Oksana Sawtschenko schwimmt gegen alle Vorurteile an

Mit ihren 22 Jahren hat Oksana Sawtschenko alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Foto: AP

Mit ihren 22 Jahren hat Oksana Sawtschenko alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Foto: AP

Nach einer schwierigen Kindheit hat sich Oksana Sawtschenko gegen viele Widrigkeiten durchgesetzt und vertritt Russland nun sehr erfolgreich bei den paralympischen Wettkämpfen. Dies scheint ihr aber nicht jeder zu gönnen.

Oksana Sawtschenko kam schwerkrank zur Welt: Sie litt bereits als Säugling bei beiden Augen an grünem Star. Die Ärzte diagnostizierten diese Krankheit jedoch viel zu spät, sodass auch durch mehrere Operationen das Augenlicht eines Auges nur teilweise gerettet werden konnte. Seit damals sieht Oksana die Welt anders, was sie aber nicht davon abhielt, zu einem der hellsten Sterne am Sporthimmel zu werden. Mit ihren 22 Jahren hat die junge Schwimmerin alles gewonnen, was es zu gewinnen gab, hat gleich mehrfach Weltrekorde aufgestellt und über 100 Goldmedaillen geholt.

Eine dunkle Brille, zusammengebundenes Haar, breite Schultern, die von einer bunten, gestreiften Jacke bedeckt werden – so erscheint Oksana Sawtschenko am Eingang des Schwimmbads Burewestnik („Sturmvogel") in Ufa. Wir bemerken sofort die Sicherheit in den Bewegungen und im Gang der jungen Sportlerin. Sie blickt sich einige Male um, sieht uns jedoch erst, als wir ihr zuwinken. Oksana nimmt daraufhin ihre Brille ab und lächelt uns zurückhaltend an. Wir folgen ihr in das Schwimmbad, in dem die Weltmeisterin trainiert. Oksana findet sich in der Schwimmhalle, von deren Wänden die ausgeblichene hellgrüne Farbe bereits abblättert, gut zurecht. Da es ihr aber schwer fällt, Gegenstände zu erkennen, weicht ihr ihre Mutter nie von der Seite. Neben Oksana erkämpft sich noch eine weitere junge Schwimmerin aus dem Team von Trainer Igor Twerjakow den Weg zu den Paralympics.

„Oksana ist mir 2004 in Tschechien bei einem Wettkampf für Kinder aufgefallen", erzählt Oksanas Trainer. „Sie war erst 13 Jahre alt, doch schon damals bemerkte ich ihren Ehrgeiz. Ihre Eltern sind aufgeschlossene und offene Menschen; wir haben uns unterhalten und ich versicherte ihnen, dass ihre Tochter eine Weltmeisterin sein wird", erzählt uns Igor.

„Oksana wuchs in Kamtschatka auf. Sie lebte mit ihren Eltern in einem Wohnheim. Als sie noch ein Säugling war, rieb sie sich ständig die Augen. Der Arzt meinte, es sei eine Bindehautentzündung. Oksana weinte aber ständig und konnte nachts nicht schlafen. Es stellte sich später heraus, dass ihr Sehnerv langsam abstarb. Innerhalb eines Jahres wurde Oksana mehrmals operiert. Die Ärzte konnten die Krankheit zwar stoppen, doch da hatte das junge Mädchen schon beinahe ihr ganzes Augenlicht verloren", fährt der Trainer fort.

Oksanas Auszeichnungen und Medaillen reichen in die Hunderte: Bei den Russischen Staatsmeisterschaften gewann die junge Sportlerin über 60 Mal und auf Europa- sowie Weltmeisterschaften über 50 Mal. Nach den letzten beiden Paralympics wurde Oksana dann schlussendlich die Sportlerin der russischen Mannschaft mit den meisten Medaillen.

„Nach Peking hatte ich Starallüren", gibt Oksana offen zu, „doch meine Freunde und mein Trainer, Igor Twerjakow, haben sie im Keim erstickt. Als ich nach den Paralympics zur ersten Europameisterschaft gefahren bin, hielt ich mich für einen großartigen Champion und war mir zu sicher, dass ich, wenn ich die Paralympischen Spiele schon gewonnen habe, dann auch hier gewinnen würde. Doch ich habe bei jedem Wettkampf verloren. Nach dieser Meisterschaft hatte ich mit meinem Trainer ein langes Gespräch. Er erklärte mir, dass es nicht nur Siege gebe, sondern auch Niederlagen. Diese müsse man hinnehmen und danach härter an sich selbst arbeiten. Das habe ich mir für mein Leben gemerkt. Nach dieser Meisterschaft verlor ich dann keinen Wettkampf mehr."

