Waleri Charlamow: Explosiv wie Dynamit

Ein Besucher liest das Buch über Waleri Charlamow während des Buchpräsentation bei der Rossijskaja Gaseta. Foto: Sergej Michejew/Rossijskaja Gaseta

Ein Besucher liest das Buch über Waleri Charlamow während des Buchpräsentation bei der Rossijskaja Gaseta. Foto: Sergej Michejew/Rossijskaja Gaseta

Der Autor Maksim Makarytschew, Kolumnist der Zeitung „Rossijskaja Gaseta“, hat ein Buch über die russische Eishockeylegende Walerij Charlamow geschrieben. Das Buch aus der Reihe „Das Leben großartiger Menschen“ erschien im Dezember bei dem Verlag Molodaja gwardija. RBTH stellt den Ausnahmespieler vor.

Waleri Charlamow wurde am 14. Januar 1948 in Moskau als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Sein Vater, Boris Charlamow, war Russe, seine Mutter, Begonita Aribot-Abbad, kam aus dem Baskenland. Ihre Eltern waren Kommunisten und so flohen sie vor dem Zweiten Weltkrieg vor dem Franco-Regime in die Sowjetunion. Charlamow spielte in der Sowjetunion für den Armeeklub ZSKA sowie die sowjetische Nationalmannschaft. Charlamow war eine einzigartige Persönlichkeit, erinnert sich sein Jugendfreund Wadim Nikonow, der später ein bekannter sowjetischer Fußballer und Fußballtrainer wurde. Die Eishockeyfans liebten ihn und feuerten ihn an, ganz egal welchem Club ihr Herz eigentlich gehörte.

Charlamow war ein Virtuose auf dem Eis, dort bewegte er sich ebenso sicher wie auf dem Tanzparkett. Wohl dank seines spanischen Blutes galt er als großartiger Tänzer und beeindruckte durch so manch feurigen Flamenco oder dynamischen Rock'n'Roll. Er galt als sehr modebegeistert und fiel in der Sowjetunion durch seine fingerdicke goldene Halskette auf. Doch niemand nahm daran Anstoß. Außerdem war er überaus großzügig. Als er zur Hochzeit eines Freundes eingeladen war, fuhr er dort direkt vom Flughafen aus hin, noch mit seiner Hockeyausrüstung im Gepäck. Er hatte es nicht geschafft, noch ein Geschenk zu kaufen, und zog daher sein neues modisches Hemd aus und schenkte es dem Bräutigam. Er selbst nahm ohne damit ein Problem zu haben mit dem Oberteil seines Trainingssweaters Vorlieb. „ZSKA Moskau" stand darauf und Charlamows Spielernummer, die 17, die nach ihm kein anderer Spieler mehr tragen sollte. ZSKA Moskau sperrte die Nummer für alle Zeiten zu Ehren Charlamows.

Autor Maksim Makarytschew hatte besonders große Freude beim Schreiben des Abschnitts über die Saison 1972, als in den acht Spielen der Summit Series das erste Kräftemessen zwischen den Eishockeyprofis aus der Sowjetunion und Kanada stattfand. Aleksander Malzew, ein guter Freund Charlamows und zweifacher Olympiasieger im Eishockey, erinnert sich: „Diese Zeit werde ich nie vergessen. Es hat nachher bessere und auch schlechtere Spiele gegeben, aber diese Zeit war unvergleichlich. Wir schreiben Geschichte – nun, zumindest Eishockeygeschichte."

Der Autor des Buches Maksim Makarytschew. Foto: Sergej Michejew/Rossijskaja Gaseta

Damals offenbarte sich Charlamows Talent. Niemand hatte der sowjetischen Mannschaft auch nur die kleinste Erfolgschance gegen die Kanadier eingeräumt, die Niederlage schien vorprogrammiert. Doch die Sensation gelang bereits im ersten Spiel: Charlamows Mannschaft fegte die kanadischen Profis in Montreal mit 7:3 vom Eis.

 

Den Gegnern bereitete er schlaflose Nächte

Harry Sinden, damals Trainer der kanadischen Eishockey-Nationalmannschaft, begriff schon damals, dass Walerij Charlamows beherzter Einsatz maßgeblich für den sowjetischen Erfolg war. Schlaflose Nächte habe ihm Charlamow bereitet, gibt er zu. „Er war so explosiv wie Dynamit. Ich habe mir nächtelang die Frage gestellt, wie wir ihn nur stoppen könnten. Um ihn drehte sich alles, er war das Ziel", erzählt Sinden.

Da lag es nahe, den Versuch zu unternehmen, Charlamow und die anderen sowjetischen Eishockeytalente abzuwerben. Der damalige Mannschaftskapitän Boris Michajlow berichtet: „Nach dem Sieg in Montreal

kam der Trainer der Mannschaft aus Toronto auf Wladimir Petrow, Charlamow und mich zu und bot uns eine hohe Summe, wenn wir bereit wären, direkt zu ihnen zu wechseln." Die sowjetischen Spieler blieben trotz eines verlockenden Angebots unbeeindruckt. „Ich habe ihm erklärt, dass wir auch in der Sowjetunion Millionäre seien", so Michaijlow. „Später haben wir uns manches Mal gefragt, was aus uns geworden wäre, wenn wir dieses Angebot angenommen hätten", erinnert er sich. Doch damals hätten sie daran nicht eine Sekunde lang gedacht: „Wir waren anders erzogen worden. Uns war beigebracht worden, es sei unsere Aufgabe zu zeigen, dass die sowjetische Eishockeymannschaft die beste der Welt ist."

In den 1970er-Jahren, damals schon unter der russischen Eishockey-Trainerlegende Wiktor Tichonow, bildete Charlamow die Speerspitze der weltweit bekannten „roten Maschine". Die sowjetische Eishockeynationalmannschaft galt als eine der stärksten der Welt. Im Westen wunderte man sich über die auf dem Eis gezeigte Leidenschaft und die Bereitschaft zum Draufgängertum. Das schien nicht so recht zum strengen Sowjetregime zu passen. Doch die Eishockeyspieler waren ein eingespieltes Team, jeder einzelne von ihnen spielte auf höchstem Niveau. Das Tor hätten sie wohl auch mit verbundenen Augen noch getroffen.

1981 läutete Tichonow das Karriereende Charlamows ein. Ende August entschied er sich gegen Charlamows Einsatz beim Canada Cup, weil dieser

nicht in Form gewesen sein soll. Dabei war der mittlerweile 33-jährige Charlamow gerade zum besten Stürmer des European Champions Cup gewählt worden. Charlamow konnte die Entscheidung nicht verstehen.

Am Morgen des 27. August 1981 wurde sein Schicksal endgültig besiegelt. Charlamow war auf dem Weg nach Moskau und überließ, entgegen seiner Gewohnheiten, das Steuer seines Wolgas seiner Frau. Auf der regennassen Fahrbahn verlor sie die Kontrolle über das schwere Fahrzeug, das ins Schleudern geriet und gegen einen Lkw-Anhänger krachte. Charlamow war auf der Stelle tot.

Charlamow wurde in Moskau beigesetzt. Tausende Menschen strömten zum ZSKA-Eissportpalast, wo die Trauerzeremonie stattfand. Der große sowjetische Eishockeytrainer Anatolij Tarasow hielt die Abschiedsrede. Charlamow sei sich seines außergewöhnlichen Talents nicht bewusst gewesen, sagte er und würdigte den Ausnahmespieler mit den Worten: „Er war ein selten anständiger, reiner und ehrlicher Mensch."

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