Jelena Dementjewa: „Topspieler sind auf jedem Spielbelag zu Hause“

Jelena Dementjewa: "Für Weltklassespielerinnen gibt es nichts Unmögliches". Foto: RIA Novosti

Jelena Dementjewa: "Für Weltklassespielerinnen gibt es nichts Unmögliches". Foto: RIA Novosti

Die French Open sind vorbei, Wimbledon steht vor der Tür. Roter Sand macht englischem Rasen Platz. Ist die Umstellung gewaltig oder hat sich keine Auswirkung? Das ehemalige russische Tennis-As Jelena Dementjewa im Interview.

Als wir dem Finale in Paris zwischen der Russin Maria Scharapowa und der Amerikanerin Serena Williams zusahen, hatten wir den Eindruck, das Spiel würde nicht auf einem „langsamen" Sandplatz gespielt. Die Geschwindigkeit war wahnsinnig, ja fast schon kosmisch. Das trifft vor allem auf die Schläge von Serena Williams zu.

Jelena Dementjewa: Den Eindruck hatte ich auch. Ich bin allerdings nicht einverstanden mit der Einschätzung, dass Marias Schläge schwächer waren. Nein, das Spiel von Maria war ebenso kosmisch, genau wie Sie es genannt haben. Aber Williams spielte ausgeglichener, aggressiver und konzentrierter.

Es heißt, dass sich die jüngere der Williams-Schwestern auf eine besondere Weise auf die Begegnungen mit Scharapowa vorbereitet. Und sie wird angreifbar, wenn sie von ihrer Gegnerin weder ein sehr hohes Niveau noch einen verzweifelten Widerstand erwartet. Gegen Swetlana Kusnezowa zum Beispiel hätte sie fast verloren.

Nein, da werden sie Swetlana nicht gerecht. Kusnezowa ist eine der stärksten Tennisspielerinnen. Sie verfügt über ein umfangreiches technisches Arsenal und versieht ihre Bälle mit einem sehr gefährlichen Spin – das weiß ich aus eigener Erfahrung. Williams hatte Angst zu verlieren und kämpfte mit aller Kraft. Für mich war dieses Spiel eines der besten der diesjährigen French Open.

Mir ist sogar folgende Interpretation zu Ohren gekommen: Williams' ungebrochene Siegesserie gegen Scharapowa hat einen politischen Grund: Die Amerikanerin kann gegen wen auch immer verlieren, aber nicht gegen Scharapowa – eine Vertreterin Russlands. Wenn sie überhaupt einmal verliert, dann gegen jemanden, wie ihre junge Landsfrau Stevens.

Das ist totaler Unsinn. Das hat sich jemand aus den Fingern gesogen. Ich habe großen Respekt vor Serena Williams als Sportlerinnen. Und zudem hat ja die Russin Jekaterina Makarowa im vergangenen Jahr bei der Australian Open gegen sie gewonnen. Was die Siegesserie der Amerikanerin betrifft, so würde ich auch gerne wissen, wie lange diese noch anhält.

Serena scheint es vollkommen egal zu sein, auf welchem Belag sie spielt. Ob nun Sand, Gras oder Hartplatz – sie spielt überall gleichermaßen herausragend.

Für Weltklassespielerinnen gibt es nichts Unmögliches. Deren Spiel ist so stark, dass sie unter allen Bedingungen und auf jedem Belag erfolgreich sind.

Keiner hätte vorher geglaubt, dass der als „König des Sandplatzes" gesetzte Spanier Rafael Nadal die Grasplätze „erobert" oder Scharapowa auf Sand erfolgreich sein würde.

Die können überall gewinnen. Scharapowa hat sich seinerzeit extra auf das Spiel auf Sand vorbereitet. Dabei habe ich den Eindruck, dass Maria ihren Stil nicht geändert hat. Sie fährt ihre Linie der starken Schläge und hält daran fest. Scharapowa muss ihr Spiel nicht ändern, wenn sie vom

Sandplatz der French Open auf das Gras von Wimbledon wechselt. Darin besteht ja gerade, wie bei allen anderen großen Spielerinnen, ihre Stärke.

Wer ist Ihrer Meinung nach die größte Favoritin auf den Sieg in Wimbledon?

Das lässt sich nur schwer sagen, aber zu den Anwärterinnen auf den Sieg zähle ich Serena Williams, genauso wie auch Maria Scharapowa. Oder die Weißrussin Wiktoryja Asaranka, obwohl sie sich auf Gras nicht besonders wohl fühlt. Dieses Dreiergespann hat die besten Aussichten. Aber im Prinzip hat auch die Polin Agnieszka Radwańska Chancen auf den Sieg.

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