Formel 1: Russland bald in der Pole Position?

Der Formel1-Weltmeister Sebastian Vettel auf der Strecke in Sotschi. Foto: AP

Der Formel1-Weltmeister Sebastian Vettel auf der Strecke in Sotschi. Foto: AP

Als vor über fünf Jahren das erste Mal über einen Grand Prix in Russland gesprochen wurde, gab es noch keine russischen Formel-1-Piloten. Jetzt startet in sechs Monaten der Große Preis von Russland in Sotschi und ein Russe hat das Zeug zum Champion. Steht das Land vor einem Formel-1-Boom?

Es ist gerade einmal ein Jahr her, dass der erste Russe in der Formel 1, Witalij Petrow, seine Rennhandschuhe an den Nagel gehängt hat. Nun stieg mit Kwjat ein weiterer russischer Pilot und Vertreter einer neuen Generation in sein Cockpit. Kwjat ist 19 Jahre alt und eine Newcomer, während Petrow bei seinem Debüt schon 25 Jahre alt war. Mehr als das Alter unterscheidet die Beiden aber ihr Fahrstil.

Mit seiner Flapsigkeit und seiner Ungeschicklichkeit war Petrow nicht gerade ein moderner Fahrer. Mit seinem Dreitagebart, seinem schlechten Englisch und dem recht rücksichtslosen Fahrstil wäre er in den Siebzigern ein guter Teamkollege für den Champion James Hunt gewesen, wenn auch ohne die legendäre Vorliebe des Engländers für Sex und Alkohol.

Während der drei Saisons in der Formel 1 von 2010 bis 2012 schien Petrow häufig ein wenig verwundert darüber, dass er ein Teil des Formel-1-Zirkusses geworden war und welchen Weg er eingeschlagen hatte. Zu seinen besten Zeiten, im Jahr 2011, war er schnell genug, das Siegertreppchen beim Grand Prix in Australien zu erklimmen. Doch im kollektiven Gedächtnis über seine Karriere hat sich lediglich festgebrannt, wie er bei einem spektakulären Ausritt beim Rennen in Malaysia, als er in den Punkterängen lag, die Lenksäule seines Wagens brach und disqualifiziert wurde.

 

Kwjat hat sich schnell akklimatisiert und integriert

Kwjat könnte sich wohl kaum stärker von seinem Landsmann unterscheiden. Zum einen spricht er neben seiner Muttersprache Russisch fließend Englisch, Spanisch und Italienisch, was es für ihn zu einem Kinderspiel werden lässt, die Details des Fahrzeugtunings mit den Mechanikern des Toro-Rosso-Teams zu besprechen. Dazu im Kontrast habe ich einmal miterlebt, wie Petrow mindestens zehn eher wirre Versuche unternahm, einen fünf Sekunden langen englischen Off-Kommentar aufzunehmen. Im Gespräch macht Kwjat einen sympathischen, lockeren Eindruck, im Umgang mit den Medien ist er sicher. Er hat somit die besten Voraussetzungen für die anstrengenden Pressekonferenzen und die diversen öffentlichen Auftritte, zu denen die Fahrer der Formel 1 verpflichtet werden. Er wirkt jedoch manchmal ein

wenig schüchtern, denn er ist jemand, der sich wesentlich mehr dafür begeistert, alle Feinheiten und technisches Know-how über seinen Boliden zu erfahren. Für Petrow, der einmal vergnügt einer Gruppe von Journalisten erklärte, er „werde bald wieder unter den ersten zehn Fahrern sein und jedermann in den Arsch treten" war die Technik weniger interessant.

Auf der Piste ist Kwjat eine Offenbarung. Das erste Mal fiel er 2012 auf, als er bei einem Formel-Renault-2.0-Rennen auf dem kurz zuvor gebauten Moskauer Raceway das Feld von hinten aufrollte und sensationell gewann. Er fand an jenem Tag eine Ideallinie, die nur er sah. Es zeigte sich sein Talent, Strecken und Profile lesen und interpretieren zu können. Kwjat gewann überlegen die GP3-Serie im letzten Jahr und hat für einen Neueinsteiger einen sehr guten Start in der Formel 1 hingelegt – vier Punkte in den ersten vier Rennen, dreimal in den Punkterängen. Das ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass er vorher noch nie auf diesen Rennstrecken gefahren ist.

Der Toro-Rosso-Bolide mit seiner langen, rüsselförmigen Schnauze ist zwar wohl kaum schnell genug, um ein Rennen zu gewinnen. Er sollte aber wohl gut genug sein, um Kwjat in dieser Saison unter die ersten zehn

Plätze im Gesamt-Klassement kommen zu lassen. Er wird die Punkte gebrauchen können. Toro Rosso mit Sitz in Italien ist praktisch die B-Mannschaft von Red Bull, dem Rennstall des vierfachen Champions Sebastian Vettel. Für jeden Fahrer von Toro Rosso gibt es zwei Möglichkeiten, wie sich das Formel-1-Abenteuer entwickelt: Entweder man beeindruckt das Management und wechselt, wie Vettel und sein neuer Teamkollege Daniel Ricciardo, in das erste Team von Red Bull und fährt fortan um den Titel mit. Oder man schafft es nicht und wird ausgetauscht.

Kwjat ist der einzige Russe im Fahrerfeld, der beim ersten russischen Grand Prix im Oktober in Sotschi antreten wird, da Petrow – nachdem er in der letzten Saison meist von der letzten Startreihe ins Rennen gegangen ist – bei Caterham ausgestiegen war und im laufenden Jahr bei der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft an den Start geht. Petrow macht sich offenbar wenig Hoffnung, ein Comeback in der Formel 1 hinzulegen.

 

Starke Nachwuchsfahrer aus Russland

Einige andere vielversprechende Nachwuchsfahrer könnten in den kommenden Jahren den Sprung in die Belle Etage des Motorsports schaffen. Der meistgehandelte Kandidat ist Sergej Sirotkin, der gute Chancen hatte, bereits dieser Saison bei Sauber der jüngste Formel-1-Fahrer aller Zeiten zu werden. Leider kamen dann nicht nur wegen der Unerfahrenheit, eher wegen der vagen Zusagen und Ankündigungen von Sponsoren Zweifel an seinem Formel-1-Debüt auf. Das Schweizer Sauber-Team gab bekannt, dass es immer noch sehr stark daran interessiert sei,

ihm eine Karriere als Formel-1-Pilot zu ermöglichen. Dennoch ist der 18-Jährige nun gezwungen, das nächste Jahr in der Formel-Renault-3.5-Serie zu absolvieren, in der er nach zwei Rennen den vierten Platz in der Meisterschaft belegt. Ein anderer vielversprechender Russe ist Nikolai Marzenko, der ebenfalls in dieser Serie fährt.

Auf der Sollseite der russischen Motorsportbilanz ist allerdings Marussia zu notieren. Das einzige Formel-1-Team, das unter russischer Fahne startet, macht weiterhin keine größeren Fortschritte. Der Rennstall fährt den anderen Teams hinterher und es tauchen immer wieder Gerüchte über Finanzprobleme auf.

Im Großen und Ganzen ist die Situation dennoch gar nicht so schlecht für Russland, da jetzt das erste Formel-1-Rennen im Land stattfinden wird und Russland nun endlich über einen Fahrer verfügt, der offenbar das Talent dazu hat, eines Tages Champion zu werden. Leg' los Daniil, vielleicht schaffst Du ja eine Sensation in Sotschi!

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland