Paralympia braucht das Land

Sotschi soll das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen in Russland stärken. Foto: ITAR-TASS

Sotschi soll das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen in Russland stärken. Foto: ITAR-TASS

In Sotschi treten die russischen Athletinnen und Athleten zum ersten Mal in allen Disziplinen an. Russland als Austragungsort der Spiele und die Medaillenhoffnungen seiner Mannschaft sollen das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen im ganzen Land stärken.

Die Tatsache, dass die russischen Paralympia-Athleten in allen Disziplinen der Paralympischen Winterspiele vertreten sein werden, bringt viele neue Möglichkeiten mit sich. So wird zum ersten Mal in der Geschichte der Spiele die Disziplin Para-Snowboarding in die Liste der paralympischen Sportarten aufgenommen, allerdings der Kategorie Ski Alpin untergeordnet. Die Vertreter dieser Sportart haben sich acht Jahre lang dafür eingesetzt, dass sie an den Winterspielen teilnehmen dürfen. Das Para-Snowboarding könnte schon in vier Jahren eine eigene Kategorie der paralympischen Wintersportarten haben – neben den bisherigen Ski Alpin, Skilanglauf, Biathlon, Sledge-Hockey und Rollstuhlcurling.

Zudem würden die Gastgeber der Paralympischen Winterspiele in Sotschi auch gerne eine Hockeyart in das Programm aufnehmen, bei der die Hockeyspieler mit Prothesen spielen. Denn erst kürzlich hat die russische Nationalmannschaft die Weltmeisterschaften in dieser Disziplin gewonnen. Darüber hinaus setzt sich das Paralympische Komitee Russlands (PKR) aktiv dafür ein, dass sich in Zukunft auch der Eisschnelllauf für Menschen mit Sehbehinderungen als eigene Sportart etabliert.

 

Die russische Nationalmannschaft ist bereit

Doch bisweilen sind dies nur Pläne für eine noch relativ weit entfernte Zukunft. Wirklich ausschlaggebend ist derzeit nur eine Frage: Was erwartet

Die günstigsten Tickets für die Wettkämpfe der Paralympischen Winterspiele kosten etwa acht Euro und die teuersten 32 Euro. Das größte Ticketkontingent steht den Zuschauern in der Preisklasse für elf Euro zur Verfügung.

Die Preise für Eintrittskarten zur Eröffnungszeremonie belaufen sich auf 15 bis 109 Euro und für die Abschlusszeremonie auf neun bis 43,50 Euro. Laut Angaben des Pressedienstes des Organisationskomitees „Sotschi 2014“ wurden die meisten Tickets bis dato für die Eröffnungs- und Schlusszeremonien der Paralympischen Winterspiele verkauft, das sind ungefähr 30 Prozent aller verkauften Eintrittskarten. Unter den Sportveranstaltungen erfreuen sich derzeit mit 24 und 20 Prozent der verkauften Tickets Sledge-Hockey und die alpinen Skiwettbewerbe besonders großer Beliebtheit.

die russische Mannschaft in Sotschi? Bei den Paralympischen Winterspielen in Vancouver 2010 konnten die russischen Athleten in der Gesamtwertung den zweiten Platz einnehmen, indem sie insgesamt zwölf Mal Gold, 16 Mal Silber und zehn Mal Bronze holten. Unterlegen waren die russischen Sportler aufgrund der Gesamtzahl der Goldmedaillen: Deutschland holte 13 Mal Gold und somit einmal mehr als Russland. Was die Gesamtzahl aller Medaillen angeht, war die russische Nationalmannschaft mit Abstand erste: 38 Medaillen für Russland und 24 für Deutschland.

Auf die Biathloniken und Langläufer setzt man die größte Hoffnung. Zu den Medaillenanwärtern werden hierbei vor allem die vierfachen paralympischen Meister Irek Saripow und Kirill Michajlow, der zweifache Medaillengewinner Roman Petuschkow, die zweifache Meisterin Marija Iowlewa, die dreifache Meisterin Anna Milenina, der paralympische Vizemeister Nikolaj Poluchin sowie die Meisterin Michalina Lysowa gezählt. Doch auch unter den Skifahrern gibt es Hoffnungsträger: zum Beispiel die paralympischen Meisterinnen Inga Medwedewa und Aleksandra Franzewa und der unbestrittene Sieger des Weltcups 2011/2012 Walerij Redkosubow.

Der erste Vizepräsident der PKR Pawel Roschkow ist überzeugt, dass Russland eine starke Mannschaft am Start hat: „In Sotschi werden wir zum ersten Mal in allen Disziplinen antreten. Bei den letzten Spielen hatten wir uns für die Disziplin Curling nicht qualifiziert. Diesmal werden wir auch in dieser Disziplin antreten, aber nicht, weil wir die Gastgeber der Spiele sind, sondern weil unsere Mannschaft letztes Jahr Weltmeister wurde und dieses Jahr den fünften Platz holen konnte."

