Sergej Karjakin: Russlands neuer Schach-König

Russlands große Hoffnung Sergej Karjakin wurde mit nur zwölf Jahren Schachgroßmeister. Foto: Wladimir Wjatkin/RIA Novosti

Russlands große Hoffnung Sergej Karjakin wurde mit nur zwölf Jahren Schachgroßmeister. Foto: Wladimir Wjatkin/RIA Novosti

Das russische Schachtalent Sergej Karjakin gehört bereits seit seinem zwölften Lebensjahr zu den Schachgroßmeistern, was ihm auch einen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde verschaffte. Sein großes Ziel: Magnus Carlsen zu schlagen.

Der gebürtig aus Simferopol stammende 24-jährige Sergej Karjakin befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. So belegte das Schachwunder auf dem letzten Kandidatenturnier im Wettkampf um die Krone des Schachweltmeisters in Chanty-Mansijsk den zweiten Platz nach dem Ex-Weltmeister Viswanathan Anand. Der indische Großmeister wird somit im kommenden November auf den amtierenden Weltmeister aus Norwegen, Magnus Carlsen, treffen. Karjakin kann also vollkommen legitim als der derzeit drittbeste Schachspieler der Welt bezeichnet werden.

 

„Ohne Schach kann ich nicht leben"

„Ich begann mit etwa fünf Jahren, Schach zu spielen", erzählt Karjakin. „Als ich einmal zu Hause fernsah, hörte ich in einem Werbespot: ‚Der Bauer wird zur Dame.' Da fragte ich meinen Vater, was das bedeutet, und er antwortete, dass es um Schach gehe. Er zeigte mir, wie man Schach spielt, und ich fand es großartig." Es dauerte nicht lange, bis der Junge mit seiner Karriere begann: „Als wir einmal in Simferopol mit meiner Mutter am Palast der Pioniere vorbeispazierten, meinte ich zu ihr: ‚Wenn ich älter bin, dann werde ich hierherkommen, um Schach zu spielen.' Nach einigen Tagen sind wir wieder dort vorbeispaziert und da fragte ich meine Mutter: ‚Mama, darf ich jetzt schon hier Schach spielen? Ohne Schach kann ich nicht leben.'" Karjakin durfte und beeindruckte: „Der Trainer sah mir beim Spielen zu und nahm mich sofort auf – ungeachtet dessen, dass die anderen Kinder viel älter waren als ich."

Schließlich wurde Karjakin zum Schachgroßmeister – im zarten Alter von nur zwölf Jahren und 211 Tagen. Damit wurde Karjakin zum jüngsten Schachgroßmeister aller Zeiten und erhielt dafür einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Seinem Altersgenossen und dem amtierenden Schach-Weltmeister, Magnus Carlsen, wurde diese Ehre etwas später zuteil, doch dafür ist er Karjakin zurzeit in der Karriereleiter etwas weiter voraus.

 

Aus der Ukraine nach Russland

Der Erfolg von Sergej Karjakin verzögerte sich zunächst um eine gewisse Zeit, da er als ukrainischer Staatsbürger damit zu kämpfen hatte, dass es nur sehr wenige qualifizierte Schachmentoren gab. Aus diesem Grund hat der junge Schachspieler 2009, nachdem er die Internationale Schacholympiade gewonnen hatte, die russische Staatsbürgerschaft angenommen und ist nach Moskau gezogen.

Seine zwischenzeitlich mit der ukrainischen Schachspielerin Ekaterina Dolschikowa geschlossene Ehe ging nur kurz nach dem Umzug in die

Brüche. Derzeit ist Karjakin mit Galija zusammen, die er auf einem Schachturnier kennengelernt hatte. Sie betreut derzeit Karjakins offizielle Webseite und fotografiert den Großmeister bei seinen Wettkämpfen.

Nachdem Karjakin nach Russland gezogen war, arbeitete sich der Profi-Schachspieler bald an die Spitze der Weltrangliste. Er gewann einige Turniere auf höchstem Niveau und wurde so 2012 zum Weltmeister in der Disziplin Blitzschach. Ende 2012 schloss Karjakin schließlich einen Dauersponsorenvertrag mit der Firma Alpari ab, sodass er einen persönlichen Manager anstellen konnte.

