Fußball-WM 2018: Russland drückt den roten Knopf

Die Fertigstellung russischer WM-Stadien verläuft größtenteils nach Plan.  Auf dem Bild: 3D-Modell des Stadions "Baltika" in Kaliningrad. Foto: ITAR-TASS

Die Fertigstellung russischer WM-Stadien verläuft größtenteils nach Plan. Auf dem Bild: 3D-Modell des Stadions "Baltika" in Kaliningrad. Foto: ITAR-TASS

Nach einer Vor-Ort-Besichtigung zeigen sich die Fifa-Inspektoren zufrieden mit den Fortschritten bei dem Stadion-Bau in Russland. Einer termingerechten Fertigstellung zur Fifa-Weltmeisterschaft im Jahr 2018 steht nichts im Weg. Einige Problemstellen gibt es dennoch.

Russland ist offiziell in die „aktive Phase" der Vorbereitungen auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 eingetreten. In den nächsten Jahren wird man vermehrt neue Fußballstadien in Russland sehen.

Bitte? Die letzte Weltmeisterschaft ist gerade erst zu Ende gegangen? Sie dachten, als Mario Götze Deutschland im Finale zum Weltmeistertitel schoss, wäre die Weltmeisterschaft bis 2018 kein Thema mehr? – Tut mir leid, aber so läuft das nicht. Weltmeisterschaften ähneln heutzutage ein wenig den Präsidentenwahlen in den USA oder einer Staffel von „Game of Thrones": Sobald ein Ereignis vorüber ist, beginnt bereits die nächste Runde – da wird spekuliert, falsche Erwartungen werden geweckt und das Karussell beginnt, sich zu drehen.

Russland ist Gastgeber der Weltmeisterschaft 2018. Die Veranstalter sind äußerst erpicht darauf, ihre Fortschritte bei der Vorbereitung der Öffentlichkeit zu zeigen. Die Strategie scheint darin zu bestehen, den Vergleichen mit Brasilien aus dem Weg zu gehen. Dort waren kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft 2014 Zweifel aufgekommen, ob die Infrastruktur rechtzeitig fertiggestellt werden könne. Am Ende wurden provisorische Sitze in einem nicht fertiggebauten Stadion genutzt, und in einigen Flughäfen ersetzten Zelte die Terminals.

Man muss den Russen zugestehen, dass sie offenbar wirklich gute Fortschritte machen. Moskaus riesengroße Luschniki-Arena, die Spielstätte für das Finale von 2018, soll sogar „vor der Zeit" fertiggestellt werden, wie der Delegationsleiter der Fifa-Inspektoren, Chris Unger, bemerkte, nachdem er die Baustelle vergangene Woche besichtigt hatte. Drei der zwölf Stadien sind fertig, in zwei von ihnen werden bereits Spiele durchgeführt, während im übrigen Land die Bauarbeiten fortgeführt werden.

Die Fifa-Delegation erklärte im Anschluss an eine Inspektion am vergangenen Mittwoch offiziell ihre Zufriedenheit mit den Fortschritten. Allerdings war diese „Inspektion" auch ein recht bizarres Ereignis: Sie bestand mehr aus einem intensiven Blick auf die Pläne als aus einer eingehenden Untersuchung vor Ort. Nur fünf der zwölf geplanten Spielorte wurden tatsächlich besucht. Die anderen sieben handelten die Inspektoren in einer sogenannten „virtuellen Besichtigung" ab, was unterm Stricht bedeutet, dass die Inspektoren einen Blick auf die Pläne warfen und mit den verantwortlichen Beamten plauderten. Doch auch die Vor-Ort-Besichtigungen waren nicht sonderlich streng: Es stand ein einziger Tag für jede Spielstätte zur Verfügung und ein Großteil dieser Zeit ging dabei auch noch für die An- und Abreise drauf. Bei ihrem Besuch des Luschniki-Stadions in Moskau beispielsweise sprangen die Inspektoren aus ihrem Kleinbus, warfen einen kurzen Blick auf die Baustelle, wo nur die Fassade des alten Stadions erhalten geblieben ist, hielten eine schnelle Pressekonferenz ab und fuhren dann wieder weg. Eigenartig, oder? Nein, wendet Unger ein und erklärt, in dieser Phase bringe es mehr, die Pläne aufmerksam zu studieren, um später Probleme zu vermeiden, anstatt auf die Baustelle zu starren, auf der bisher noch nicht allzu viel passiert ist.

 

Knopf drücken – und los!