Auch im Sledge-Hockey ist die Mannschaft stark. „Wir treten zwar erst seit Kurzem in dieser Sportart an, doch unsere Sportler konnten bei der Weltmeisterschaft bereits den dritten Platz in der Gruppe A holen, was zur Teilnahme an den Paralympischen Spielen berechtigt", erzählt Roschkow. Wo erhofft er sich die größten Chancen? „Im Langlauf, Biathlon und Ski Alpin, denn dank diesen Sportarten konnten wir bei den letzten Spielen in Turin und in Vancouver sehr gut abschneiden."

 

Die Unterstützung der Fans ist das Wichtigste für die Spiele

Was die Spannung während der paralympischen Wettkämpfe anbelangt, so steht diese der Atmosphäre der Olympischen Spiele in nichts nach. Im Gegenteil sogar: Die Willensstärke, der Mut und die Überwindung der Paralympioniken rufen bei den Zuschauern sogar noch mehr Respekt und

In der russischen paralympischen Mannschaft herrscht ein hoher Konkurrenzdruck, da es nur 64 Startplätze für 105 bis 110 Sportler zu vergeben gibt.

Bewunderung hervor. Und an Publikum darf es bei den Paralympischen Winterspielen auf keinen Fall fehlen: „Eine aktive Unterstützung der Fans ist für einen Sportler genauso wichtig wie lange und harte Trainingseinheiten", erklärt Sergej Schilow, sechsfacher Paralympia-Sieger und Botschafter der Winterspiele 2014 in Sotschi. „Ich bin mir sicher, dass die russische Paralympia-Mannschaft in Sotschi alles geben wird und die Zuschauer stolz auf unser Land sein werden."

Die Erfolge von London 2012 zu wiederholen, wird allerdings schwer werden. Das glaubt zumindest Michail Terentjew, Generalsekretär des PKR. „Es ist schwer vorstellbar, dass die Paralympischen Winterspiele in Sotschi dieselbe Aufmerksamkeit der Medien und des Publikums erhalten

werden, wie es in London der Fall war", meint Terentew. „In England feierten wir hinsichtlich der Medienberichterstattung einen Erfolg. Doch es wird dem Organisationskomitee Sotschi 2014 nur schwer gelingen, dies zu wiederholen, obwohl wir uns dieses Ziel gesetzt haben." Es sei trotz aller Bemühungen unmöglich, Millionen von Menschen dazu anzuhalten, sich die Paralympischen Spiele anzusehen.

Doch Terentjew sagt auch: „Das Organisationskomitee hat viele Projekte initiiert, bei denen es darum geht, den Sportfans die Bedeutsamkeit dieser Spiele zu erklären. Denn nur gezielte Maßnahmen können bewirken, dass sich die Meinung der Bevölkerung ändert und immer mehr Menschen begreifen, dass die Paralympischen Spiele eine Sportveranstaltung sind und nicht irgendein Festival."

 

Sotschi – eine Stadt für alle

Sotschi wird allerdings nicht nur für die paralympischen Athleten zu einer barrierefreien Zone: Die Behörden gaben ein Großprojekt in Russlands Olympiastadt in Auftrag, im Zuge dessen der Stadtraum für Menschen mit Behinderungen angepasst werden sollte. So gibt es nun in Parks, auf Bahnhöfen, in Hotels und Einkaufszentren in Blindenschrift verfasste

Informationsschilder und es verkehren rollstuhlgerechte Busse durch Sotschi. Über hundert Busfahrer durchliefen eine spezielle Ausbildung, um Passagieren, die im Rollstuhl sitzen, helfen zu können. Zudem ließ man an Schulen in Sotschi Rollstuhlrampen, Blindenstreifen und spezielle Aufzüge bauen, die es Schülern mit besonderen Bedürfnissen ermöglichen, auf privaten Heimunterricht zu verzichten und normal zur Schule zu gehen. Die Olympiastadt beginnt somit, ganz unter dem Zeichen der Barrierefreiheit zu leben.

Auch die Hockeylegende Wladislaw Tretjak, der sich mit der paralympischen Mannschaft getroffen hat, ist der Ansicht, dass die Paralympischen Spiele dabei helfen werden, veraltete Mauern zum Einsturz zu bringen. „Die Sportler bemühen sich, ein vollwertiges Leben zu führen. Und der Sport gibt ihnen Ausdauer und die Freude, zu siegen. Zudem bereisen sie die ganze Welt", sagt der dreifache Olympiameister. „Die Paralympischen Spiele haben die Regierung wachgerüttelt und fördern zudem ein besseres Verständnis und Bewusstsein dafür, dass man sich um diese Menschen kümmern muss. Und heute erreicht dieses Bewusstsein das ganze Land."

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