Fußball: Hat Fabio Capello eine Zukunft in Russland?

Der italienische Trainer der Sbornaja steht in der Kritik. Foto: Reuters

Der italienische Trainer der Sbornaja steht in der Kritik. Foto: Reuters

Bei der EM-Qualifikation legte Russland als Favorit der Gruppe G mit einem 4:0 gegen Liechtenstein einen erwartungsgemäßen Start hin, doch seitdem schwächelt die Sbornaja. Was sind die Gründe, liegt es an Trainer Fabio Capello? Russische Fußball-Experten bewerten die Leistungen des bestbezahlten Fußballtrainers der Welt und nennen Namen möglicher Kandidaten für seine Nachfolge.

Am 15. November hat die russische Fußball-Nationalmannschaft ein entscheidendes Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft 2016. Im Ernst-Happel-Stadion in Wien spielt die Mannschaft von Fabio Capello gegen Österreich. Die Stimmung im russischen Team ist angespannt. Zuletzt spielte Russland 1:1 gegen Moldawien, das als Außenseiter in der WM-Qualifikationsgruppe G gilt. Auch gegen Schweden reichte es bei eigener Führung nur zum Unentschieden.

Trainer Fabio Capello steht bereits seit dem Vorrunden-Aus der Sbornaja bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien in der Kritik. Der Italiener ist der bestbezahlte Fußballnationaltrainer der Welt und soll den Gastgeber 2018 um den Titel mitspielen lassen. Neun Millionen Euro bekommt er pro Jahr und verdient damit beinahe doppelt so viel wie der englische Nationalcoach Roy Hodgson. Doch bereits seit vier Monaten hat Capello kein Gehalt mehr bekommen, denn der russische Fußballbund steckt in Zahlungsschwierigkeiten, er soll Schulden von bis zu 18,6 Millionen Euro haben. Noch hat Capello sein Gehalt nicht eingefordert, sagt sein Sohn und Berater Filippo Capello. Man hoffe darauf, sich bald einigen zu können, auch ohne Anwälte. Ungewöhnlich sei die Situation allerdings schon, räumt Filippo Capello ein. Eine Entlassung Capellos käme den russischen Fußballbund jedenfalls teuer zu stehen. In diesem Falle soll Capello angeblich nämlich laut Vertrag eine Abfindung zwischen 18 und 25 Millionen Euro zustehen.

 

Erfolgreicher ohne Capello?

Russische Fußball-Experten diskutierten, welche Folgen eine Entlassung oder auch der Rücktritt des Trainers für die Zukunft der Sbornaja haben könnte. Jegor Titow, ehemaliger Nationalspieler und sechsfacher russischer Meister mit Spartak Moskau, schätzt an Capello, dass er, anders als seine Vorgänger Dick Advokaat und Guus Hiddink, die oft nur zum Training erschienen, tatsächlich viel Zeit in Moskau verbringe und sich auch die Spiele der russischen Premjer Liga anschaue. Gut findet Titow auch, dass Capello dem Nachwuchs eine Chance gebe: „Er setzt auch immer wieder junge, talentierte Spieler ein. Er ist experimentierfreudig." Die russischen Fans sollten Geduld haben, findet Titow. Zurzeit finde im russischen Fußball ein Generationenwechsel statt. Gegen Moldawien habe die Mannschaft zwar nur unentschieden gespielt, doch dabei interessanten Fußball gezeigt, meint Titow und ist überzeugt: „Das ist Capellos Verdienst."

Sandor Varga, Fifa-Spieleragent, ist der Meinung, dass Capello, der als Trainer einen hervorragenden Ruf hatte, vor dem Hintergrund der 2018 in Russland stattfindenden WM als russischer Nationaltrainer engagiert wurde.

Das russische Team sollte von einem Spitzentrainer vorbereitet werden. Warum das bisher nicht funktioniert hat, versteht er nicht. Er glaubt, dass es auch ohne Capello weitergehen werde, es gebe auch sehr gute russische Trainer. Varga hat bereits konkrete Vorstellungen: „Gadschi Gadschijew, Stanislaw Tschertschesow oder Leonid Slutzki könnten Capello ersetzen." Varga fordert sogar, den Einsatz ausländischer Trainer in den Fußballnationalmannschaften zu untersagen. Das Gehalt von Capello nennt Varga „irrwitzig", es sei absehbar gewesen, dass der russische Fußballbund mit seinem geringen Budget solche Summen nicht aufbringen könne, zumal für Capellos Gehalt alleine der russische Fußballbund aufkommen müsse. Die Gehälter seiner Vorgänger seien bezuschusst worden, bei Dick Advokaat von Gazprom und bei Guus Hiddink von Roman Abramowitsch.

 

Russische Trainer könnten ebenso Erfolg haben

Nach Meinung von Andrei Kantschelskis, ehemaliger Mittelfeldspieler der russischen Nationalmannschaft, sollte alles getan werden, um Capello zu halten. Auch wenn er die Enttäuschung über das frühe Aus in Brasilien nachvollziehen könne, findet er nicht, dass man daraus voreilige Schlüsse ziehen sollte. Bis Capellos Vertrag 2018 auslaufe, hätte der Italiener noch zweimal die Chance, doch noch Erfolge bei internationalen Turnieren zu erzielen: 2016 bei der EM in Frankreich, ein Jahr später beim Fifa-Confederations-Cup im eigenen Land.

Georgi Jarzew ist ehemaliger russischer Nationaltrainer und ehemaliger Trainer von Spartak Moskau, die er 1996 zur russischen Meisterschaft führte. Er sieht die Fehler weniger bei Capello als bei den Spielern. „Bei dem Niveau, das diese Spielergeneration zeigt, kann auch der bestbezahlte Trainer der Welt nichts ausrichten", findet er deutliche Worte. Das hätten die Weltmeisterschaft in Brasilien und auch die letzten Spiele der Mannschaft gezeigt. Für die Sbornaja wäre es bereits ein Erfolg, bei der EM oder WM die Endrunde zu erreichen – ein Ziel, das nach Meinung Jarzews auch mit einem russischen Trainer erreicht werden könnte. Capello hätte zwar unbestritten

auf Ligaebene Erfolge erzielt, als Nationaltrainer habe er bisher allerdings weder in England noch in Russland überzeugen können, sagt Jarzew. „Wofür brauchen wir also gerade Capello?", fragt er provozierend. Was den Ausgang des EM-Qualifikationsspiels gegen Österreich betrifft, ist Jarzew nicht sehr optimistisch: „Ich habe kein gutes Gefühl."

Denis Kolodin, Abwehrspieler beim Verein Wolga Nischni Nowgorod, der mit der Sbornaja bei der EM 2008 den dritten Platz holte, findet ebenfalls, dass Capello durch einen russischen Trainer ersetzt werden könnte. Sergei Semak, Igor Kolywanow oder Alexander Borodjuk bringt er als Kandidaten ins Spiel. Kolodin findet, dass auch ein junger Trainer eine Chance bekommen sollte, der dann bis zur WM 2018 ein erfolgreiches Team, das seine Autorität anerkennt, aufbauen könnte. Kolodin denkt, der russische Fußballbund und Capello sollten Wege finden, sich einvernehmlich zu trennen. Das Geld, das hier für einen einzigen ausgegeben werde, sieht Kolodin in der Förderung des Kinder- und Jugendfußballs sinnvoller investiert. Kolodin ist überzeugt: „Zur Europameisterschaft 2016 schaffen wir es auch ohne Capello."

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