Sowohl Unger als auch der russische Sportminister Witali Mutko sprechen nun übrigens von der „aktiven Phase", in die die Vorbereitungen jetzt eingetreten seien. Es ist nicht ganz klar, was dieses Schlagwort eigentlich bedeutet, denn es gibt schließlich keinen großen roten „Aktivieren"-Knopf, den die Veranstalter gedrückt hätten. Ganz grob gesagt soll das wohl heißen, dass die Bauarbeiten an den neuen Stadien nun wirklich aufgenommen werden, wobei diese Erklärung kaum befriedigt. Denn bei einigen Stadien, insbesondere bei der geplanten Arena in Saransk mit ihren

45 000 Plätzen, haben die Arbeiten am Fundament bereits vor Jahren begonnen, ohne dass es zuvor eine Entscheidung über das endgültige Projekt gegeben hätte. Dann müssen die Pläne für andere Stadien erst noch genehmigt werden, und die Spielstätte in der im Westen des Landes gelegenen Exklave Kaliningrad ist sogar Gegenstand größter Verwirrung.

Seit mehreren Wochen stocken die Verhandlungen zwischen der Regionalregierung von Kaliningrad auf der einen Seite und dem Sportministerium zusammen mit dem Fifa-Organisationskomitee auf der anderen Seite. Die Regionalbehörden wollen selbst entscheiden, wie sie ihr Stadion, finanziert von der russischen Zentralregierung, bauen wollen. Und immer mehr verläuft die ganze Aktion nach dem Prinzip: Ihr könnt tun, was ihr wollt, solange wir damit übereinstimmen. Und schon hat der Sportminister Mutko wieder einmal die düstere Warnung ausgesprochen, dass die Exklave den geplanten Standort für das Stadion – eine Insel, die, wie er sagt, „riesige Investitionen" verschlinge – aufgeben solle, und verlangt, eine bescheidenere Arena an der Stelle des vorhandenen Stadions zu bauen. Die würde über eine Grundkapazität von 25 000 statt der geplanten 45 000 Plätze verfügen und könnte für die Weltmeisterschaft um weitere 10 000 temporäre Plätze ausgebaut werden. Bis zur endgültigen Entscheidung befindet sich das Kaliningrad-Projekt in einer Art

Schwebezustand, und je länger der Prozess andauert, umso wahrscheinlicher ist es, dass der Zeitplan nicht eingehalten werden kann und die Situation in eine politische Sackgasse gerät. Dies ruft Erinnerungen an viele brasilianische Projekte wach.

Auch bei anderen Projekten gibt es noch einige Unklarheiten. Die Regierung behauptet, dass die Pläne fertig seien und gegenwärtig überprüft würden, aber nur wenige Details sind bisher an die Öffentlichkeit gedrungen. So ist noch nicht einmal bekannt, wie die Stadien aussehen werden. Entwürfe eines Architekten haben die Runde gemacht, aber diese stammen noch aus dem Jahre 2010, als Russland sich lediglich um die Weltmeisterschaft beworben hatte. Selbst das genaue Budget ist nicht bekannt. Offiziell beträgt es zwar 664 Milliarden Rubel (rund 13 Milliarden Euro), berücksichtigt dabei jedoch nicht die jüngsten Währungsschwankungen oder den im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft stehenden Ausbau der Infrastruktur.

Bei einigen Projekten scheint es jedoch Fortschritte zu geben – eigenartig analog der Geschwindigkeit, in der Russland sich dem Weltmeisterschaftstermin nähert und die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit zunimmt. Ein gutes Beispiel ist der ewig aufgeschobene Bau des Stadions in Sankt Petersburg, dessen Budgetrahmen schon längst überschritten ist. Aber die Talsohle scheint nun endlich durchschritten zu sein. Das Stadion, das als neue Heimstätte für den Sankt Petersburger Klub

Zenit geplant wurde, lange bevor Russland sich für die Fußballweltmeisterschaft beworben hatte, sollte ursprünglich 2008 eröffnet werden und war von Anfang an von Problemen verfolgt: ein Betrugsskandal, der Tod eines Arbeiters und die sich aufblähenden Kosten, um nur einige Beispiele zu nennen. Nun soll es 2016 tatsächlich eröffnet werden, wie die Fifa gemeinsam mit dem russischen WM-Gastgeber kürzlich erklärte. Damit will man Gerüchten entgegentreten, wonach der Fertigstellungstermin ein weiteres Mal verschoben werden könnte.

Während die laut verkündete „aktive Phase" weniger eine Zeitenwende darstellt, als dies auf den ersten Blick scheinen mag, rückt die Weltmeisterschaft merklich näher – und das, bis auf einige Ausnahmen, wohl auch nach Plan.

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