Russisches Schach: Das Spiel der Könige sucht junge Talente

Foto: ITAR-TASS

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Der 20. Juli ist der Internationale Tag des Schachs. Die Russen spielen beim „Spiel der Könige“ seit jeher ganz vorne mit – leider zunehmend unbemerkt von der russischen Öffentlichkeit. Damit sich das wieder ändert, startete der russische Schachverband mit prominenter Unterstützung eine Medienoffensive.

Offizielle internationale Schachturniere gibt es erst seit etwa 100 Jahren. In dieser Zeit gab es nur 16 Schach-Weltmeister. Mehr als die Hälfte von ihnen stammte aus der ehemaligen Sowjetunion und Russland. Nach dem Zerfall der Sowjetunion stellt Schach unter allen Sportarten die einzige Disziplin dar, in der Russland seine Spitzenpositionen halten konnte, das zeigt auch ein Blick auf die gegenwärtige Weltrangliste.

Dort steht Alexander Grischuk zurzeit souverän auf dem dritten Platz. Auf Platz sechs liegt Sergej Karjakin, der 2002 im Alter von nur zwölf Jahren als jüngster Schachgroßmeister aller Zeiten ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde. Der schon zu Sowjetzeiten berühmte Schachweltmeister Wladimir Kramnik hat inzwischen zwanzig Jahre Turniererfahrung und hält den achten Platz.

Kirill Sangalis, PR-Chef des russischen Schachverbands RSCHF, erklärte gegenüber RBTH, dass die russische Schule noch immer eine bedeutende Rolle in der Schachwelt spiele. „In der Rangliste der 100 besten Spieler der Welt sind viele Großmeister aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion", sagte er. Die westlichen Schulen seien zwar stärker geworden, so sei der amtierende Weltmeister, Magnus Carlsen, Norweger. „Doch von den zwanzig weltweit führenden Schachgroßmeistern sind sieben Russen", betont Sangalis.

 

Nationalsport Schach

„Schach ist die Gymnastik des Geistes und Verstandes." Diese Worte Wladimir Lenins, der Galionsfigur der Russischen Revolution von 1917, stellten in der UdSSR eines der bedeutendsten Leitmotive für sozialistische Propaganda dar. Damals galt Schach als eine modische und prestigeträchtige Beschäftigung, weshalb es kaum verwunderlich ist, dass zu dieser Zeit sowjetische Schachspieler berühmte und verehrte Persönlichkeiten waren. Herausragende Schachgroßmeister wie Michail Tal wurden ebenso zum Vorbild für die Jugendlichen wie Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltraum. Die Siege der sowjetischen Schachspieler bei Turnieren wurden in der UdSSR mit einem Sieg des sozialistischen Systems über den kapitalistischen Westen gleichgesetzt.

Heute kennen nur noch wenige Russen die Namen der führenden russischen Schachgroßmeister, die herausragende Ergebnisse bei internationalen Schachturnieren erzielen. Laut einer im Juli 2013 durchgeführten Umfrage der Stiftung Öffentliche Meinung (FOM)

interessieren sich nur noch zwei Prozent der Russen für Schach. Keiner der Teilnehmer an der Umfrage kannte auch nur einen der besten russischen Schachspieler. Die Umfrage wurde im Rahmen des internationalen Universitätssportwettkampfes Universiade, die 2013 in Kazan stattfand, durchgeführt. Die russischen Schachsportler belegten bei der Universiade übrigens den zweiten Platz in der Gesamtwertung.

Das Desinteresse der Bevölkerung am einstigen Nationalsport habe seinen Grund in der mangelnden Beachtung durch die Medien, glaubt Kirill Sangalis. In den 1950er-bis 1980er-Jahren erschienen in der Sowjetunion weltbekannte Magazine wie „64", „Schachmaty w SSSR" ("Schach in der UdSSR") und „Rischskie Schachmaty" ("Rigaer Schach") . Heute ist es für den russischen Schachverband schwer, Medienpartner zu finden. Die „Rossijskaja gaseta", Herausgeberin von RBTH, machte den Anfang und berichtet wieder regelmäßig über das Thema Schach. Großmeister Sergej Karjakin konnte als Experte gewonnen werden. Andere Zeitungen wie „Kommersant", „Moskowskij Komsomolez" und „Sport-Express" folgen dem Beispiel der „Rossijskaja gaseta" und widmen dem Schach nun ebenfalls die angemessene Aufmerksamkeit.

 

Keine Medienpräsenz – keine Sponsoren

Ein großes Problem bleibt die geringe Präsenz im russischen Fernsehen. Derzeit gibt es nur eine Fernsehsendung, die sich mit dem Thema Schach befasst, und diese wird auf dem Pay-TV-Kanal NTW+ ausgestrahlt. Der neue Vorstand des russischen Schachverbands will das ändern. Sergej Rubljowskij, Trainer der russischen Damenmannschaft, glaubt, dass es noch viele Jahre dauern werde, bis Schach wieder den Stellenwert in den

Medien bekommt, den es früher hatte. „Das schachinteressierte Publikum von früher ist einfach ausgestorben", meint der Experte.

Die mediale Missachtung hat ernste Konsequenzen. Sponsoren, auf die der russische Schachsport dringend angewiesen ist, ziehen sich mehr und mehr zurück. Dabei ist Schach eine Sportart, die vergleichsweise wenig kostet, sagt Mark Gluchowskij, Exekutivdirektor des russischen Schachverbands. Aber Geld wird dennoch benötigt – für Trainer oder die Startgebühren der Turniere. Zu unsicher mag jungen Schachtalenten daher die Profilaufbahn erscheinen. Viele ziehen einen sicheren Arbeitsplatz vor. Und auch den etablierten Schachspielern stellt sich die Frage, ob sich das harte Training lohnen wird. Schachgroßmeister Sergej Karjakin weiß, dass nur Spieler, die bei internationalen Turnieren erfolgreich sind, genug Geld verdienen, um davon leben zu können. Nachwuchsprobleme drohen.

Die russische Regierung investiert daher in die Schachjugend. Der russische Schachverband vergibt Stipendien an junge Talente, damit diese sich voll und ganz auf den Sport konzentrieren können. Doch „Sport fordert immer Opfer, egal ob Fußball oder Schach", sagt Sergej Karjakin: „Wer Talent hat und an sich glaubt, muss auch etwas riskieren."

Die russische Nationalmannschaft der Damen darf nicht an der Internationalen Schacholympiade, die vom 1. bis 15. August im norwegischen Tromsø stattfindet, teilnehmen. Russland habe den Antrag auf die Turnierteilnahme nicht rechtzeitig bis zum 1. Juni gestellt, erklärten die Organisatoren. Der russische Schachverband widersprach nicht, lieferte bisher aber auch keine Gründe für die Verspätung.

Die Zeitung „Kommersant" berichtet unter Berufung auf eine namentlich nicht genannte Quelle, der russische Schachverband habe darauf gewartet, dass Großmeisterin Ekaterina Lagno, bisher ukrainische Staatsbürgerin, die russische Staatsbürgerschaft erhalte. Dies habe sich jedoch bis zum 11. Juli hingezogen.

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