Winter-Olympiade unter Palmen

Foto: ITAR-TASS

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Bislang war Sotschi als „russische Riviera“ bekannt, als Badeort am Schwarzen Meer. Stalin hat die Stadt als begehrten Kurort etabliert, mit 160 Gesundheitszentren – „Sanatorien“ genannt. Es sind bis heute prunkvolle Anlagen für erschöpfte Werktätige nach dem Motto „Arbeiter sollen sich in Palästen erholen“. In sieben Monaten sollen hier die Olympischen Winterspiele stattfinden, denn Sotschi hat nicht nur Strand sondern auch Berge. Doch wie ist die Stimmung in der Bevölkerung? Und wie weit sind die Vorbereitungen? Ein Zustandsbericht.

Sotschi ist eine einzige große Baustelle. Überall wird gehämmert, gebohrt und gemörtelt. Sotschi ist mit 145 Kilometern die längste Stadt Europas. Für die Winter-Olympiade 2014 ist das wohl die größte Herausforderung. Momentan braucht man zwei Stunden mit dem Bus, um vom Zentrum zum Olympia-Park zu gelangen. Das größte Problem sind: die nicht enden wollenden Staus. Und so fließt das meiste Geld nicht in die Stadien sondern in die Infrastruktur. Bis eine neue Autobahn oder eine Zugtrasse fertig gebaut ist, das dauert. Deshalb leiden die Bewohner von Sotschi seit Jahren unter Staus, Staub und Lärm. Mit Reinigungsfahrzeugen werden die Straßen regelmäßig bewässert, um den Staub einzudämmen. Helfen tut es wenig.

Das erste Hotel, das im Olympia-Park vergangenen November eingeweiht wurde, ist das „Radisson Blu“. Außen prangen fünf Sterne, innen duftet es nach Orchideen. Es ist das offizielle IOC-Hotel. Das heißt, wenn Konferenzen oder Business Meetings des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) stattfinden, dann hier. Hoteldirektor ist der 48-jährige Thomas Hagemann, ein Deutscher mit kurzen grauen Haaren und einem sympathischen Lächeln. Bald wird er in Sotschi fünf Hotels verantworten – drei sind bereits fertig, zwei weitere noch in der Pipeline. „Man kann Woche für Woche sehen, wie ein Gebäude nach dem anderen fertiggestellt wird“, sagt er und kommt ein bisschen ins Schwärmen, „auf dem gesamten Gelände sind 30.000 Arbeiter im Einsatz und die sorgen dafür, dass viel in Bewegung ist.“

Kein Wunder, möchte man meinen, denn einen Feierabend gibt es nicht. Es bleibt nicht mehr viel Zeit bis zum 7. Februar 2014, dem Eröffnungsfest der Olympischen Winterspiele in Sotschi. Und da die Spiele von Präsident Wladimir Putin höchstpersönlich zur Chefsache erklärt wurden, müssen es die besten Spiele aller Zeiten werden. Seiner Meinung nach ist es „eine Frage der Ehre“, dass die Spiele „normal, professionell und festlich“ verliefen. In jedem Fall werden es die teuersten Spiele in der olympischen Geschichte.

Neuer olympischer Rekord: Ausgaben von rund 40 Milliarden Euro

Ursprünglich waren die Kosten auf zehn Milliarden Euro veranschlagt. Ein Jahr vor der Olympiade wurde nachgebessert und die Summe auf rund 40 Milliarden Euro hochgeschraubt – selbst die bombastischen Sommerspiele in Peking 2008 haben mit 30 Milliarden Euro weniger gekostet. Die größten Sorgen bereiteten den Verantwortlichen die beiden Ski-Sprung-Schanzen: Zwei Jahre Bauverzögerung und sieben Mal höhere Ausgaben als ursprünglich geplant. Das machte selbst Präsident Putin bei seiner letzten Stippvisite stutzig und so musste der Vize-Chef des russischen Nationalen Olympischen Komitees, Achmed Belalow, kurzerhand gehen. Wer für die Mehrkosten aufkommen wird, ist völlig unklar. Ursprünglich sollten für einen Großteil der Olympiade wohlhabende Oligarchen wie Oleg Deripaska oder Wladimir Potanin aufkommen. Doch die weigern sich, genauso wie Putin, die Mehrkosten zu tragen.

Zurück zum Olympia-Park. Dort wird zwar immer noch fleißig gebaut: Die meisten Olympischen Objekte – elf Stück an der Zahl – sind bereits fertig. Einzig das „Olympia-Stadion“ in dem Eröffnungs- und Abschlussfeier stattfinden sollen, ist noch nicht bezugsfertig. In allen anderen Hallen und Objekten wurden bereits Testläufe und internationale Wettbewerbe ausgetragen. Bei so viel Bauwut stellt sich früher oder später die Frage der Nachhaltigkeit. Denn Sotschi ist ein Badeort mit 450.000 Einwohnern. Wie will man es da schaffen, elf Olympische Objekte wirtschaftlich zu betreiben?

Sotschi ist eine einzige große Baustelle. Foto: Pauline Tillmann

Die Idee der russischen Regierung lautet, Sotschi im Anschluss an die Winter-Olympiade zu einem internationalen Sport-Ressort umzumodeln. So sollen in der Curling-Halle, dem Skating-Center, dem Eispalast, der großen und kleinen Eis-Arena, dem Snowboard-Park, dem Biathlon-Zentrum und auf der Bob- und Rodelbahn künftig russische Olympioniken trainieren. Ursprünglich hat man vier Hallen so gebaut, dass man sie hätte abbauen und woanders wieder abbauen können. Aber dann hat man sich kurzfristig dafür entschieden, alle Objekte stehen zu lassen – „weil man sie alle benötigt“, wie es später heißt.

