Chess City: Niedergang einer Welthauptstadt

Einst Tourismusmagnet, heute Objekt des Verfalls – die Welthauptstadt des Schachs Chess City in Kalmückien erlebt schwere Zeiten. Foto: JialiangGao / www.peace-on-earth.org

Einst Tourismusmagnet, heute Objekt des Verfalls – die Welthauptstadt des Schachs Chess City in Kalmückien erlebt schwere Zeiten. Foto: JialiangGao / www.peace-on-earth.org

Der Schach-Tempel in der Republik Kalmückien war einst als Touristenmagnet einer wenig bekannten russischen Region konzipiert. Heute findet er bei Einheimischen und Reisenden kaum noch Beachtung.

Man stelle sich eine mongolische buddhistische Nation am äußersten Rand Europas vor: Tempel, Lamas und sogar ein paar Jurten. Das Motiv scheint der Mittelalter-Fantasie eines Kartografen entsprungen zu sein, dem daran gelegen war, leere Flächen zu füllen – vergleichbar mit dem Einzeichnen von Monstern in einem unbewohnten Ozean.

Aber weit gefehlt. Diese ungewöhnliche Gegend gibt es wirklich. Sie befindet sich in Russlands Süden und heißt Kalmückien. Vor 15 Jahren verwandelten sie Finanztricksereien und größenwahnsinnige Ambitionen in die Welthauptstadt des Schachs. Ein allmählich verfallender Gebäudekomplex, den Fotos von Steven Seagal und Chuck Norris schmücken, ist jedoch alles, was heute von diesem Traum übrig geblieben ist.

Die Entstehung Kalmückiens reicht in das 17. Jahrhundert zurück, als der mongolische Stamm der Oiraten in Richtung Westen zog, um, wie es mündlich überliefert ist, einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Sie ließen sich im südlichen Russland nieder und kontrollierten in einer Allianz mit dem Zaren von nun an die Hochlandbewohner des Kaukasus. Im Laufe der folgenden 300 Jahre stellten die Kalmücken eine hoch effektive Kavallerie und Fußsoldaten im Dienste Russlands, die gegen so unterschiedliche Feinde wie das napoleonische Frankreich und Hitlerdeutschland kämpften. Diese Loyalität indessen zählte nichts, als Stalin 1943 fast die gesamte Bevölkerung nach Sibirien deportieren ließ. An die 100 000 Kalmücken kamen dabei ums Leben.

Angesichts dieser bewegten Geschichte lag die Vermutung nahe, dass die postsowjetische Ära Kalmückiens auch nicht gerade ereignislos dahinplätschern würde. So war es denn auch. Der schachverrückte Kirsan Iljumschinow nahm sich der Region an. Eine Minimalbesteuerung von Unternehmensgewinnen ließ eine Zugfahrt vom Chaos der russischen Hauptstadt der 1990er-Jahre entfernt eine Steueroase entstehen. Als der Rubel ins Rollen kam, wurde Iljumschinow Präsident des zu dieser Zeit von Skandalen erschütterten Weltschachbunds FIDE. 1996 brachte er die Schachweltmeisterschaft in Kalmückiens Hauptstadt Elista und setzte mit der Investition in den Bau des gigantischen Gebäudekomplexes „Chess City" am Rande einer öden Steppe eine umfassende Transformation von Elista in Gang. Und damit begann der Traum zu bröckeln.

Der zentrale Chess-Palast, ein mit Glasfassaden versehener Ausstellungs- und Museumskomplex, sieht mittlerweile schon etwas heruntergekommen aus, einen Ehrenplatz in der Lobby nimmt aber immer noch das Originalmodell für die Stadt ein. Es stellt ein beeindruckendes Entwicklungsprojekt dar, von architektonischen Höhenflügen inspirierte Vorhaben, die niemals umgesetzt wurden. Das Herzstück bildet dort eine festungsähnliche Anlage mit Türmen, die Schachfiguren nachempfunden sind. Stattdessen ist der Palast umgeben von ein paar Straßen, die zunehmend verwitterte Häuschen säumen.

Der Traum von Chess City musste zwei empfindliche Schläge wegstecken. Turnusmäßige Berichte über Menschenrechtsverletzungen trübten das Image des Projekts im Ausland. Schließlich beschloss die russische Duma 2001, den steuerlichen Raffinessen, die Kalmückiens Wachstum angeheizt hatten, einen Riegel vorzuschieben.

Iljumschinow, dessen Ansehen deutlich gelitten hatte, blieb weiter an der Spitze des FIDE. Chess City aber schaffte es nie, in der Welt des Schachsports einen unangefochtenen Status zu erlangen.

Eine zweite Weltmeisterschaft im Jahr 2006 war der letzte Triumph der Stadt. Seitdem richtete Moskau jede Großveranstaltung in Russland aus und setzte damit ein Muster mit langer Tradition in der russischen Geschichte fort. Immer wieder einmal versuchte eine Region, es zu Ruhm und Ansehen zu bringen, jedes Mal führte Russlands unnachgiebiger Drang zu Zentralisierung die Macht zurück nach Moskau oder Sankt Petersburg.

Heute ist Chess City eine beliebte Hochzeitslocation des kalmückischen Mittelstands. Iljumschinow übernimmt seit 2010 Verwaltungsaufgaben für die Stadt. Nach seinen bizarren Äußerungen, von Aliens entführt worden zu

sein, kandidierte er nicht mehr als Präsident. In dem ihm eigenen exzentrischen Stil eroberte Iljumschinow 2011 noch einmal die Weltbühne mit einer inszenierten Schachpartie gegen den damaligen libyschen Diktator Muammar Gaddafi, dem nach einer Erläuterung der Spielregeln großzügig ein Zug überlassen wurde.

Ein Besuch im Chess Palast ist heute ein surreales Erlebnis. Im oberen Geschoss ist eine Fotogalerie untergebracht, die alle illustren Besucher der Stadt würdigt und den Niedergang des Projekts nachvollziehbar macht. Neben dem Actionfilmstar Seagal und Norris sind hier Fußballtrainer und Popsänger zu sehen, die lange nicht mehr im Geschäft sind. Ein perfektes Abbild der russischen Prominenz aus einer Zeit, als man Angst vor dem Jahr-2000-Problem hatte. Auf Marmorbrettern stehen zwei riesige hölzerne Schachsets, ein Denkmal für Kalmückiens todgeweihtes Projekt. Es juckt uns in den Fingern, eine kleine Partie zu spielen. Die Könige aber tragen ein Schild am Hals: „Nicht berühren".

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