Wenn man mit Oksana spricht, steckt sie einen unweigerlich mit ihrer Energie an. Ihre Worte wirken weder falsch noch in irgendeiner Weise überheblich: „Meine Mutter war bemüht, mich wie ein Kind ohne körperliche Einschränkungen zu erziehen. Ich musste mich an alles anpassen, das Lernen kostete mich zweimal mehr Kraft als die anderen und meine

Klassenkameraden haben mich noch gehänselt, weil ich schielte. Doch ich wuchs wie ein normales Kind auf, alle begegneten mir auf Augenhöhe. Ich schwamm auch mit den anderen Kindern, damals gab es ja noch keine speziellen Mannschaften", erinnert sich Oksana an ihre Kindheit.

„Ich hadere nie mit Gott wegen meiner Krankheit. Ich bin glücklich darüber, dass ich die Welt, wenn auch nur mit einem Auge, sehen kann. Ich versuche nicht darüber nachzudenken, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich normal sehen könnte. Ich bin eben, wie ich bin. Ich kann mir kaum vorstellen, wie mein Leben ohne Sport verlaufen würde. Manchmal, wenn Bekannte sich über ihre Probleme bei mir auslassen, sind diese so nichtig, dass ich ihnen nur entgegne, sie sollen sich die Paralympics ansehen."

Wir sitzen an einem blauen Plastiktisch neben dem 25 Meter langen Schwimmbecken – es ist um die Hälfte kürzer als jene Schwimmbecken, die für die großen, internationalen Meisterschaften verwendet werden. Oksana schwimmt in einem gemäßigten Tempo von einem Rand zum anderen. Anfangs schwimmt auf der gleichen Bahn ein weiterer Schwimmer. Erst als das Becken leer ist, können die paralympischen Schwimmer einzeln trainieren.

„Um in Form zu bleiben, reicht diese Halle aus, doch wenn man gute Ergebnisse erzielen möchte, dann muss man zu einem Trainingscamp fahren. Vor den Olympischen Spielen gab es sieben von ihnen und im Moment gibt es zur Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft nur drei, da derzeit alle Gelder in die Wintersportarten der Spiele in Sotschi fließen. Aber es hat auf gewisse Weise auch Vorteile, denn die fette Katze ist nicht immer in Form, wohingegen jene, die auf den Straßen herumstreunt und Hunger hat, viel flinker ist", merkt Igor Twerjakow lächelnd an.

Igor hat selbst mit Problemen zu kämpfen, da gegen seine Schüler, die paralympischen Schwimmer aus Ufa, schwere Vorwürfe erhoben wurden: Sie seien gesund und hätten niemals an dem Wettbewerb teilnehmen dürfen.

Der Trainer entgegnet: „Ein Mensch mit einer Behinderung ist in der Umgangssprache jemand, dem ein Arm oder ein Bein fehlt. In der paralympischen Bewegung gibt es aber eigene Kategorien, in welche die Sportler unterteilt werden und in denen sie gegeneinander im Wettkampf antreten dürfen. Alles wird dabei streng von Kommissionen überprüft, weswegen Betrugsversuche sinnlos sind."

Er hat auch eine Erklärung für die Vorwürfe: „Erfolg wird bei uns nicht gern gesehen. Deswegen habe ich meinen Schülern gesagt: Die Lorbeeren habt ihr bereits geerntet, das nächste, was ihr bekommen werdet, ist eine Portion Dreck. Da Oksana die Beste von allen ist, wird sie am meisten beneidet." In seiner Stimme schwingt deutlich mit, dass er empört, gekränkt und verbittert ist.

Oksana fügt dem noch hinzu, dass sie die Gerüchte um ihren angeblichen Betrug zwar nicht verärgerten, jedoch beleidigten. Sie erinnert sich noch an

ihre ersten paralympischen Staatsmeisterschaften, als die Organisatoren kein Geld dafür hatten, um Medaillen zu kaufen, geschweige denn Geldpreise zu verleihen. Doch im Rennen um den Sieg hätten ihr zumindest auch nie wirkliche finanzielle Schwierigkeiten die Bahn versperrt: „Früher haben wir uns glücklich geschätzt, wenn man uns die Reisen zu den Wettkämpfen bezahlt hat", erzählt die Schwimmerin. „Heute bekommen wir, wenn wir gewinnen, Geld, ja sogar Wohnungen. Einige sind nur deswegen zu paralympischen Sportlern geworden. Sollen sie ruhig des Geldes wegen im Sport sein, denn das ist auch eine Motivation. Das Wichtigste ist aber, dass sich die Einstellung uns gegenüber langsam verändert: Man erkennt uns jetzt endlich auch als Sportler an."

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