Auch benötigt werden: viele neue Hotelzimmer. Man spricht von insgesamt 42.000 Betten. Deshalb werden im Zentrum von Sotschi mehr als 20 neue Hotels gebaut. Viele von ihnen Hochhäuser, die nach Meinung der Bevölkerung „die Silhouette der Stadt verschandeln“. Früher dominierten das Stadtbild niedrige Häuser mit maximal fünf Etagen. Heute ragen immer wieder Hochhausrümpfe in die Höhe, die bei vielen Bewohnern für Unmut sorgen. So auch bei Wladimir Kimajew. Der Umweltschützer sagt, die Winter-Olympiade sei eine einzige Tragödie: „Viele Grünflächen sind verschwunden, stattdessen baut man überall diese Glas-Beton-Klötze hin – ich verstehe das nicht.“ Und geht noch weiter: „Dieses dreiwöchige Fest ist ein Verbrechen gegen die Natur und vor allem auch gegen die Menschen.“ Damit meint er rund 2.000 Menschen, die aufgrund der Olympiade umgesiedelt werden mussten.

Etwa 2.000 Menschen wurden umgesiedelt

Der 55-jährige Andrej Martenew ist einer von ihnen. Er hatte auf dem Gelände des Olympia-Parks ein Haus gekauft. Später wurden ihm Formfehler nachgewiesen, woraufhin das Haus abgerissen wurde. Seit Januar wohnt er mit seiner Frau in einem ehemaligen Sowjetbunker auf acht Quadratmetern. So wie ihm geht es vielen Familien. Eine Entschädigung ist bislang nicht in Sicht. „Am schlimmsten war der Tag, an dem die Bulldozer angerückt sind und den Traum eines Eigenheims mit einem Mal zertrümmert haben“, erinnert sich Andrej Martenew. Als Kurierfahrer versucht er sich und seine Familie durchzubringen. Zum Abschied sagt er noch, dass es ihm nicht in den Kopf gehe, warum man eine Winter-Olympiade in den Subtropen veranstalten müsse.

Diese Frage stellt sich nicht nur Andrej Martenew. Und: Genau darum geht es. Es geht darum, dass es in Sotschi beides gibt – Meer und Berge. Und dass man die Welt zum Staunen bringen will, indem man beides miteinander kombiniert. Man will aus Sotschi eine internationale, ganzjährige Touristenhochburg machen. So sollen die reicheren Russen künftig zum Ski fahren nicht mehr nach Kitzbühel fahren sondern an die Schwarzmeerküste. Sie sollen Gefallen daran finden, in kurzen Hosen und oberkörperfrei die Piste hinunter zu brettern. Denn während es im April in den Bergen null Grad hat, ist es im Tal zehn Grad wärmer.

Die alpinen Wettbewerbe werden allerdings nicht im Olympia-Park ausgetragen, sondern im „Mountain Cluster“, in Krasnaja Poljana, 70 Kilometer vom Zentrum entfernt. Derzeit braucht man drei Stunden, um mit dem Bus dorthin zu gelangen. Wenn die Zugverbindung im September fertig ist, soll es nicht mehr als 30 Minuten dauern. Um mit dem Ski-Lift auf 2.320 Meter hinauf zu fahren, muss man umgerechnet 32 Euro hinblättern. Die Preise in Sotschi sind vergleichbar mit denen in Moskau – und Moskau ist die teuerste Stadt der Welt. „Wenn man nach Sotschi kommt, muss man genug Geld mitbringen“, lautet das einhellige Credo, doch Hoteldirektor Thomas Hagemann gibt sich optimistisch: „Die Preise werden ganz sicher sinken; Nachfrage regelt den Preis.“ Denn auch wenn die Skilifte optisch denen in Österreich ähneln, der Service tut es nicht. In vielen Hotels und Restaurants wird bis heute nicht gelächelt, der Kunde ist nicht König sondern – die Sowjetunion lässt grüßen – wird als lästig empfunden. Immer noch ist das fehlende Service-Bewusstsein eines der größten Probleme in Hinblick auf die Winter-Olympiade 2014.

„Wir müssen den Freiwilligen beibringen, zu lächeln“

Auch Sergej Tscheremschanow, der das Freiwilligenzentrum im Erdgeschoss der Staatlichen Universität von Sotschi leitet, sagt: „Wir müssen den

Freiwilligen beibringen, zu lächeln und immer hilfsbereit zu sein.“ Mehr als 25.000 Freiwilligen werden während der Olympischen Winterspiele im Einsatz sein. Alle paar Wochen werden neue ausgebildet. Sie pauken die Geschichte der Olympiade, die Entstehung der Paralympics und die Kennziffern der einzelnen Olympischen Objekte: Wie viele Plätze gibt es? Wann wurden Sie fertig gestellt? Welche Wettbewerbe wurden bereits abgehalten?

Aus 200.000 Bewerbern wurden die Besten aus ganz Russland ausgewählt. Sergej Tscheremschanow unterrichtet Buchhaltung an der Universität, die Einhaltung von Regeln ist ihm wichtig. Besonders häufig wiederholt er, dass die Freiwilligen nicht nur im Februar 2014 im Einsatz sein werden. „Bald wird in Sotschi die Formel 1 ausgetragen, dann der G8-Gipfel, 2018 ist die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland; es gibt genug Veranstaltungen, bei denen unsere Freiwilligen gebraucht werden“, sagt er selbstbewusst. Wie man so viele Freiwillige organisiert, hat sich der Uni-Dozent von Vancouver und London abgeschaut. Doch in London war die Infrastruktur bereits vorhanden – und lächelnde Freiwillige auch.

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