Olympiastadt Sotschi gab Formel-1-Debüt

Foto: Wladimir Anosow/Rossijskaja Gaseta

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Am vergangenen Wochenende machte der Formel-1-Zirkus zum ersten Mal seit hundert Jahren wieder Halt in Russland, genauer in der Olympiastadt Sotschi am Schwarzen Meer. Die Veranstalter hatten eine erfolgreiche Premiere: Komplimente gab es sowohl von den Rennfahrern als auch von Journalisten und Zuschauern.

Lewis Hamilton aus Großbritannien gewann den ersten Grand Prix von Russland in Sotschi und baute seine Gesamtführung in der Fahrerwertung aus. Den zweiten Rang erreichte sein Teamkollege und Hauptkonkurrent um die Weltmeisterschaft Nico Rosberg. Durch den Doppelsieg sicherte sich Mercedes den Titel in der Konstrukteurs-WM 2014. Alle Beteiligten bei der Premiere an Russlands Schwarzmeerküste waren voll des Lobes über die Strecke, die Organisation und das Drumherum.

„Ich hätte nie gedacht, dass man sich in Russland so für die Formel 1 interessiert. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man Tausende Menschen auf den Tribünen sieht, die uns begeistert willkommen heißen", meinte Lewis Hamilton nach seinem Sieg. Schon vor dem Rennen hatte er verkündet, in Sotschi gerne ein Urlaubswochenende verbringen zu wollen. Nicht nur Hamilton, sondern auch andere Mitglieder der Formel-1-Familie waren von der Atmosphäre in Sotschi angetan. Der Hauptarchitekt des neuen Rundkurses Hermann Tilke antwortete auf die Frage von RBTH, ob er erwartet habe, dass 55 000 Menschen das Spektakel live sehen wollten, mit einem deutlichen Nein. Anschließend korrigierte er sich aber und fügte hinzu, dass er so einen Erfolg für möglich gehalten habe.

 

Erfahrungen aus Olympia nutzen

Auch im Fahrerlager war die Stimmung absolut positiv. Besonders wurde die Strecke gelobt, die mit 5 853 Metern eine der längsten, aber auch interessantesten in der Formel 1 ist, zudem das hohe Organisationsniveau und die malerische Aussicht. Das Rennen direkt auf einem Olympiagelände zu veranstalten, war in der Tat ein Novum. Formel-1-Chef Bernie Ecclestone war schon gefragt worden, ob man das Rennen nicht bei Nacht oder

zumindest am Abend stattfinden lassen könne, damit auch noch die Beleuchtung der Wettkampfstätten zu Geltung komme. Eine zeitliche Verschiebung wäre, so Ecclestone, denkbar, werde aber zurzeit nicht diskutiert.

Um ein Formel-1-Grand-Prix in Sotschi erfolgreich durchzuführen, haben die Russen vom Organisationsaufwand her nicht einmal so große Anstrengungen gebraucht. „Viele Helfer haben bei der Olympiade und den Paralympics mitgemacht", erklärte Sergej Worobjow vom russischen Organisationsteam. Von der Größe und Zuschauerzahl her ist das Formel-1-Rennen durchaus mit der Eröffnungs- und Schlusszeremonie der Winterolympiade vergleichbar. Deshalb konnte man mit der Logistik, den Sicherheitsvorkehrungen und bei der Lebensmittelversorgung auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Man setzte mehr Elektrovehikel und kleinere Transportautos ein, um das Equipment, aber auch die VIPs zu transportieren.

Foto: Wladimir Anosow/Rossijskaja Gaseta

Ausländische Formel-1-Fans waren in Sotschi eher nicht anzutreffen, wodurch mehr Tickets für Einheimische und Russen aus dem ganzen Land zur Verfügung standen. Nicht einmal die durchaus üppigen Preise für die Tickets konnten sie von einem Besuch abhalten: Die günstigste Stehplatzkategorie kostete 100 Euro, die Plätze in der VIP-Loge bis zu 4 350 Euro.

„Wie könnte man ein solches Ereignis verpassen? Die Premiere eines Grand Prix gibt es nur einmal, da ist das Geld nicht zu schade", erklären Andrej und Marija, die aus der Stadt Magnitogorsk am Uralgebirge nach Sotschi gekommen sind. „Wir schauen die Formel 1 schon seit 20 Jahren im Fernsehen, sind Fans von Ferrari, aber wir hätten nie zu hoffen gewagt, dass wir das einmal live bei uns in Russland erleben können", freuten sich die beiden Russen. Für das Wochenende haben sie insgesamt 2 000 Euro ausgegeben, dafür spazieren sie nun durch den Olympiapark mit echten Fernando Alonso- und Kimi Räikkönen-Unterschriften auf ihren Schirmmützen.

Fans wie Andrej und Marija waren auf den Tribünen in der Mehrheit: alte Formel-1-Fans, die das Rennen mit der ganzen Familie schauen und Details besser als manch ein Experte wissen. Manche von ihnen waren in Europa bei Rennen dabei, etwa in Monza, Monaco oder am Hungaroring in Budapest. Bei der Frage nach einem Vergleich der Organisation antworten sie stolz: „Bei uns ist alles besser. Alles ist neu und modern".


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Das zweite Jahr ist das schwierigste

Seit über 20 Jahren ist Fernsehkommentator Alexej Popow die Formel-1-Stimme in Russland. Die große Popularität des Rennsports in Russland ist zum Teil auch sein Verdienst. Popow war mehr als einmal bei jedem der Großen Rennen des Rennkalenders dabei. Womit punktete das Sotschi-Rennen? „Mit der besten Organisation", antwortet der Profi ohne zu Zögern.

„Das ist das eindrucksvollste Debüt einer Rennstrecke, die ich in den 23 Jahren meiner Tätigkeit im Formel-1-Zirkus erlebt habe. Man mag uns nicht glauben, wenn wir uns selbst loben, aber ich habe viel gesehen und weiß, wovon ich spreche", führt der Experte aus. Er vergleicht die exzellente

Durchführung mit Abu-Dhabi oder Bahrain, wobei es dort drei bis vier Rennen gebraucht habe, um alle Kinderkrankheiten auszumerzen. „Bei uns hat alles gleich beim ersten Mal geklappt, das macht mich wirklich sprachlos. Viele Pressekollegen aus der ganzen Welt haben mir an diesem Wochenende anerkennend auf die Schulter geklopft", erzählt Popow. „Nun bleibt zu hoffen, dass das Ganze nicht an Qualität einbüßt. Das zweite Jahr wird das schwierigste sein. Was, wenn die Zuschauer ausbleiben? Oder der Enthusiasmus der Organisatoren nachlässt?"

Doch bis zum zweiten Besuch der Formel 1 in Sotschi werden die Russen ein Jahr Zeit haben, umso mehr, da der Erfolg des Grand Prix nicht nur von den Organisatoren abhängen wird. Vor einer Woche wurde der Wechsel des Russen Daniil Kwjat aus dem Toro-Rosso-Team ins Cockpit des vierfachen Weltmeisters Sebastian Vettel bekannt. Das bedeutet, dass russische Fans eine realistische Hoffnung haben, nachdem der erste Russe im Cockpit saß, Marussia als russischer Rennstall hinzukam und einem eigenen Rennen in Sotschi nun auch einen Fahrer zu bekommen, der mit seinem Boliden um Siege mitfahren wird. Das lockt mehr Zuschauer an. Die Liebesbeziehung zwischen Russland und der Formel 1 beginnt, gerade erst aufzublühen.

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