Formel 1: Sotschi erwartet den Rennzirkus

Foto: Michail Mordassow

Foto: Michail Mordassow

Im Oktober kommt nach 100 Jahren die Formel 1 wieder nach Russland. Auf dem im Vorfeld hochgelobten Rundkurs des Sochi Autodroms kämpfen die besten Rennfahrer der Welt in Sotschi um Punkte. Die Organisatoren hoffen auf ein spannendes Rennwochenende, auch, um durch Folgerennen die finanzielle Zukunft der Anlage zu sichern.

Vom 10. bis 12. Oktober kommt die Formel 1 nach Russland. Im Sochi Autodrom findet dann erstmals nach 100 Jahren wieder ein Rennen der Königsklasse des Motorsports auf russischem Boden statt. Zentausende Zuschauer werden den Punktekampf der besten F-1-Piloten der Welt auf einem neuen, anspruchsvollen Rundkurs verfolgen.

Am vergangenen Wochenende fand im Sochi Autodrom erstmals ein Motorsportwettkampf statt. Aufnahmen von On-Board-Kameras zeigen, wie eng es auf der Strecke werden kann. Für Klaustrophobiker ist der Kurs sicher nicht geeignet und die Fahrer müssen hochkonzentriert sein. Im Gegensatz dazu steht die Weite, die sich den Zuschauern bei der einzigartigen Aussicht auf Meer und Berge bietet.

Neben der Enge birgt der Rundkurs für die Rennpiloten noch mehr Herausforderungen. Die russische F-1-Piste ist ganz neu. Der jungfräuliche Asphalt könnte den Rennfahrern Probleme bereiten: „Bei einer so neuen Strecke sind keine Gummiablagerungen von vorherigen Rennen vorhanden, dadurch fehlt der Grip", erklärt der amtierende F-1-Weltmeister Sebastian Vettel vom Red-Bull-Racing-Team. Vettel durfte die Strecke im vergangenen Monat testen. „Die Strecke ist sehr interessant", resümiert er, „sie bietet sehr schnelle Streckenabschnitte und hat eine lange Zielgerade. Das Rennen wird sicher Spaß machen."

 

Ein Rundkurs nach modernsten Standards

FIA-Rennleiter Charlie Whiting besichtigte die Strecke im August und hatte keine Beanstandungen: „Hier wurde wirklich gute Arbeit geleistet, ich bin sehr zufrieden. Die Strecke befindet sich in sehr gutem Zustand und wird eine Lizenz erhalten", sagte er. Damit wurde der Sochi Autodrom als F-1-Rennstrecke offiziell zugelassen. Die Strecke ist mit einer Länge von 5,853 Kilometern eine der längsten der Formel 1. Insgesamt 19 Kurven fordern die Rennfahrer heraus.

Die Organisatoren haben sehr viel Wert auf einen anspruchsvollen Kurs nach modernsten technischen Standards und Sicherheitsvorkehrungen gelegt. Die gleichen Maßstäbe sollen für die Ausbildung der Sportwarte, den Marshals, gelten. Der Job ist nichts für Angsthasen oder Zögerliche. Im Ernstfall muss der Marshal raus auf die Rennbahn und einem liegen gebliebenen oder sogar verunfallten Fahrer helfen – das ist bei den hohen Geschwindigkeiten lebensgefährlich. Jeder Handgriff muss sitzen, um die

Zeit des Aufenthalts auf der Fahrbahn so kurz wie möglich zu halten. Einige der Marshals in Sotschi haben bereits viel Erfahrung und einen sehr guten Ruf. Sie haben schon oft an der zweiten internationalen Motorsport-Rennstrecke Russlands gearbeitet, am Moscow Raceway, der etwa 80 Kilometer von der russischen Hauptstadt entfernt liegt.

Charlie Whiting jedenfalls zeigte sich von der Anlage und der Organisation in Sotschi begeistert: „Alles wurde exakt nach Plan abgearbeitet." Bei der Inbetriebnahme anderer neu gebauter Rennstrecken, zum Beispiel in Südkorea oder Indien, sei das anders gewesen, bemerkte der FIA-Funktionär, dort sei noch bis zur letzten Minute gearbeitet worden. Beim Streckendesign, für das der Deutsche Hermann Tilke verantwortlich zeichnete, wurden bestehende Straßen und Gebäude des Olympiaparks mit eingebunden.

