Im Galopp nach Rio zur Olympiade

Für die Olympischen Sommerspiele 2016 erhofft sich Inessa Poturajewa für die Reiterequipe erstmals wieder vordere Plätze.

Inessa Poturajewa: Wenn Reiter und Pferd miteinander sprechen und sich verstehen, dann ist der Grundstein für die Karriere gelegt. Foto: Imago / Legion Media

Inessa Poturajewa, die Grand Dame des russischen Pferdesports und Senior-Trainerin der russischen Dressur-Nationalmannschaft hegt im Interview berechtigte Hoffnungen, dass die Pechsträhne der Reiter bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro zu Ende geht.

Russland HEUTE: Bei den Olympischen Spielen 2012 in London hat die Reitsport-Mannschaft Russlands im Springreiten und im Vielseitigkeitsreiten nicht gerade geglänzt. Und im Dressurreiten, dem spektakulärsten Programmteil, war sie gar nicht erst vertreten. Warum, Inessa, stolpern die russischen Pferde?

Inessa Poturajewa: Unsere Reiterequipe ist – wenn man einmal von den Olympischen Spielen 1980 absieht – bereits vierzig Jahre ohne internationale Medaillen! Zuvor hatten wir durchaus erfolgreiche Reiter, echte Champions. Bei internationalen Vergleichen landeten wir immer in den vorderen Rängen. Einige Wettbewerbe konnten wir sogar gewinnen.

Aber mit dem Untergang der Sowjetunion ist das Niveau drastisch abgesackt: Viele Sportler kehrten unserem Land den Rücken, um im Ausland eine Profikarriere zu starten. Die Ausbildung der Pferde wurde vernachlässigt.

In den letzten drei Jahren hat sich die Situation jedoch deutlich verbessert. Es entstanden neue Reitsportanlagen, einige Reiter kehrten aus dem Ausland in die Heimat zurück. Selbst wenn sie nicht mehr aktiv an

Ruhmreiche Geschichte

 

Sowjetische Pferdesportler nehmen seit 1952 an Olympischen Spielen teil. Bei den Olympischen Spielen in Rom (1960) errang der Dressurreiter Sergej Filatow mit seinem Pferd Absinth die Goldmedaille.

Iwan Kisimow erhielt zweimal Gold in der Dressur – 1968 in der Einzelwertung und 1972 mit der Mannschaft.

Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau holte die Mannschaft der Sowjetunion in den Reitsportdisziplinen dreimal Gold, dreimal Silber und zweimal Bronze.

Wettbewerben teilnehmen, so bilden sie dennoch den Nachwuchs aus.

Als Senior-Trainerin der Dressur-Mannschaft wissen Sie bestimmt, wo Sie bei der Vorbereitung ansetzen müssen, um es ganz nach vorne zu schaffen?

Als ich vor kurzem meine neue Aufgabe antrat, fielen mir als erstes die sehr schlecht ausgebildeten Pferde ins Auge. Ich nahm mir deshalb vor, die älteren Tiere aufs Altenteil zu schicken und das Training mit jüngeren zu beginnen. Mein Vorhaben stieß nicht gerade auf Begeisterung. Es wurde hin und her diskutiert und vor allem kritisiert. Man sprach mir ab, dass ich erkennen könnte, ob ein Pferd für internationale Wettbewerbe taugt oder nicht.

Trotz aller Vorbehalte setzte ich mich durch und freue mich natürlich, dass bisher alle meine Prognosen eingetroffen sind. Die Tiere haben gute Fortschritte gemacht und erste Ergebnisse eingefahren. Denn eines war mir von Anfang an klar: Vieles hängt am Tier. Wer ein guter Reiter ist und in die Nationalequipe aufgenommen werden soll, braucht ein ausgezeichnetes Pferd.

Moment, Sie heben die Rolle des Tiers heraus, spielt denn der Reiter nur eine Nebenrolle?

Nein. Es ist fifty-fifty. Vom Menschen hängt natürlich genauso viel ab wie vom Pferd. Aber das Pferd muss erst einmal gefunden sein. Die eigentliche Herausforderung beginnt aber beim Zusammenspiel der beiden. Reiter und Pferd können für sich genommen Weltklasse sein, aber wenn es zwischen den beiden nicht funkt, wenn es zwischen ihnen kein gegenseitiges Verständnis gibt, dann wird aus ihnen niemals ein Paar.

