Eishockey-Star Felix Schütz: „Ich wäre gern noch zehn Jahre in Russland“

Felix Schütz: "Die KHL hat sich zu einer Liga entwickelt, in der man ein sehr interessantes Eishockey spielt". Foto: Legion-Media

Felix Schütz: "Die KHL hat sich zu einer Liga entwickelt, in der man ein sehr interessantes Eishockey spielt". Foto: Legion-Media

Felix Schütz, Stürmer des Eishockeyclubs Admiral Wladiwostok, ist der erste Deutsche, der in der Kontinentalen Hockey-Liga (KHL) spielt. Im Interview mit Russland HEUTE berichtet er über seine Eindrücke von Russland und dem russischen Eishockey.

Der 26-jährige Deutsche Felix Schütz versuchte sich 2006 in der National Hockey League (NHL) und spielte danach noch mehrere Jahre in Deutschlands höchster Liga, unter anderem bei den Kölner Haien. Seit einem halben Jahr spielt er nun für Wladiwostok und konnte sich auf Anhieb in der Mannschaft etablieren.

 

Russland HEUTE: Konnten Sie sich in der Zeit, in der Sie nun in der KHL spielen, bereits ein Bild von Russland und seinen Bewohnern machen?

Schütz: Ich brauchte zunächst eine gewisse Zeit, um mich einzuleben. Denn die Menschen hier sind anders: Sie sind sehr ruhig, bescheiden und man muss etwas warten, bis sie sich einem öffnen und ihre Persönlichkeit zeigen.

So ist die Mannschaft eben auch in der Umkleide sehr ruhig. Dort habe ich den großen Unterschied zu den US-Amerikanern erlebt, die sich nicht mit den Russen vergleichen lassen. Sie lächeln die ganze Zeit und schon wenige Stunden, nachdem sie dich kennengelernt haben, sind sie deine Freunde. Später erst wird einem dann klar, dass das nur der äußere Schein der Amerikaner ist und dass es bei ihnen eine gewisse Distanz gibt, die man nicht überwinden kann.

Die Russen hingegen halten am Anfang Distanz zu einem. Um ihnen etwas näher zu kommen, muss man zuerst mit ihnen zu Abend essen oder gemeinsam etwas erleben. Wenn man es aber einmal geschafft hat, ihnen näher zu kommen, dann entwickelt sich schnell eine gute Freundschaft. In diesem Sinne haben die Russen eher mehr mit den Europäern gemeinsam als mit den Amerikanern. Ich würde sogar sagen, dass sie den Deutschen sehr ähnlich sind.

Können Sie uns sagen, welche Besonderheiten Ihrer Meinung nach die KHL hat? Ist es schwierig, sich umzustellen?

Die KHL ist eine sehr dynamische Liga, in der man viel auf dem Eis ist. Das ist auch verständlich, da die hiesigen Eisflächen sehr groß sind. Das Spiel der meisten Mannschaften verläuft zudem nicht so nach System wie in Nordamerika oder in Europa. Dort widmet man nämlich der Taktik sehr viel Zeit, wobei genau festgelegt wird, wer in welchem Moment wo zu stehen und was zu tun hat. Hier hingegen widmet man dem Ankauf von Spielern sehr viel Zeit. Es hängt mehr vom individuellen Können der Spieler ab. Außerdem wird Eishockey hierzulande sehr schnell gespielt – schneller als alles, was ich bisher gesehen oder gespielt habe.

Sind Sie mit Ihrer Rolle in der Mannschaft zufrieden?

Ja. Ich bin viel auf dem Eis und ich spüre, dass von mir sehr viel erwartet wird.

Sie schießen jedoch nicht so viele Tore, sondern unterstützen öfter Ihre Mitspieler. Ist das eine Idee Ihres Trainers, Sie eher im Spielaufbau einzusetzen?

Nein. In meinen vorherigen Teams habe ich ziemlich viele Tore geschossen und das will ich auch im Club Admiral tun. Doch derzeit ist es nun einmal so. Da kann man nichts machen, wenn mit einem zusammen zwei sehr gute Stürmer nach vorne ziehen. Wenn man außerdem zu dritt auf das Tor stürmt und es dabei zwei Schützen gibt, dann muss eben jemand den Pass spielen. Darüber hinaus gibt es auch Spielmomente, die ich besser nutzen muss.

