Rochade mit Boxhandschuhen

In Moskau fand die Weltmeisterschaft des Schachboxens statt. Nach einer dreiminütigen Boxrunde setzten sich die beiden Kontrahenten ans Schachbrett, danach zogen sie wieder die Boxhandschuhe an. Ein zäher Kampf – den ein Sibirier für sich entschied.

Foto: Kirill Kallinikow/RIA Novosti, Reuters

Am Eingang des Sportklubs wartet eine vor Kälte fröstelnde Menge. Auf einem kleinen Fleckchen Erde, das den Fußgängern von den Autofahrern überlassen wurde, drängeln sich junge Damen in teuren Pelzmänteln mit ihren Begleitern neben kräftigen Männern. Neben dem Eingang hängt ein Schild mit dem Konterfei eines brutal aussehenden Mannes in Boxhandschuhen und einem Schachbrett. Die Aufschrift „Weltmeisterschaft im Schachboxen" weist den Weg ins Innere. „Ist bestimmt interessant anzusehen!", meint eine Besucherin. Die junge Frau hat offensichtlich schon einiges in Moskau erlebt, aber das hier übertrifft alles. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie man Boxen und Schach zusammenbringt", sagt sie.

Schachboxen kam vor zehn Jahren auf und wird immer noch als sehr exotisch empfunden. Die Kombination der beiden Sportarten, die eigentlich diametral sind, wagte als Erster der holländische Aktionskünstler Iepe Rubingh. Seit 2003 schlagen sich Schachbox-Amateure regelmäßig die Köpfe ein und versuchen, in den Pausen dieselben Köpfe wieder in Ordnung und zum Denken zu bringen. Das eine sowie das andere findet im Ring statt. Ein Match dauert elf Runden: sechs Schachrunden und fünf Boxrunden. Jede Runde dauert drei Minuten. Dabei kehren die Gegner im Verlauf der ganzen Begegnung immer wieder zur selben Schachpartie zurück. Das Denken muss schnell gehen: Es wird Blitzschach gespielt, die Art von Schach, bei der jede Sekunde zählt. Wenn ein Spieler nicht schnell genug zieht, hilft ihm die Ermahnung des Schiedsrichters bei der Entscheidung.

Iepe Rubingh war seinerzeit der erste Weltmeister in dieser von ihm ausgerufenen Sportart, heute ist er ein bärtiger Mann in stilvollem Anzug mit schmaler Krawatte. Immer wieder erzählt Rubingh davon, welch großes Interesse Russland an seinem Projekt zeigt. „Boxen und Schachspielen haben die Russen im Blut", weiß Rubingh: „Ihr habt viele Champions sowohl im Schach als auch im Ring."

 

Schachboxen soll in Russland Profisport werden

Aber es geht vermutlich nicht nur darum, dass Russen gerne denken und sich prügeln. Wie jede junge Sportart benötigt Schachboxen Sponsoren. Im Moment werden an die Sportler bescheidene Honorare ausgezahlt – nicht mehr als 2 200 Euro plus Fahrtkosten. Mit dem Turnier in Moskau will man den Eintritt des Schachboxens in den Profisport erreichen. Zieht man in Betracht, dass die Eintrittskarten für die Veranstaltung zwischen 30 und 400 Euro kosteten, sind die Chancen Rubinghs, Investoren für den Zuschauersaal zu finden, relativ groß.

Der gewichtigste russische Mann im Schachboxen ist der 100 Kilogramm schwere Sibirier Nikolai Saschin, der den Weltmeistertitel im Superschwergewicht hält. Im normalen Leben ist Saschin Grundstücksmakler. Für Schach hat sich der Hüne aus Krasnojarsk schon als Kind begeistert, den Punching-Ball schlägt er schon, seit er 14 ist. Als er von der neuen Sportart erfuhr, bewarb er sich bei der World-Chess-Boxing-Organisation mit der Bitte, seine Kandidatur als Gegner des 37-jährigen Frank Stoldt – des stärksten Kämpfers zu jener Zeit – zu prüfen. Im Sommer 2008 wurde Saschin dann zum ersten Mal Weltmeister.

In Moskau steht Saschin dem 41-jährigen Gianluca Sirci gegenüber, bei dessen Anblick man sofort an die italienische Mafia denkt. Aber in Wirklichkeit hat er einen Doktor in Biologie und ist ein äußerst friedfertiger

Mensch. Nach dem Kampf wird Saschin erzählen, dass er von Anfang an geplant hätte, sein Hauptaugenmerk aufs Schachspielen zu legen – er hätte keinen Drang verspürt, den Gegner in den Boxrunden endgültig fertigzumachen. Die Zuschauer durchschauen seine Taktik sofort. „Gib auf", nötigt die Zuschauertribüne den Italiener, als der Russe den nächsten Zug macht. Gianluca gibt aber erst in der neunten Runde auf.

Die Umstehenden schütteln Saschin, der zum wiederholten Mal gezeigt hat, dass sich Kraft und Verstand durchaus in einem Menschen vertragen, ausdauernd die Hand, sodass seine ihn erwartende Freundin bescheiden an der Seite stehen bleiben muss. In diesem Moment scheint es, als ob die Menschen, die ihn im Ring gesehen haben, bereits nicht mehr den Boxer vom Schachspieler trennen können. Und wenn sie im Fernsehen Wladimir Klitschko sehen, werden sie wahrscheinlich darüber sinnieren, wie er sich wohl am Schachbrett machen würde.

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