Russen gewinnen dramatische Rallye Dakar

Sieger der Rallye Dakar 2014 Andrej Karginow: "Auf der ersten Etappe fühlte ich mich wirklich elend". Foto: GettyImages / Fotobank

Sieger der Rallye Dakar 2014 Andrej Karginow: "Auf der ersten Etappe fühlte ich mich wirklich elend". Foto: GettyImages / Fotobank

Andrej Karginow, Sieger der Rallye Dakar 2014 und Pilot der Mannschaft Kamaz-Master, über die Schwierigkeiten der Navigation durch unwegsames Gelände, hohem Fieber und das dramatische Ende des Rennens.

Der 37-jährige russische Rennfahrer Andrej Karginow kämpfte sich mit seinem Truck in der letzten Etappe der Rallye Dakar vor dem Holländer Gerard de Rooy aus dem Iveco-Team ins Ziel. Nach zweiwöchigem, zähem Kampf hatte der Russe seinen Gegner erreicht und schließlich überholt.

Auf der letzten Streckeneinheit jedoch verlor ein Fahrer der Autoklasse die Kontrolle über sein Fahrzeug und blockierte die Strecke. De Rooy umfuhr die Unfallstelle, während die kurze Zeit danach eintreffende Besatzung von Eduard Nikolajew dem betroffenen Fahrer half und dabei einige Minuten verlor. Im Finale beschlossen die Richter nach eingehenden Beratungen, den Russen diese Zeit bei der Berechnung der Gesamtzeit zu berücksichtigen und Karginow als Sieger der Rallye Dakar 2014 anzuerkennen.

„Wir haben die stärkste Besatzung, die treuesten Fans und die besten Sponsoren“, freute sich Karginow. „Wenn man begreift, dass die Sache gelaufen ist, hat man keine Wahl mehr – dann geht es nur noch um den Sieg. In der zweiten Hälfte der Rallye wurde mir klar: Da ich am Anfang besser war als die anderen, lag die Verantwortung für den Ausgang des Rennens in meinen Händen. Und auf die notwendige Unterstützung konnte ich zählen.“

Im Interview berichtet Karginow von einem Zwischenfall, der dem russischen Team fast den Sieg gekostet hätte, und wie die Rallye Dakar 2014 für ihn sonst lief.

 

Russland HEUTE: Was ist mit dem chinesischen Geländefahrzeug auf der letzten Etappe passiert?

Karginow: Wir befanden uns auf dem Sonderabschnitt, etwa zwei Drittel der  Strecke hatten wir bereits zurückgelegt. Der schmale Gebirgsweg schlängelte sich durch enge Kurven. Auf einmal tauchte vor uns ein

Rennfahrer auf, er winkte uns zu. Uns war klar, dass da etwas passiert war, und gingen vom Tempo runter. Als wir näher heranfuhren, sahen wir quer über dem Weg ein umgestürztes Geländefahrzeug liegen. Wir hätten es auch umfahren können, wie De Rooy es getan hatte: mit dem linken Rad über dem Abgrund und mit dem rechten knapp an dem Unfallfahrzeug vorbei, das er sogar noch streifte. Das taten wir aber nicht. Es gibt schließlich so etwas wie eine sportliche Ethik. Wenn wir nicht helfen, wer sonst kann es tun? Wir stiegen also aus und versuchten, zu sechst das Auto zu kippen. Es kam noch Eduard Nikolajew mit seinem Kamaz hinzu. Mit bloßer Körperkraft schafften wir es nicht – allmählich bildete sich ein Stau aus zehn bis 15 Fahrzeugen. Dann organisierten wir ein Abschleppseil, hakten das Fahrzeug ein, stellten es wieder auf seine Räder und zogen es zur Seite.

War Ihnen klar, dass, wenn Ihnen die Zeit nicht angerechnet würde, Sie das Team in Schwierigkeiten bringen könnten und eventuell auf den Sieg verzichten müssten?

Das hatten wir zuvor schon besprochen. Wir sind eine Besatzung mit langjähriger Erfahrung und Reputation. In Situationen, in denen unklar ist, was zu tun ist, werden wir nicht den Ruf unseres Teams gefährden.

