Sotschi-Olympia: Medaillenjäger aus aller Welt

Bei den Olympischen Spielen in Vancouver 2010 holte die russische Nationalmannschaft nur drei Goldmedaillen. Jetzt lässt sie sich von ausländischen Profisportlern beraten.

Im vorolympischen Zyklus wurden sechs von 15 russischen Teams von solchen Profis gecoacht, Russland HEUTE stellt fünf davon vor.

Wolfgang Pichler, 
Frauenbiathlon-Team, 
Deutschland


Foto: DPA / Vostock-Photo

Wolfgang Pichler, ehemaliger Trainer der Biathleten des bundesdeutschen Zolls, ist die widersprüchlichste Figur im russischen Nationalteam, für das er schon seit zweieinhalb Jahren arbeitet. Unter Pichlers Führung haben die russischen Biathletinnen nur ein-mal Bronze bei der Weltmeis
terschaft geholt. Trotzdem verlängerte man Pichlers Vertrag und stellte ihm den Weißrussen Wladimir Korotkewitsch an die Seite.

Die größte Herausforderung sind für Wolfgang Pichler die Olympischen Spiele. In seiner Karriere hat der Deutsche schon mehrfach bewiesen, dass er es vermag, Sportler auf die entscheidenden Starts vorzubereiten. Bei der Olympiade in Turin 2006 gewann die von Pichler trainierte Schwedin Anna Carin Olofsson Silber im Sprint und Gold im Massenstart.

Vier Jahre zuvor war sie vom Skilanglauf zum Biathlon gewechselt. Es war der größte Erfolg des schwedischen Teams bei Olympischen Spielen seit 1960. „Die Einschränkung meines Aufgabengebiets hat nicht an meinem Selbstwertgefühl gekratzt. Für mich ist die Arbeit ‚auf dem Feld' mit den Sportlerinnen wichtig. Ich möchte Medaillen in Sotschi sehen, alles andere ist unerheblich. Ich hoffe, es gelingt uns, die Erwartungen der russischen Fans zu erfüllen."

Im Biathlon der Frauen wird um fünf Medaillensätze gekämpft.

 

Pierre Lueders, 
Bobfahren, Kanada

Foto: RIA Novosti

Vielfacher Weltmeister, Olympiasieger. Pierre Lueders beendete seine Karriere im Jahr 2010. Bis zum Schluss kämpfte er hart gegen seinen Rivalen, den Teamleiter der russischen Mannschaft Alexander Subkow. Jetzt stehen die beiden auf derselben Seite und träumen gemeinsam vom ersten Gold in der Geschichte des russischen Bobsports. Der Kanadier ist mit allen Raffinessen des Bobfahrens vertraut, mit technischen Feinheiten und mit der Psychologie. Vor allem der psychologische Faktor stellte sich über die Jahre als Problem des russischen Nationalteams dar.

Außerhalb seines Trainings der Nationalmannschaft arbeitet Lueders engagiert mit dem jugendlichen Nachwuchs. Nach seiner Überzeugung wächst in Russland eine neue Generation heran, die 2018 in Korea für Furore sorgen könnte. Derzeit hängt der Coach die Latten etwas tiefer. „Mit Prognosen über Medaillengewinne halte ich mich lieber zurück. Es geht vor allem darum, dass unser Team sich in Sotschi sehen lassen kann und sich mit allen Kräften für seinen Erfolg einsetzt. Ich möchte nicht von der Olympiade zurückkehren und denken müssen, dass wir nicht alles gegeben haben."

Im Bobfahren geht es um drei Medaillensätze.

 

Walter Plaikner, 
Rennrodeln, Italien

Foto: ITAR-TASS

Zweifacher Europameister, Weltmeister im Rennrodeln, Olympiasieger im Zweisitzer, Walter Plaikners Wettkampfkarriere kann sich sehen lassen. Noch größere Erfolge jedoch erzielte er als Trainer. So coachte er den weltbekannten Rennfahrer Armin Zöggeler. Von Plaikner trainiert, gewann der italienische Polizeioffizier fünf Olympiamedaillen, darunter zweimal Gold.

Die Ernennung des neuen Mentors für die russischen Rennrodler geht auf die Initiative von Sportminister Witali Mutko zurück. Nach der Niederlage bei

der Weltmeisterschaft 2013 brauchte das Team einen 
so erfahrenen Trainer wie Plaikner, 2013 holte die Mannschaft nicht eine einzige Medaille. Plaikner beschloss, ein neues Team aufzustellen und gleichzeitig die Konstruktion der Schlitten zu erneuern. Sie sind heute ausgestattet wie zu den „goldenen Zeiten" von Armin Zöggeler. Um an die Erfolge seines Schülers heranzukommen, muss nach den Worten Plaikners noch viel gearbeitet werden.