„Einen festen Sponsoren zu haben, ist sehr wichtig", meint Karjakin. „Denn allein ein Computer mit einigen hochmodernen Schachprogrammen kostet etwa 36 000 Euro. Dazu kommt noch der persönliche Schachlehrer. Außerdem wird zu einem persönlichen Konditionstrainer geraten. Nur dieses kleine Team – für deren Unterkunft und Verpflegung man auch aufkommen muss – kostet ein Vermögen", erklärt er und stellt fest: „Von den Preisgeldern allein kann man sich das nicht leisten." Ein bisschen neidisch schaut er auf seinen Kollegen und Rivalen: „Carlsen hat es in dieser Hinsicht leichter, denn er verfügt über eine ganze Reihe an Werbeverträgen. Für ihn würde wahrscheinlich ganz Norwegen arbeiten wollen."

 

„Carlsen und ich sind Freunde"

Im Mai 2013 konnte Karjakin einen wichtigen Sieg während des Superturniers im norwegischen Stavanger feiern, bei dem die zehn besten Schachspieler der Welt antraten. Dabei gelang es dem russischen Großmeister, seinem stärksten Gegner Magnus Carlsen mit nur einem halben Punkt Vorsprung den Rang abzulaufen. Doch bereits nach einem

halben Jahr konnte Sergej Karjakins norwegischer Konkurrent seine Ehre zurückgewinnen: Er besiegte bei einem Turnier den indischen Schachprofi Viswanathan Anand und holte sich so den Weltmeistertitel.

„Jeder, der denkt, dass Carlsen und ich Erzfeinde sind, liegt falsch", stellt Karjakin klar. „Wir sind nur dann Gegner, wenn wir einander in einem Schachspiel gegenübersitzen. Außerhalb der Turniere sind wir Freunde. Wir schreiben uns häufig über das Internet und telefonieren über Skype", erzählt Karjakin. „Ich kann mich beispielsweise noch daran erinnern, als er und ich in Moskau während eines Turniers bis in die frühen Morgenstunden kegeln waren. Als wir uns um sechs Uhr schließlich voneinander verabschiedeten, wollte Magnus plötzlich unbedingt wissen, wie unsere Metro aussieht. Wir gingen also in eine Metrostation hinein, wo uns auf einmal einige Jungs entgegenliefen. Wir waren zuerst etwas erschrocken, aber es stellte sich heraus, dass die Jungs Carlsen erkannt hatten und einfach nur ein Foto mit ihm machen wollten. Magnus war ziemlich erstaunt."

 

„Es liegt noch alles vor mir"

Obwohl Karjakin bereits bei einigen Superturnieren mitgespielt hat, sind viele Schachanalytiker der Meinung, dass der russische Großmeister die Führung in der Schachelite noch nicht übernehmen könnte. Doch in Chanty-Mansijsk hatten sich die Schachanalytiker verschätzt: Karjakin konnte den Wettkampf als Zweitplatzierter abschließen. Dabei hatte der

Russe beim Turnierbeginn einen überaus schlechten Start hingelegt und ist dadurch zunächst in der Tabelle auf die letzten Ränge abgerutscht. Letztendlich war er aber in der Lage, sich mit einigen Siegen wieder an die Spitze vorzuarbeiten.

„In Chanty-Mansijsk habe ich mein wahres Potenzial entdeckt", erzählt der Großmeister rückblickend. „Ich bin erst 24 Jahre alt, wohingegen Boris Gelfand bei der letzten Weltmeisterschaft erst mit 43 das Kandidatenturnier gewann. Es liegt also noch alles vor mir", sagt Karjakin. Er hat große Ziele, wie er zu verstehen gibt: „Ich bin jetzt lange genug unter den besten zehn Schachspielern der Welt – ein gutes Zeichen für Stabilität. Mit Carlsen mitzuhalten, ist allerdings schwer. Er macht praktisch keine Fehler und spielt wie eine Maschine – etwas, das ich noch nicht kann."

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