Die WM 2014 im Medienspiegel: Löws Lektionen und Messis Manko

"Zum Symbol der Mannschaft wurde nicht Mario Götze, sondern Bastian Schweinsteiger, der im Finale immer wieder gefoult wurde und dennoch 15 Kilometer lief und wohl das beste Spiel seines Lebens spielte.“ Foto: Photoshot

"Zum Symbol der Mannschaft wurde nicht Mario Götze, sondern Bastian Schweinsteiger, der im Finale immer wieder gefoult wurde und dennoch 15 Kilometer lief und wohl das beste Spiel seines Lebens spielte.“ Foto: Photoshot

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien füllte wochenlang die Sportrubriken der russischen Zeitungen und Onlinemedien. Russlands Fußballjournalisten diskutieren die Gründe für Deutschlands Sieg, arbeiteten Trends der vergangenen WM heraus und bewerteten die umstrittene Wahl Lionel Messis zum besten Spieler des Turniers.

Die Tiefe des Kaders war entscheidend für Deutschlands Triumph

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zählte schon vor dem Beginn der Weltmeisterschaft zum Favoritenkreis. Das Team von Trainer Joachim Löw konnte dem Erwartungsdruck standhalten und erreichte in Brasilien allerhöchstes Niveau. Der bekannte Journalist Igor Rabiner sieht den Grund für den Erfolg in einer gleichmäßig ausbalancierten Mannschaft: „Die Nationalmannschaft Deutschlands im Jahr 2014 ist nicht die beste Mannschaft in der Geschichte des Fußballs. Sie hatte einige Herausforderungen zu meistern: die Verletzung von Marco Reus, die mangelnde Wettkampffitness von Schweinsteiger und Khedira, den Einsatz von Innenverteidigern auf der Außenbahn. Doch am Ende war die deutsche Elf die einzige Nationalmannschaft, die weltmeisterlichen Kriterien entsprach. Es ist Ausdruck ihres breiten und gut besetzen Kaders, dass gleich vier deutsche Spieler für den Titel des besten Spielers des Turniers nominiert worden sind und dass sie alle ihrem Profil nach verschiedene Positionen erfüllten.“

 

Einzelkönner haben im entscheidenden Moment versagt

Der Redakteur des führenden russischen Online-Sportportals „Championat.com“ Anton Michaschenok bemerkte, dass die deutsche Mannschaft durch ihr Kollektiv bestach und sich nicht von Individualisten in ihrem Team abhängig gemacht habe. „Das war eine WM der gescheiterten

Einzelkönner wie Pirlo, Neymar, Messi oder Hazard. Deutschland gewann, weil sie Ersatzspieler hatten, die jederzeit für ein Siegtor eingewechselt werden konnten. Deutschland war weder von Müllers Torriecher abhängig, der gegen Algerien versagte, noch von Klose, der zu Beginn des Turniers Einwechselspieler war, oder von Kroos, Lahm oder Neuer. Zum Symbol der Mannschaft wurde nicht Mario Götze, der das entscheidende Tor geschossen hatte, sondern Bastian Schweinsteiger, der im Finale immer wieder gefoult wurde und dennoch 15 Kilometer lief und wohl das beste Spiel seines Lebens spielte.“

 

Aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt

Der Sportblogger Denis Romanzow kommentierte den taktischen Werdegang der Mannschaft von Trainer Löw, insbesondere den Wandel von einem attraktiven, aber risikoreichen Spiel hin zu einer kontrollierten, aber erfolgreichen Ausrichtung: „Die Spieler Löws sind nun erwachsen geworden. Auch Löw selbst musste sich verändern. Das nationale Programm zur Fußball-Nachwuchsförderung schenkte ihm eine große Auswahl an Talenten. Nun musste er sie nur klug und geschickt einsetzen. Der hohe Druck und das risikofreudige, offensive Abwehrverhalten hatten der Mannschaft ein 4:4 und ein 5:3 in den WM-Qualifikationsspielen gegen Schweden eingebracht. Und weil Löw seine Verteidiger auch nach dem Sieg im Freundschaftsspiel gegen Frankreich im März dieses Jahres kritisierte, wurde allmählich klar, dass er nun endlich die Balance zwischen Verteidigung und dem Angriff gefunden hatte. Er musste das neue System nun in der Vorbereitung auf die Endrunde in Brasilien seinem Team vermitteln – was ihm gelang. Er wollte nicht wieder im Halbfinale scheitern. Doch bei dieser Weltmeisterschaft wurde gerade die Vorschlussrunde zum epochalen Statement des neuen Fußballhegemons Deutschland: In Belo Horizonte gab die ‚DFB-Popband‘ ihr größtes Konzert des 21. Jahrhunderts und schlug den Gastgeber mit 7:1.“