Es ist ein Wahnsinnsgefühl, wenn man erlebt, wie das Tier einen zu verstehen beginnt! Wenn Reiter und Pferd miteinander sprechen und sich verstehen, dann ist der Grundstein für die Karriere gelegt. Es gibt wirklich kluge Pferde: Du hast gerade etwas gedacht und Dir vorgenommen, aber das Kommando noch nicht erteilt, aber das Pferd weiß im selben Moment schon, was es machen soll. Olympische Wettbewerbe lassen sich nur mit einem solch klugen Pferd gewinnen.

Zeitgleich mit Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2016 beraten Sie die Reitsportnummer „Im Galopp nach Rio". Können Sie uns verraten, worum es dabei geht?

"In Galopp nach Rio" ist eine Show, bei der russische Künstler und Prominente als Artisten und Sportler auftreten. Wir stehen da in einer langen Tradition. Prominente und Kulturschaffende präsentierten sich schon immer im Zirkus, im Varieté, beim Eiskunstlauf oder im Showtanz. Jetzt setzen sie sich auf einen Pferderücken. Anfangs war ich schon etwas skeptisch, doch dann habe ich mich davon überzeugen können, dass die Stars sehr zielstrebig und ausdauernd sind. Ich glaube, das Projekt gelingt. Mit dieser Show wollen wir zeigen, dass Pferdesport etwas sehr Schönes ist und dass er außer der Anstrengung und Beharrlichkeit, die er abverlangt, auch sehr viel Freude, Eleganz und Erfüllung bringt.

Wie ist die bisherige Resonanz?

Viele der über 15.000 wöchentlichen Besucher unserer Facebook-Seite "liken" unser Projekt. Außerdem bekomme ich begeisterte Anrufe aus den Niederlanden, den USA oder aus Deutschland. Man hat dort von unserem Projekt gehört und will mehr darüber erfahren. Eine französische Eliteschule ist sogar an uns herangetreten und hat unsere Stars eingeladen, in Frankreich Workshops zu geben.

Wie stehen denn die Russen überhaupt zum Pferdesport?

Ich höre ständig, dass Reiten in Russland eine unpopuläre Sportart sei, dass sich das Publikum so etwas nie anschauen würde. Das stimmt nicht. Klar, es wird halt so gut wie keine Werbung gemacht. Aber möchte ein Gegenbeispiel nennen: Vor kurzem fand das Festival "Spasskiturm" statt, an dem unsere Equipe mitgewirkt hat. Der ganze Rote Platz war voller Menschen. Alle wollten unsere Pferde sehen, keiner ging vor Programmschluss nach Hause. Wir wurden um Autogramme gebeten, und die Leute wollten sich mit uns fotografieren lassen. Sie bestätigten uns und den schönen Sport: „Eure Pferde sind märchenhaft!"

Und bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio? Sind unsere sportlichen Aussichten auch märchenhaft? Oder gar realistisch?

Die sind realistisch. Meiner Meinung nach kann sich der Pferdesport in der nächsten Zeit sehr positiv entwickeln. Ein Pferd braucht für ein olympisches

Programm eine Vorbereitungs- und Trainingszeit von sechs bis sieben Jahren. Das ist zwar eine lange Zeit, aber ich denke, in Rio werden wir bereits die Früchte unserer Arbeit ernten können.

Inessa, werden Sie in Rio de Janeiro selbst im Sattel sitzen?

Dressurreiten ist ein Lebensstil - auch für mich. Ich verbringe mehr Zeit im Sattel als zu Fuß. Das Training nimmt ohnedies sehr viel Zeit in Anspruch. Um Ihre Frage zu beantworten, will ich Ihnen ein Gleichnis geben: Einmal kam im Finale eines World Cups eine 71-jährige Reiterin auf den zweiten Platz. 2016 zu den Olympischen Sommerspielen in Brasilien werde ich gerade mal 52 sein. So Gott will, werde ich also dabei sein. Und wenn die Gesundheit mitspielt, werden das auch nicht die letzten Olympischen Spiele für mich sein.