Russland in Brasilien: Hoffen auf italienischen Fußballzauber

Russlands Hoffnungen ruhen auf dem Italiener Fabio Capello. Foto: ITAR-TASS

Russlands Hoffnungen ruhen auf dem Italiener Fabio Capello. Foto: ITAR-TASS

Seit zwölf Jahren hat es die russische Mannschaft erstmals wieder geschafft, sich für eine Fußball-Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Der Trainer Fabio Capello lässt Russland in Brasilien auf gute Resultate hoffen.

Italienische Präzision und Ordnung

In Russland wird Italien nicht unbedingt als ein Land wahrgenommen, in dem Pünktlichkeit und Disziplin an oberster Stelle stehen. Doch Fabio Capello hat diese Stereotypen gleich in seinen ersten Tagen als russischer Nationaltrainer mit italienischem Pass erschüttert. Denn im Gegensatz zu seinen niederländischen Vorgängern – dem gutmütigen Guus Hiddink, der gegen Ende seiner Trainerkarriere in Russland den Spielern zu viel durchließ, und dem missmutigen Dick Advocaat, der kein Geheimnis daraus machte, dass für ihn nur die Zahlungseingänge auf seinem Konto relevant sind und nicht etwa der Trainingsfortschritt – wirkte Capello fast wie ein Prophet.

Die holländischen Trainer statteten Russland in ihrer Zeit immer nur Kurzbesuche ab, ganz im Gegensatz zu Capello: Er schaffte es, bei vielen Ligaspielen dabei zu sein. Er tauschte fortan die Hälfte der Spieler aus. Allen voran jene, die unter der Führung Advocaats als nicht ersetzbar galten: Andrei Arschawin, Roman Pawljutschenko und Pawel Pogrebnjak. An ihrer statt holte er die Verteidiger Alexej Koslow und Andrei Jeschtschenko ins Team. Auch in der Mannschaft selbst vollzog er eine Umstrukturierung, infolge derer er Wiktor Faisulin und Dmitri Kombarow zu den wichtigsten Spielern machte. Auch für die Weltmeisterschaft in Brasilien hat Capello eine Überraschung in petto, denn er nimmt Spieler mit, die noch vor ein paar Monaten nur in ihren Träumen Nationalspieler waren. Mit dieser Mannschaftspolitik setzt der Trainer klare Zeichen: Jeder Spieler muss hart arbeiten und sein Bestes geben, denn niemandem ist ein Platz in der Mannschaft garantiert.

Was die Prinzipien des Trainers und seiner Arbeit anbelangt, so wiederholt Capello stets ein Wort: Respekt. Bei ihm herrscht eine strenge Ordnung. Jeder Spieler muss seinen Plan bis auf die Minute einhalten, das Teampersonal ist perfekt geschult, ähnlich, wie man es von Luxushotels kennt, und Journalisten dürfen das Hotel, in dem die Sportler untergebracht sind, nicht betreten. Die einzige Ausnahme bilden offizielle Veranstaltungen und Pressetermine.

 

Russlands Taktik und die Torjägerfrage

Die größte Besonderheit der aktuellen russischen Mannschaft ist ihre Organisation. Im Team sind keine Spieler, die in Brasilien mit einem Ansturm von Autogrammjägern rechnen müssen. Die Namen der Sportler sind außerhalb Russlands nur Fußballspezialisten bekannt. Dafür weiß aber jeder Spieler exakt, was er auf dem Platz zu tun hat. Capello strukturierte

das Pressing, legt Wert auf eine clevere Spielkontrolle und ein effizientes Abwehrverhalten.