 

Diskussion um den Goldenen Ball für Lionel Messi

Klicken Sie das Bild an, um es näher anzusehen. Bild: Natalia Michajlenko.

Eine heftige Diskussion gab es in den russischen Medien auch wegen der Entscheidung der Fifa, Lionel Messi mit dem Preis des besten Spielers der WM zu ehren, obwohl er in den K.O.-Spielen dem argentinischen Spiel weniger seinen Stempel aufdrücken konnte. Der Fußballexperte des Portals „Sportbox.ru“ Juri Iwanow analysierte in seinem Artikel mit dem Titel „Hat Messi seinen Goldenen Ball verdient?“ das Spiel des vierfachen Weltfußballers und kommt zu folgendem Ergebnis: Obwohl einige Tricks und Finten von Messi ausreichten, dem Gegner vor Probleme zu stellen, und sein Können auch im Finale angedeutet wurde, waren das dargebotene Können des Weltstars vom FC Barcelona nicht

außergewöhnlich. „Bei dieser Weltmeisterschaft gab es andere Klassespieler, die ihre Mannschaften buchstäblich auf ihren Schultern schleppten und unglaubliche Arbeitsumfänge sowohl künstlerisch als auch als Schwerarbeiter leisteten. In diesem Zusammenhang sind Arjen Robben oder auch Müller zu nennen“, findet der Experte. Der deutsche Stürmer war während des Finales quasi in allen Spielfeldbereichen präsent. Dieser Einsatz, gepaart mit der hohen fußballerischen Qualität des Spiels, sei das Erfolgsrezept der deutschen Weltmeister-Elf gewesen, so Iwanow.

 

Kein herausragender Spieler bei der Weltmeisterschaft

Mit Iwanows Meinung ist der Kolumnist der Zeitung „Sport-Express“ Boris Lewin nicht einverstanden. Er findet, dass es in der Weltmeisterschaft überhaupt keine würdigen Kandidaturen für den Titel des besten Spielers gab. „Wer hat den goldenen Ball verdient? Früher war es eindeutig: Maradona 1986, Paolo Rossi 1982 oder Johan Cruyff 1974. Die Weltmeisterschaft war in den entscheidenden Spielen langweilig, vorhersagbar und eigentlich ganz ohne Drama gewesen. Deswegen hat sie auch keine echten Helden hervorgebracht – also wurde es Messi, der gewöhnliche Held.“

 

Fußballernationen als Gastgeber heben Turnierniveau

Ein anderer Autor des „Sport-Express“, Dmitrij Girin, bemerkte, dass die hochklassigsten Turniere in Ländern mit einer starken Fußballtradition stattfanden. „Vielleicht ist es einfach nur ein Zufall, aber in der letzten Zeit gab es die beeindruckendsten WM-Turniere in Ländern, die man als traditionelle Fußballländer betrachtet: 1998 in Frankreich, 2006 in Deutschland und natürlich die diesjährige WM in Brasilien. Dagegen hinterließen die Weltmeisterschaften in den USA, Japan/Korea und Südafrika ein seltsam leeres Gefühl. Was die WM 2018 in Russland mit sich bringen wird, wo sich doch die Mehrheit der Bevölkerung nicht für Fußball interessiert, oder gar die Endrunde 2022 in Katar, kann man nur erahnen.“

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