 

Sochi Autodrom braucht mehr Motorsportveranstaltungen

Nun gilt es, das Autodrom auch in der Zukunft auszulasten. Bisher steht nur die Formel 1 fest im Terminkalender. Die Organisatoren hoffen darauf, dass weitere internationale Motorsportveranstaltungen in Sotschi Station machen wollen. Denn noch ist die Frage der zukünftigen Finanzierung nicht geklärt. Bisher sollen bereits 65 Prozent der 55 000 Tickets für den Großen Preis von Russland am zweiten Oktoberwochenende verkauft worden sein. Die Tickets sind an allen drei Renntagen gültig, sodass die Zuschauer auch das Training am Freitag und das Qualifying am Samstag verfolgen können. Die Tickets kosten bis zu 49 000 Rubel (etwa 985 Euro), dafür erhält man dann aber auch das „VIP-Weekend-Package". Über tausend Freiwillige aus Sotschi und Umgebung sorgen sich um das Wohl der Zuschauer. Die Organisatoren wollen an das erfolgreiche Freiwilligenprogramm der Olympischen Winterspiele 2014 anknüpfen.

Wie es nach der F-1-Premiere mit dem Sochi Autodrom weitergehen wird, könnte auch davon abhängen, wie der umstrittene Formel-1-Funktionär Bernie Ecclestone, gewissermaßen der Direktor des Rennzirkus, das erste Rennen der Königsklasse in Sotschi bewertet. Seit vier Jahrzehnten hält der britische Milliardär die Zügel der F1 fest in der Hand.

Ecclestone befürwortet zumindest schon einmal die Idee der Organisatoren, in Zukunft ein Nachtrennen in Sotschi zu veranstalten. Das beleuchtete

Olympiagelände würde eine „fantastische" Kulisse dafür bieten. Gerne würden die Organisatoren das Rennen auch vom Herbst auf den Sommer vorverlegen. Dann könnten die Zuschauer einen Badeurlaub anschließen. Der Rennkalender für 2015 steht allerdings noch nicht fest.

2014 wird nun jedenfalls bald der Große Preis von Russland stattfinden, ungeachtet der gegenwärtig angespannten politischen Beziehungen Russlands zum Westen. Das ist nicht selbstverständlich, denn Politik spielt in der F1 durchaus eine Rolle. Im Jahr 2011 wurde das Rennen in Bahrain wegen politischer Unruhen abgesagt. Und immer wieder werden derzeit Forderungen aus dem Westen laut, große internationale Sportveranstaltungen nicht mehr in Russland durchzuführen oder sie sogar abzusagen. Die Zukunft der Formel 1 in Russland hat jedoch einen einflussreichen Fürsprecher: Bernie Ecclestone gilt als Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Der 22-jährige Daniil Kwjat wird als erster Russe in der Geschichte des Motorsports ein F-1-Rennen auf russischem Boden bestreiten. Der aufstrebende Fahrer aus der Stadt Ufa fährt derzeit für Toro Rosso, dem zweiten Team des Weltmeister-Rennstalls Red Bull. Wie jüngst bekannt wurde, startet das russische Nachwuchstalent ab der kommenden Saison jedoch beim Hauptteam Red Bull Racing, nachdem es sich von dessen Star Sebastian Vettel verabschiedet hat.

Mit Heimrennen hat Kwjat Erfahrung. Der Youngster gewann vor zwei Jahren zwei Rennen der Renault World Series bei der Eröffnung des Moscow Raceway. Kwjat lieferte bisher stets gute Ergebnisse auf von Hermann Tilke entworfenen Rundkursen ab, der auch die Strecke in Sotschi geplant hat. In diesem Jahr punktete er in China und Malaysia. In Sotschi wird mit dem 19-jährigen Sergej Sirotkin vom Team Sauber noch ein zweites vielversprechendes F-1-Talent aus Russland antreten, vorerst allerdings nur im Training

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