„Die Mannschaft ist ganzheitlicher geworden", meint Waleri Gassajew, ehemaliger Trainer des Teams. Darin stimmt ihm auch Juri Sjomin zu, der ebenfalls die russische Nationalmannschaft trainierte: „Ich möchte anmerken, dass Capello die Mannschaft zu einer Einheit gemacht hat. Wir spielen besser und kompakter in der Verteidigung, obwohl manche unserer Spieler aufgrund ihres Alters zuweilen mit ihren Konkurrenten, die schneller auf dem Feld sind, nicht ganz mithalten können." Sjomins Anmerkungen zur mangelnden Laufgeschwindigkeit beziehen sich in erster Linie auf die wichtigsten Verteidiger der Mannschaft: Sergei Ignaschewitsch feiert bald seinen 35. Geburtstag und Wassili Beresuzki wird am 20. Juni 32 Jahre alt. Capello hat jedoch keine Alternativen, die die beiden Spieler ersetzen könnten.

Für das Mittelfeld und die Außenbahnen bietet sich dem Trainerstab dafür eine umso größere Auswahl an Spielern an. Pro Position gibt es zwei bis drei Anwärter. Das ganze Spiel der russischen Mannschaft basiert dabei auf technisch beschlagenen Mittelfeldspielern. Was jedoch den Sturm anbelangt, so sind hier noch einige Fragen offen. Die größte Sturmhoffnung in Brasilien ist der beste Goalgetter Russlands, Aleksander Kerschakow, der als einziger Spieler der Mannschaft WM-Erfahrung mitbringt. Er war 2002 bereits in jungem Alter bei der WM in Japan mit dabei. Heute zählt Kerschakow zu den erfahrenen Veteranen und sitzt in seinem Klub Zenit Sankt Petersburg dennoch die meiste Zeit auf der Ersatzbank. Ein weiterer Stürmer ist Alexander Kokorin von Dynamo Moskau, der ein unglaubliches Talent, jedoch keine Erfahrung besitzt. Zudem glänzt Kokorin auch nicht immer mit Stabilität. Der Angriff scheint das Sorgenkind der Sbornaja zu sein.

 

Schritt für Schritt zum Achtelfinale

Die russische Mannschaft zählt in Brasilien zwar nicht zu den Favoriten, doch Fans und Experten sind sich sicher: Das Team wird aus seiner Gruppe als Sieger hervorgehen. Russland trifft in der Gruppe H mit Südkorea, Belgien und Algerien nicht unbedingt auf die gefährlichsten Gegner. „Ich bin davon überzeugt, dass wir es ins Achtelfinale schaffen", so Wjatscheslaw Koloskow, Ehrenpräsident des Fußballverbands der Russischen Föderation. Dem stimmt auch der bekannte Fernsehkommentator Wladimir Stognienko zu, der die Spiele der russischen Mannschaft in Brasilien kommentieren wird: „Ich bin mir sicher, dass wir im Achtelfinale sein werden. Und wenn wir dort nicht auf Deutschland treffen, werden wir es sicher in die nächste Runde schaffen. Im Prinzip ist aber auch schon Platz eins oder zwei in der Gruppe ein großer Erfolg für uns. Man bedenke nur, dass dies unser bestes Ergebnis

seit 1986 ist." Auch der Journalist erkennt die Leistung Capellos an: „Mein Optimismus basiert zum Großteil auf dem Trainer. Capello ist zwar nicht ideal, aber er ist die stärkste Säule der Mannschaft."

Capello selbst ist jedoch sehr verhalten, was seine Prognosen für Brasilien betrifft. „Wir nehmen erstmals wieder seit einer langen Pause an einer Weltmeisterschaft teil, und dieses Turnier unterscheidet sich grundsätzlich von allen anderen", meint der Trainer. „Zuerst erwartet uns eine schwierige Gruppe. Wenn wir diese überstehen, ist es durchaus möglich, dass wir im Achtelfinale auf Deutschland oder Portugal treffen werden. Doch lasst uns erst dann darüber nachdenken, wenn es wirklich so weit ist. Seien wir nicht zu voreilig", beschwichtigt Capello und fügt hinzu: „Machen wir alles Schritt für Schritt."

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