Eingebürgerte Sportler: Erfolge für die zweite Heimat

Shorttrackläufer Semjon Jelistratow (links) Foto: Imago/Legion Media

Shorttrackläufer Semjon Jelistratow (links) Foto: Imago/Legion Media

In den vergangenen Jahren, insbesondere auch während der Olympischen Spiele in Sotschi, profitierte Russland stark von den Erfolgen seiner eingebürgerten Sportler. Ist der Trend zur Einbürgerung sinnvoll? Und können auch russische Nachwuchssportler davon profitieren?

Die vergangene Wintersaison, im Jahr nach den Olympischen Spielen, hat gezeigt, dass russische Athleten auch Sportarten, die einst als exotisch galten, erfolgreich erschließen. Während aber in Sotschi eingebürgerte Sportler im Shorttrack und Snowboarding Medaillen gewannen, errangen ein Jahr später einheimische Athleten den Sieg.

 

Shorttrack: Ansporn durch den Altmeister

So gewann der 24-jährige Shorttrackläufer Semjon Jelistratow aus Ufa den Weltmeisterschaftstitel im angesehensten Rennen über die 1 500-Meter-Strecke. Viktor Ahn hingegen, mit dreimal Gold und einmal Bronze ein Held der Olympischen Spiele 2014 und seit 2011 russischer Staatsbürger, konnte mit Rang neun im WM-Mehrkampf nicht überzeugen. Alexej Krawzow, Präsident der Russischen Nationalen Eislaufunion, ist jedoch davon überzeugt, dass Jelistratow ohne Ahn solche Fortschritte nicht gemacht hätte.

„Ahn hat unseren Jungs beigebracht, jedes Trainingsrennen so zu laufen als sei es das letzte Mal. Wenn sie sehen, wie aufopferungsvoll der sechsfache Olympiasieger trainiert, leuchten ihre Augen. Ich finde, Russland sollte auch weiterhin Sportler in die Nationalmannschaften aufnehmen", so Krawzow gegenüber RBTH. Diese Sportler müssten den Einheimischen jedoch um zwei bis drei Schritte voraus sein.

 

Snowboarding: Boomendes Zuschauerinteresse

Eine ähnliche Situation zeichnet sich auch in der russischen Snowboarding-Nationalmannschaft ab. Der 25-jährige Andrei Sobolew, gebürtiger Sibirier aus Taschtagol, wurde zur größten Entdeckung der vergangenen Weltmeisterschaften und sorgte für eine Sensation, als er eine Goldmedaille im Parallel-Riesenslalom und eine Silbermedaille im Parallelslalom gewann. Der zweifache Olympiasieger und gebürtige Amerikaner Vic Wild, der 2012 die russische Staatsbürgerschaft erhielt, kam mit einer nicht auskurierten Rückenverletzung zu den WM-Wettkämpfen und verlor nicht nur gegen Sobolew, sondern auch gegen fünf weitere Snowboardfahrer.

Der russische Snowboardfahrer Andrej Sobolew. Foto: EPA

Sobolew selbst ist überzeugt, dass ihm die interne Konkurrenz durch Wild geholfen habe, ein neues Niveau zu erreichen. „Durch Vics Siege während

den Olympischen Spielen habe ich begriffen, dass nichts unmöglich ist. Ich habe viel mit ihm trainiert, viele Elemente übernommen und mich mit ihm beraten. Seine Tollkühnheit im Sport ist ansteckend", sagt Sobolew im Gespräch mit RBTH. Er empfinde die Einbürgerung von Sportlern als absolut natürlich. „Wenn Vic nicht nach Russland gekommen wäre, hätte die Welt ihn nicht kennengelernt, weil er nicht in die US-Nationalmannschaft aufgenommen wurde. Auf diese Weise hat meine Sportart neue Sponsoren bekommen und Interesse bei den Zuschauern geweckt. Tausende Russen treiben nun Snowboarding. Und das haben wir alles Vic zu verdanken. Das ist doch wunderbar", so der neue Doppelweltmeister.

 

Leichtathletik und Fußball: Hilfe aus Kenia und Brasilien?

Auch in den Sommersportarten wird eine Einbürgerung von Athleten seit längerer Zeit diskutiert. So werden sich der russischen Nationalmannschaft gleich vier Leichtathleten aus Kenia anschließen und demnächst die russische Staatsbürgerschaft erhalten. Vorläufig machen sie ihre Ausbildung an der Akademie für Sport und Tourismus in Kasan. Unter den zukünftigen Russen ist der 25-jährige Evans Kiplagat am bekanntesten. Er erreichte beim Istanbul-Marathon 2012 bereits eine vordere Platzierung.

Auch die Fußballnationalmannschaft könnte Verstärkung aus dem Ausland bekommen. Die Brasilianer Ari und Joãozinho vom FC Krasnodar haben die russische Staatsbürgerschaft beantragt. Nun hängt alles von Nationaltrainer Fabio Capello ab. Wenn der Italiener die Fußballer in seinen Reihen haben will, wird das Ministerium für Sport die Erteilung der russischen Staatsbürgerschaft unterstützen.

Doch es regt sich Widerstand. Anatoli Byschowez, Ex-Trainer der sowjetischen Nationalmannschaft und Olympiasieger von 1988, ist mit der Einbürgerung von Ari und Joãozinho nicht einverstanden: „Wenn es um die Einbürgerung von Fußballspielern wie Hulk, Danny, Valbuena und anderen

Stars der russischen Liga ginge, so würde sie wohl jeder gerne in der Nationalmannschaft sehen. Sie spielen jedoch bereits für ihre Heimatländer. Was nützt die Einbürgerung von Spielern, die sich von anderen kaum unterscheiden?" Ari und Joãozinho spielten nicht schlecht für ihren Verein. Dies bedeute aber nicht, dass sie auf diesem Niveau auch für die Nationalmannschaft spielen werden. „Wir sollten den eigenen Spielern vertrauen und nicht davor zurückschrecken, schon jetzt junge Spieler in die Mannschaft zu integrieren."

Die Menschen in Russland haben indessen nichts dagegen, eingebürgerte Sportler in der Nationalmannschaft zu sehen. Laut einer Umfrage des Allrussischen Meinungsforschungszentrums aus dem März 2014 befürworten 72 Prozent der Russen die Praxis der Einbürgerung von Sportlern.

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