Skeptiker bezweifelten aber, dass der Experte den Russen innerhalb von sieben Monaten Siegesgewissheit einimpfen kann – vor allem angesichts der 
Tatsache, dass der russische Mannschaftsführer seine besten Zeiten wahrscheinlich hinter sich hat, er ist 42 Jahre alt. Noch weniger Hoffnungen knüpfen sich an das Frauenteam, das es bestenfalls unter die zehn Ersten schafft.

„Ich schaue unserer Zukunft sehr positiv entgegen. Ich bin sicher, dass die Fans in Sotschi unsere Sportler so bedingungslos unterstützen, dass die einfach nicht klein beigeben können."

Im Rennrodeln werden vier Medaillensätze vergeben.

 

 Sébastien Cros, 
Shorttrack, Frankreich

Foto: RIA Novosti

Der 36-jährige Franzose Sébastien Cros coacht das russische Shorttrack-Team seit Mai 2012. Zuvor arbeitete der frühere Vizeweltmeister mit der nationalen Auswahl seines Heimatlandes sowie mit dem kanadischen Team zusammen. Die beiden Mannschaften erzielten unter seiner Leitung bemerkenswerte Erfolge. So gewannen die „Ahornblätter“ während der heimischen Winterolympiade 2010 nach zuvor eher mittelmäßigen Ergebnissen gleich 
zwei Silbermedaillen. 

In der russischen Mannschaft setzte der Trainer seine Ideen sehr zügig um.  Der gebürtige Koreaner Wik
tor Ahn, unbestrittener Star des Teams, fand wieder zur alten Form seiner besten Jahre zurück, Wladimir Grigorjew und Semjon Jelistratow holten ihre ersten Titel auf Einzeldistanzen des Weltcups. Die Frauen dagegen konnten bislang weniger überzeugen. Teamleiterin Tatjana Borodulina feierte ihren letzten großen Erfolg im Jahr 2005.

Cros aber kündigte an, dass auch die Frauen um hohe Plätze kämpfen werden. „Die letzten Ergebnisse unseres Teams zeigen, dass wir in jeder Distanz zu Spitzenleistungen fähig sind. Die Olympischen Spiele sind sehr ungewöhnliche Wettkämpfe, ihre Ergebnisse lassen sich kaum vorhersagen. Nur eine einzige Medaille ist schon ein gutes Resultat.“ 

Im Shorttrack wird um acht Medaillensätze gekämpft.

 

Thomas Lips, 
Frauencurling-Nationalteam, Schweiz


Foto: RIA Novosti

Thomas Lips ist von Haus aus Banker. Der gebürtige Zürcher hat allerdings noch eine andere Leidenschaft – Curling. 1991 fing er an, in seiner Freizeit für das Schweizer Nationalteam zu spielen. Damals war die Mannschaft ein Grüppchen aus Enthusiasten. Das änderte sich, als Lips an ihre Spitze trat. Unter seiner Leitung gewann das Männerteam bei der Europameisterschaft 2009 erstmals Silber und bei Olympia 2010 Bronze. Die Frauen legten im gleichen Jahr einen sensationellen Sieg bei der Weltmeisterschaft hin.

Im Jahr 2012 wurde Lips als Coach des russischen Nationalteams engagiert. In seinem ersten Jahr in Russland erreichte er Gold bei der Europameisterschaft und trennte sich in einem Skandal von der Mannschaftskapitänin, der langjährigen Teamleiterin Ljudmila

Priwiwkowa. „Als ich Priwiwkowa entließ, war mir bewusst, dass ich mich in der Öffentlichkeit unbeliebt mache. Sie ist beim Publikum und bei der Presse sehr populär. Daher befragte ich alle Spielerinnen eingehend, ob sie bei der Olympiade unter allen Umständen mit Priwiwkowazusammenspielen wollten. Wenn ja, kein Problem, dann hätte ich mich verabschiedet. Und ich wäre gegangen, ohne ein einziges schlechtes Wort über das russische Curling zu verlieren. Die Mädels aber antworteten mir: ‚Nein, wir vertrauen Ihnen, entscheiden Sie so, wie Sie es für richtig halten.'

In der neuen Zusammensetzung haben wir hervorragende Chancen, Olympiamedaillen zu gewinnen. Wir sind ein geschlossenes Team. Ich habe den Spielerinnen beigebracht, auf eines zu schauen: Dass es nur eine einzige Olympiade gibt – die bevorstehende. Ein zweites Mal wird es nicht geben." Im Curling werden zwei Medaillensätze vergeben.

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