Wann erfuhren Sie, dass die Dauer Ihres Einsatzes für das verunglückte Fahrzeug berücksichtigt wird?

Nach dem Sonderabschnitt stand uns noch eine lange Liaison-Route bevor (eine von den Besatzungen zurückzulegende Strecke zwischen Sonderabschnitten, Anm. d. Red.). Wir berichteten unserer Teamleitung von dem Zwischenfall und dass wir deshalb Zeit verloren hatten. Daraufhin wandte sie sich sofort an die Rennleitung, die unsere Angaben überprüfte. Wir waren auch von einem Hubschrauber des Organisationsteams gefilmt worden, als wir das chinesische Fahrzeug auf seine Räder stellten. Als wir unser Fahrzeug in den Parc fermé fuhren, sagte man uns, dass man uns die Zeit anrechnen würde.

Was fühlten Sie, als Sie von Ihrem Sieg erfuhren?

Dieses Mal gestaltete sich der organisatorische Ablauf so, dass an der Ziellinie weder unsere Fans noch unsere Jungs waren. Alles passierte irgendwie nebenbei, schnell. Zeit zum Entspannen war nur im Parc fermé nach Überprüfung des Fahrzeugs. Dann riefen uns die Veranstalter zu sich wegen des Zwischenfalls mit dem Unfallauto. De Rooy legte Beschwerde ein. Er kritisierte uns dafür, dass wir den Chinesen geholfen hatten und nicht wie er weitergefahren waren. Er sah nicht ein, dass man uns die verlorene Zeit anrechnen wollte. Die Organisatoren aber entschieden letztlich zu unseren Gunsten. Natürlich bin ich glücklich. Unser Sieg ist das bedeutsamste Ereignis meines Lebens.

Sie sollen angeblich einen Hitzeschlag erlitten haben…

Auf der ersten Etappe fühlte ich mich morgens unwohl, ich hatte Fieber. Ich nahm Antibiotika, ich dachte, das würde helfen. Aber als ich auf dem zweiten Sonderabschnitt losfuhr, musste man mich mit Eiswasser übergießen. Ich fühlte mich wirklich elend. Als ich das Biwak erreicht hatte, schaffte ich es kaum aus der Führerkabine. Man brachte mich sofort zum Arzt, ich hatte 39,4 Grad Fieber. Man machte Röntgenaufnahmen und stellte eine akute Bronchitis fest. Ich wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, meine weitere Teilnahme an dem Rennen war sehr fraglich. Wir konnten aber die Ärzte davon überzeugen, dass keine große Gefahr besteht. Ich bekam einige Infusionen, nachts kehrte ich bereits in einem mehr oder weniger guten Zustand zum Biwak zurück und fühlte mich schon bedeutend lebendiger. Als man mich ins Krankenhaus gefahren hatte, konnte ich nur mit Mühe flüstern.

Welche Etappe war die schwerste?

Die fünfte. Dort scheuchten uns die Organisatoren durch sehr schwieriges

Gelände, sie schickten uns einfach auf eine Route, der man über 18 Kilometer lang streng zu folgen hatte, ohne nach rechts oder links abzuschweifen. Die Strecke war so unwegsam, dass man mit 20 Stundenkilometern hoch und runter fahren musste, immer wieder durch Gräben und Mulden. Man versucht, sie zu umfahren, aber man darf nicht vom Kurs abkommen, sonst erreicht man das Ziel nicht genau. Viele Besatzungen verloren Zeit, aber wir mit dem Team von Dmitri Sotnikow kamen nicht von unserem Kurs ab. Ein großes Dankeschön an unseren Navigator.

Als Sie dann 40 Minuten Rückstand auf De Rooy hatten, gaben Sie da richtig Gas?

Nein, so etwas würden wir niemals tun. Sinnlos aufs Gas zu treten, um das Fahrzeug zu ruinieren und die Gesundheit des Teams zu gefährden? Das wäre ein sträflicher Fehler. In diesem Moment war die Devise, sich noch besser zu sammeln. Ich denke, jeder Mensch hat ein Potenzial, das er in einem bestimmten Moment entdeckt. Anscheinend ist es bei mir in dieser Situation zum Vorschein gekommen.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland