Tatjana Kaschirina – die stärkste Frau der Welt

Tatjana Kaschirinas Trainer: „Niemand kann so hart trainieren wie sie“.  Foto: Grigori Sysojew/RIA Novosti

Tatjana Kaschirinas Trainer: „Niemand kann so hart trainieren wie sie“. Foto: Grigori Sysojew/RIA Novosti

Die russische Gewichtheberin Tatjana Kaschirina schaffte es in den vergangenen Jahren zu beträchtlichem Ruhm – ist sie doch die Einzige, die die Vorherrschaft der asiatischen Gewichtheberinnen in der Klasse über 75 Kilogramm brechen konnte.

Tatjana Kaschirina ist in der Schwerathletik eine ebenso große Koryphäe wie Jelena Issinbajewa in der Leichtathletik. Die erst 23-jährige Russin kann sich nämlich mit insgesamt 16 Titeln auf internationalem Niveau rühmen – alleine sechs davon errang die Gewichtheberin bei der letzten Weltmeisterschaft, wo sie schier unvorstellbare Ergebnisse erzielte.

Das Schicksal war es wohl, das die Hochleistungssportlerin im Gewichtheben in Höhen führte, in der bis dato beinahe ausschließlich Asiatinnen vorstoßen konnten. In der Gewichtsklasse über 75 Kilogramm gewannen seit 2003 ausschließlich chinesische und südkoreanische Gewichtheberinnen Titel. Doch 2009 sollte sich das ändern: Bei ihrem Weltmeisterschaftsdebüt schaffte es die damals 18-jährige Kaschirina, der erfahrenen Olympiasiegerin Jang Mi-ran aus Südkorea ordentlich Konkurrenz zu machen. Damals gewann die Russin den Zweikampf im Reißen.

Den Zweikampf im zweiten Teil des Wettbewerbs, dem Stoßen, konnte die südkoreanische Gewichtheberin dann jedoch für sich entscheiden, sodass Kaschirina letztendlich „nur" mit einer Silbermedaille belohnt wurde. Ein Jahr später, in der türkischen Stadt Antalya, schien die südkoreanische Titelverteidigerin Jang Mi-ran jedoch nicht mehr ganz so fit zu sein: Kaschirina hob so nicht nur mehr als die Südkoreanerin, sondern auch mehr als ihre chinesische Konkurrentin Meng Supin. Dabei stellte die Russin mit 145 Kilogramm sogar einen Weltrekord im Reißen auf.

Dabei kam Kaschirina nur durch einen Zufall zu ihrer Sportart: Im Alter von elf Jahren wollte sie dem Tanzsport nachgehen, doch stattdessen gelangte sie in die Abteilung für Schwerathletik. „Ich habe die Langhantel sofort in die Hände genommen und sie aufgehoben. Sie wog immerhin 20 Kilogramm. Ich war damals recht stark. Der Trainer verstand in diesem Moment sofort, dass ich in dieser Sportart Potenzial hatte", erinnert sich Kaschirina.

„Es gibt keine Übungen, die ich besonders oder gar nicht mag, oder Übungen, die mir mehr oder weniger liegen. Wenn du etwas gerne machst, dann liebst du alle Aspekte gleich viel. Ich mag sowohl das Reißen als auch das Stoßen beim Gewichtheben – ohne Wenn und Aber", erklärt Kaschirina.

 

Ein Rekord reicht nicht

Seit 2010 hat Tatjana lediglich eine Weltmeisterschaft verloren, und zwar 2011 in Paris. Damals verlor sie gegen Zhou Lulu aus China, die gegen Kaschirina auch bei den Olympischen Spielen in London gewann. Der Wettkampf entwickelte sich zu einem spannenden Zweikampf zwischen den beiden Gewichtheberinnen, den die ganze Welt mitverfolgte. Kaschirina stellte im Reißen gleich zwei Rekorde hintereinander auf: Zuerst riss sie 149 Kilogramm und im nächsten Versuch sogar 151 Kilogramm. Die Chinesin verlor in dieser Kategorie mit ganzen fünf Kilogramm Rückstand. Doch für die Russin sollte es trotzdem nicht zum Titel reichen. Im Stoßen schaffte Kaschirina 181 Kilogramm. Allerdings hob die Chinesin bei ihrem Versuch im Stoßen gleich 187 Kilogramm und gewann somit die Meisterschaft mit einem neuen Rekord von insgesamt 333 Kilogramm. Was könnte für eine Gewichtheberin schlimmer sein, als mit nur einem Kilogramm Rückstand zu verlieren?

Tatjana Kaschirina revanchierte sich bei ihrer Konkurrentin gleich im darauffolgenden Jahr bei der Weltmeisterschaft in Breslau, Polen. Die Russin hob 190 Kilogramm im Stoßen und gewann mit 332 Kilogramm. Lulu verlor mit vier Kilogramm Rückstand. In diesem Jahr stellte Tatjana Kaschirina bei der Weltmeisterschaft in Almaty, Kasachstan, gleich eine

ganze Serie an Rekorden auf: zwei Weltrekorde im Reißen, einen im Stoßen und nochmals zwei Weltrekorde in der Gesamtwertung beider Disziplinen. Die Russin wollte auch nach einem sechsten Rekord greifen, doch ihre Trainer hielten sie buchstäblich von ihrem dritten Versuch im Stoßen ab.

„Es ist wichtig zu lernen, sich auf jeden Wettbewerb richtig einzustellen und dabei seine Gedanken in den Griff zu bekommen. Mir scheint manchmal, als würde ich es bereits können. Doch auch ich lerne heute noch dazu. Ich bin immerhin ein gewöhnlicher Mensch, dem wie allen anderen Menschen vor jedem Auftritt allerlei Gedanken durch den Kopf gehen", sagt Kaschirina.

Derzeit kann sie sich mit allen prestigeträchtigen Rekorden in ihrer Klasse rühmen: Mit 155 Kilogramm im Reißen, 193 Kilogramm im Stoßen und 348 Kilogramm im Zweikampf ist sie in allen Kategorien Rekordhalterin. Es fehlt also nicht viel, dann wird Kaschirina die erste Frau der Welt sein, die eine 200 Kilogramm schwere Hantel hebt. Wenn ihre Entwicklung so weitergeht, dürfte es nicht mehr lange dauern: Bei der letzten Weltmeisterschaft gab Kaschirina gegenüber Journalisten bekannt, dass sie bei ihren Trainings Kniebeugen mit unfassbaren 280 Kilogramm auf den Schultern schaffe.

 

Kaschirinas Kampf gegen Vorurteile

Die russische Weltrekordhalterin im Gewichtheben bewirbt gerne alle Sportarten und versucht dabei, gegen Vorurteile anzukämpfen. „Ich war einmal in einer Fernsehsendung, in der ein junger Mann während der Sendung anrief und meinte, dass Schwerathletik keine Sportart für Frauen sei. Ich lachte und antwortete ihm daraufhin: ‚Junge, wenn Sie Manieren

hätten, dann würden Sie so etwas niemals behaupten. Und wenn Sie eben Komplexe haben und sich vor starken Frauen fürchten, dann tut es mir leid.' Denn ja, viele Schwerathletinnen haben einen starken Charakter und sind auch physisch stark, doch im Leben sind sie normale Frauen", sagte Kaschirina dem Portal sports.ru.

Die junge Schwerathletin hat tatsächlich einen unfassbar starken Charakter. So erinnert sich ihr Trainer Wladimir Krasnow ebenfalls bei sports.ru: „Niemand kann so hart trainieren wie sie. Das muss man aushalten können. Sie ist überdies deshalb einzigartig, weil sie sehr diszipliniert ist und sich ihrer Sportart mit Haut und Haar widmet." Wenn sie ein Ziel habe, dann wolle sie es auch erreichen, ohne sich dabei in Kleinigkeiten zu verlieren. „Nicht umsonst betont sie immer wieder, dass ihr Idol die Eiskunstläuferin Irina Rodnina sei, die ebenfalls so ehrgeizig war wie sie."

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