Sie haben gelernt, im Spiel gut zu assistieren. Wie hat sich das Spielen in der KHL noch auf Ihr Können ausgewirkt?

Ich bin schneller auf dem Eis geworden. Das haben mir die Trainer gesagt, als ich bei der deutschen Nationalmannschaft war.

Nun haben Sie gegen alle Clubs der KHL gespielt, auch gegen Mannschaften aus anderen Ländern. Welche Städte, Eisarenen und Mannschaften haben Sie am stärksten beeindruckt?

In Europa gibt es sehr gute Teams, ein gutes Publikum und es wird gutes Eishockey gespielt. Doch das lauteste Publikum, das ich je erlebt habe, gibt es in Russland. Was das Eishockeyspielen anbelangt, so sind mir vor allem

zwei Mannschaften in Erinnerung geblieben: Dynamo Moskau und SKA Sankt Petersburg. Obwohl sich die beiden Teams in ihren Spielstilen sehr unterscheiden, sind sie beide sehr starke Mannschaften – sie gehören nicht umsonst zu den Ersten in der Liga.

Dynamo ist ein sehr systemisches Team, alle stehen stets auf ihren Plätzen. Das macht es sehr schwer, gegen sie zu spielen. Der Club SKA verlässt sich hingegen eher auf das Können seiner Spieler und deren Improvisationen. Mein Gott, in der ersten Minute, als wir in Unterzahl gegen SKA waren, war ich wie verloren: Ich wusste einfach nicht, von wo aus ein Angriff gestartet wird, da sie von jeder Position aus auf das Tor schießen können.

Sankt Petersburg hat mich ebenfalls sehr beeindruckt, weil die Stadt wunderschön ist. Aber mir gefällt es auch hier an der Küste, in Wladiwostok. Eine andere Stadt, die mich ebenso beeindruckt hat, war Ufa – eine sehr saubere und angenehme, auf europäische Art angelegte Stadt, wo ich gerne eine Zeit lang leben würde.

Verspüren Sie kein Heimweh, jetzt, wo sie an das andere Ende des Kontinents gezogen sind? Wann haben Sie das letzte Mal Deutsch gesprochen? In der KHL ist das ja eine eher seltene Sprache.

Ich bin es gewohnt, Englisch zu sprechen und unabhängig zu sein, da ich schon mit 15 nach Nordamerika gezogen bin. Deutsch spreche ich, wenn

ich bei der Nationalmannschaft bin oder über Skype mit meinen Freunden rede. In Russland fühle ich mich näher zu meiner Heimat, sowohl, weil die Kulturen sich ähneln, aber auch, weil ich öfter daheim sein kann – dafür muss ich ohnehin in ein Flugzeug steigen.

Ist es schwierig, in einer der Mannschaften zu spielen, die am häufigsten fliegen? Umso mehr, wenn man bedenkt, dass hierzulande Nachrichten über Flugzeugabstürze keine Seltenheit sind und es in der Geschichte des russischen Eishockeys auch Tragödien in diesem Zusammenhang gab: Im September 2011 stürzte ein Flugzeug ab, in dem sich das Team der Jaroslawer Eishockeymannschaft Lokomotiw befand.

Die Spieler sprechen manchmal darüber, wenn sie fliegen. Wenn man eine Familie hat, dann lohnt es sich wahrscheinlich auch, darüber nachzudenken, bevor man die Entscheidung trifft, ob man nun in der KHL spielen wird oder nicht. Doch das Fliegen ist nun einmal ein Teil deines Lebens, wenn du dich entschieden hast, professionelles Eishockey zu spielen – das muss man akzeptieren. Und im Flugzeug hat man wenigstens die Möglichkeit, sich auszuschlafen.

Sie sind nun in der KHL, nachdem Sie in Nordamerika gespielt hatten und wo Sie doch offensichtlich das Ziel hatten, in der NHL zu spielen. Verfolgen Sie dieses Ziel immer noch?

Wissen Sie, die KHL hat sich zu einer Liga entwickelt, in der man ein sehr interessantes Eishockey spielt. Über sie wird viel gesprochen und man bekommt hier gutes Geld bezahlt. Ich wäre äußerst zufrieden, wenn ich die nächsten zehn Jahre hier weiterspielen dürfte.

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