Russischer Fußball: Der Gürtel wird enger geschnallt

Der brasilianische Stürmer Hulk von Zenit Sankt Petersburg verdient  laut inoffiziellen Angaben sieben Millionen Euro pro Jahr. Der AFP / East News

Der brasilianische Stürmer Hulk von Zenit Sankt Petersburg verdient laut inoffiziellen Angaben sieben Millionen Euro pro Jahr. Der AFP / East News

Die russischen Fußballvereine haben sich auf die Festsetzung einheitlicher und „interner“ Fremdwährungskurse geeinigt. Diese liegen unter den am Markt aufgerufenen Preisen. Nun müssen sie die Zustimmung der Spieler einholen, denn deren Verträge müssten überarbeitet werden.

Am Mittwoch unterzeichneten die Vereine der russischen Fußballliga eine Absichtserklärung, in der sie bekanntgaben, „interne" Wechselkurse für US-Dollar und Euro bei 45 beziehungsweise 55 Rubel festzusetzen. Der offiziell gehandelte Kurs betrug dabei am Donnerstag für den Dollar 54,5 und für den Euro 66,4 Rubel. In dem Memorandum kommen die Vereine zudem zu der Übereinstimmung, dass die Konsequenzen des Rubelverfalls für den russischen Fußball dramatische Ausmaße annehmen könnten. Schuld daran sei die Tatsache, dass knapp 70 Prozent der Fußballspieler ihre Gehälter in Fremdwährungen erhielten, während die Einkünfte der Mannschaften größtenteils in Rubel erfolgten. Die Vereine wollen sich nun mit Spielern und Vermittlern zusammensetzen, um bestehende Vereinbarungen in Bezug auf den zugrunde liegenden internen Kurs zu überarbeiten.

Der Präsident der russischen Fußballliga Sergej Prjadkin räumte ein, dass sich die Finanzkrise „ziemlich dramatisch" auf die Liga auswirke. „Fast alle Vereine werden ihren Haushalt überarbeiten müssen, weil deren Ausgabenseite gestiegen ist. Den aktuellen Kurs des Rubels könnte niemand bezahlen." Deshalb sei eine interne Absichtserklärung getroffen worden, an die sich die Vereine halten müssten. „In dem Memorandum wird klar gesagt, dass sich die Klubs individuell mit den Spielern absprechen müssen, denn alle Verträge sind unterschiedlich aufgebaut", erklärte Prjadkin gegenüber der Zeitung „Sport-Express".

 

Fußballer sollen Änderungen zustimmen

Die Klubchefs mussten eingestehen, dass eine Überarbeitung der Verträge in der Praxis schwierig wird. „Wir verstehen, dass es eher eine Deklaration ist: Keiner wird die Vereinbarungen mit den Spielern einseitig verändern. Schließlich sind die bestehenden Verträge weiterhin gültig. Doch eine konsolidierte Position wird helfen, diesen Gedanken an die Fußballer und ihre Agenten heranzutragen", sagte der Generaldirektor des Moskauer Klubs ZSKA Roman Babajew dem Portal Championat.com.

Roman Aschabadse, Pendant Babajews bei Spartak Moskau, hofft, dass die Spieler den Vereinen entgegenkommen werden. „Wie die Spieler reagieren könnten? Noch ist es schwierig, auf diese Frage zu antworten. Sie sind gerade im Urlaub und wir werden wohl kaum vor Beginn der Vorbereitung zur Rückrunde mit ihnen sprechen können. Ich hoffe sehr, dass die Spieler die Initiative der Vereine unterstützen und wir die Geschlossenheit der Liga aufrechterhalten können", zitiert Championat.com den Generaldirektor Aschabadse.

Der Präsident des Moskauer Vereins Torpedo Alexander Tukmanow ist zu Entlassungen bereit, sollten seine Spieler sich weigern, die Verträge überarbeiten zu lassen: „Wenn jemand die neuen Regelungen als inakzeptabel ansieht, wird Torpedo sich von ihm trennen", sagte Tukmanow gegenüber Tass.

 

Spielerrechte werden eingeschränkt

Michail Prokopez, Partner der Anwaltskanzlei Legal Sport, nennt das Vorgehen von Vereinen und Liga in einem Interview mit der Zeitung „Wedomosti" logisch, warnt jedoch, dass das Memorandum für die Spieler keine rechtliche Bedeutung habe. Die Beziehung zwischen Spielern und

Vereinen würde von Arbeitsvereinbarungen geregelt. Deshalb müssten sich die Klubs selbst mit ihren Spielern einigen. „Fußballspieler haben in Russland keine starke Gewerkschaft, die sie schützen und sich mit der Liga absprechen würde, zum Beispiel bei der Höhe maximal möglicher Gehälter", bemerkt Prokopez. Und wo es keine Vereinbarungen gebe, müssten Vereine auch keine Strafen für das Brechen eben solcher zahlen.

Der Chef der Abteilung für Sportrecht bei der Anwaltskanzlei CMS Waleri Fedorejew kritisiert die Entscheidung der Liga und findet, dass sie die Rechte der Spieler einschränke. „Äußerungen, die eine Entlassung von Spielern einfordern, wenn sich diese nicht auf die neuen Bedingungen einließen, klingen seltsam", wird Fedorejew von „Kommersant" zitiert. „Gesetzeskonforme Gründe für eine Kündigung gibt es nicht viele. Im besten Fall würden grobe Verstöße gegen die Disziplin zählen. In allen anderen Fällen müssten die Vereine Abfindungen für eine vorzeitige Auflösung des Vertrags zahlen. Und die können in der Summe den Gewinn aus der Senkung des Kurses wettmachen." Der brasilianische Stürmer Hulk von Zenit Sankt Petersburg, zum Beispiel, würde bei seinem erst 2017

auslaufenden und mit sieben Millionen Euro pro Jahr dotierten Vertrag laut inoffiziellen Angaben im Fall einer Kündigung durch den Verein über 20 Millionen Euro Abfindung erhalten.

„Die Verträge müssen eingehalten werden und die Spieler haben wahrscheinlich nichts zu befürchten", sagte der Generalsekretär der Gewerkschaft Russlands für Fußballspieler und Trainer Nikolai Grammatikow gegenüber „Kommersant". Seiner Meinung nach habe der Anstieg von Dollar und Euro gegenüber dem Rubel ein altes Problem des russischen Fußballs offengelegt – die niedrigen Einnahmen. „Die Liga erhält ungefähr 59 Millionen Euro jährlich, die Vereine investieren insgesamt über eine Milliarde. Außerdem gibt es bei uns keine Vereinbarungen zwischen den Klubs über Gehaltsobergrenzen, es gibt keinen Kollektivvertrag mit den Spielern. Mit einem Memorandum alleine kann man diese Fragen nicht lösen. Man sollte es lieber als Einladung zum Dialog über die Schaffung eines neuen Wirtschaftsmodells im russischen Fußball ansehen", ist sich Grammatikow sicher.

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