaft an die Spitze der Tabelle stürmte, waren unsere Klubs durch eine neue Generation Fußballfans geprägt. Ich glaube, dass gegenwärtig nach der Zahl der Mitglieder ZSKA in Moskau über die zweitgrößte Torcida, also den zweitgrößten Fanclub verfügt. Mit der Zeit kamen zum Lokalderby zwischen ZSKA und Spartak immer mehr Zuschauer, was die jeweiligen Fanlager zu immer neuen Aktionen gegen die jeweils andere Fangemeinde angeregt hat. Abgefackelte Transparente gehören zum Derby wohl mit dazu. Das war nicht die erste und wird auch nicht die letzte derartige Aktion gewesen sein. Vor zehn Jahren haben sich die Schlachtenbummler gegenseitig noch verprügelt. Heutzutage werden bei den Spielen massiv Polizeikräfte eingesetzt. Dabei stehen die militanten Fußballfans unter besonderer Beobachtung. Man kann es auch so sagen: Die harte Art der Konfrontation hat sich in eine etwas mildere gewandelt".

Das Vorgehen der Moskauer Regierung ist ein Beleg für Malosolows Aussage, wonach bei den Lokalderbys die größtmögliche Zahl an Ordnungshütern eingesetzt wird. Bei der letzten Begegnung waren es mehr als zweitausend Polizisten.

Der langjährige Spartak-Anhänger Ilja Molokanow glaubt, dass ZSKA-Fans die Grenzen des Zulässigen überschritten haben, als sie den Ex-Kapitän beleidigten. „Andrej Tichonow ist eine lebende Legende unseres Klubs, der sich gegenüber den Anhängern unserer Gegner immer korrekt verhalten hat", erklärte Molokanow. „Ich verstehe nicht, warum die Schlachtenbummler von ZSKA ihn ausgesucht haben. Wir werden sehen, wie unsere Fußballfunktionäre darauf reagieren".

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