Ein Leben unterm Segel

Russische Seglerin Jekaterina Skudina: "Mühe, Kontrolle und Stress – diese Worte begleiten Segler in ihrer gesamten Karriere". Foto: AP

Russische Seglerin Jekaterina Skudina: "Mühe, Kontrolle und Stress – diese Worte begleiten Segler in ihrer gesamten Karriere". Foto: AP

Jekaterina Skudina, Russlands berühmteste und erfolgreichste Seglerin, träumt seit über zwei Jahrzehnten von einer Medaille bei den Olympischen Spielen. Russland HEUTE sprach mit ihr über ihr Scheitern und ihre neue Hoffnung.

„Segeln ist für mich ein intelligenter Sport, der zwischen den üblichen Sportarten und Schach angesiedelt ist. Denn beim Segeln muss man viel mitdenken: Es müssen Informationen analysiert werden, man muss rasch auf Veränderungen reagieren und Entscheidungen treffen können. Doch Segeln ist für mich vor allem eines: mein Leben", erklärte Jekaterina Skudina im Gespräch mit Russland HEUTE.

Bei den Olympischen Spielen 2012 in London fand dieses „Leben" beinahe ein Ende, denn für die Sportlerin zerplatze ihr Traum von einer Olympiamedaille. Der Grund dafür war jedoch nicht das Kliff, sondern eine unfaire Wertung, die dazu führte, dass das russische Team im Match Race die Bronzemedaille an das finnische Team verlor.

Skudina kämpfte 20 Jahre lang um einen Olympia-Podestplatz. Sie wechselte ihre Boote und Regattareviere, gewann bei Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und bei äußerst prestigeträchtigen Regatten wie dem Eurocup, der Kieler Woche und der Hyeres-Regatta. Doch bei den Olympischen Spielen schaffte sie nie den Sprung auf das Podest: Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen ging sie nur als Achte durchs Ziel, in Peking 2008 erreichte sie den sechsten Platz und in London schließlich war die Medaille im Match Race zum Greifen nahe.

Was ein vierter Platz wirklich bedeutet, weiß nur jemand, der ihn belegt hat. So denken zumindest die Sportler, für die es aus verschiedenen Gründen nicht für einen Podestplatz gereicht hat. Doch ist es möglich, dass diese Erfahrung Skudina noch stärker gemacht hat?

Russland HEUTE: Jekaterina, ist ein solches Resultat eine Enttäuschung für Sie, weil sich Ihr Traum von einer Olympiamedaille nicht erfüllt hat, oder freut es Sie dennoch, da Sie mit Ihrem Team seit 16 Jahren erstmals wieder so eine gute Platzierung eingeholt haben?

Jekaterina Skudina: „Wir haben uns nicht nur eine gute Platzierung erwartet, sondern eine Medaille, ja sogar die goldene. Und wir haben buchstäblich um einen Millimeter den dritten Platz verpasst. Daher ist die Enttäuschung wohl größer als die Freude. Eines beruhigt mich jedoch: Ich habe ein Team zusammengestellt und ein System entworfen, das uns zu diesem Resultat geführt hat. Denn unser Auftritt war wirklich nicht schlecht. Wenn man sein Leben für etwas hingibt, dann funktioniert diese Sache auch. Ich hoffe nur, dass sie uns auch in Zukunft Erfolge einbringen wird."

 Sie haben bereits so viele Titel eingeholt, doch bei Olympia hat es nie gereicht...

Jekaterina Skudina: „Womöglich ist das eine Lektion, die ich lernen musste. Die Olympischen Spiele haben mich allerdings viel gelehrt und das sowohl als Sportlerin als auch als Managerin. All das kommt mir in meinem Leben zugute – ich bereue nichts. Es sind wohl weniger Enttäuschungen als vielmehr unschätzbar wertvolle Erfahrungen, die ich machen durfte und die ich gegen nichts in der Welt tauschen würde."

Unser Gespräch fand jedoch keinen unbedingt positiven Ausklang. Denn zum Zeitpunkt des Gesprächs war sich Skudina eines sicher: London würden die dritten und letzten Olympischen Spiele sein; es wurde Zeit, auf das Festland zurückzukehren. Die See hatte sie allerdings nur für kurze Zeit verloren. Bereits Ende Oktober 2012 hisste Skudina wieder die Segel und nahm am Busan Cup in Korea teil. Über Pläne, zum vierten Mal an den Olympischen Spielen teilzunehmen, verrät sie jedoch noch immer nichts Konkretes. Doch die Weltmeisterschaft, die im Sommer 2013 ebenfalls in Korea stattfinden wird, sei bereits rot in ihrem Terminkalender markiert.

„Mühe, Kontrolle und Stress – diese Worte begleiten Segler in ihrer gesamten Karriere. Nach den Spielen in London wollte ich mich einfach ausruhen, erholen, nachdenken, überlegen und alles abwägen. Doch ich brauchte nicht lange dafür, denn mir wurde schnell eines klar: Wettkämpfe sind ein äußerst interessanter Teil des Sports und, was das Wichtigste ist, sie sind ‚meine' Disziplin. Die Entscheidung, meine Karriere fortzusetzen, fiel mir nicht leicht. Doch wenn ich mich nun so entschieden und mich darauf eingestellt habe, auch an der Weltmeisterschaft teilzunehmen, dann muss ich mich darauf vorbereiten und mit meinem Team trainieren."

Jekaterina Skudina hat ihren Olympiatraum nicht aufgegeben, sie hat den Traum nur etwas abgeändert. Ihre Mutter, die zugleich ihr größter Fan ist, sagt gegenüber Russland HEUTE, es sei alles nur eine Sache des Charakters: „Ich war bei einigen ihrer Wettkämpfe dabei und bin sogar auf dem Begleitboot gewesen. Dort war ich ihr so nahe, dass ich alle ihre Emotionen sehen konnte, den ganzen Stress, die Anstrengung. Ich war daher sofort dagegen, als Katja meinte, sie habe sich für die Regatta angemeldet. Sie ist doch ein Mädchen und dort sind die See, die Wellen, der Wind, die Kälte. Aber ihr Papa war einverstanden. Katja war scheinbar stärker, als ich dachte, ihr Charakter ist stärker. Sie ist eine Kämpferin, ein starkes, zielstrebiges Mädchen. Sie hält alles durch."

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