Fußball: Russlands Nationaltrainer Capello vor dem Aus

Fehlender Erfolg könnte das Aus für den Nationaltrainer Fabio Capello bedeuten. Foto: EPA

Fehlender Erfolg könnte das Aus für den Nationaltrainer Fabio Capello bedeuten. Foto: EPA

Die Zeit von Fabio Capello als russischer Nationaltrainer scheint dem Ende entgegenzugehen. Das schwache Abschneiden bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien und die unerwarteten Niederlagen in der aktuellen Qualifikation zur Europameisterschaft könnten zur Entlassung des Italieners führen. Zweifel daran gibt es kaum noch.

Eine Zukunft Fabio Capellos als Trainer der russischen Fußball-Nationalmannschaft wird immer unwahrscheinlicher. Nach der 0:1-Niederlage Russlands gegen Österreich in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 haben die Gerüchte über eine baldige Absetzung des 69-jährigen Italieners weiter zugenommen. Der Vorsitzende der russischen Präsidialverwaltung Sergej Iwanow nannte die Niederlage der russischen Nationalmannschaft gegen Österreich eine Schande, Sportminister Witalij Mutko sagte, die Absetzung des berühmten Trainers sei nur noch eine Frage der Zeit.

 

Langes Warten

Die offizielle Entscheidung über eine Absetzung Capellos war bereits für vergangenen Dienstag erwartet worden. An diesem Tag fand eine Sitzung des Exekutivkomitees des Russischen Fußballverbandes statt. Es passierte jedoch nichts. Aus Kreisen des Exekutivkomitees hieß es, die Frage werde bis zur Ernennung eines neuen Verbandspräsidenten am 2. September unbeantwortet bleiben.

Ein echtes Problem für den russischen Fußballverband sind die Gehaltsbedingungen, die in Capellos bis 2018 datierten Vertrag festgelegt sind. So müsste der russische Fußballverband bei einer vorzeitigen Kündigung eine Entschädigung in Höhe des gesamten ausstehenden Lohns an den Italiener zahlen. Das Jahresgehalt von Capello beträgt inoffiziellen Angaben zufolge rund sieben Millionen Euro. Nach Informationen der russischen Zeitung „Sport-Express" führte Mutko deshalb am 25. Juni ein Gespräch mit Capello. Dabei sei es um eine mögliche Senkung der Entschädigung gegangen.

 

Europäisches Trio am Steuer der Nationalmannschaft

Fabio Capello wurde am 26. Juli 2012 zum Cheftrainer der russischen Nationalmannschaft ernannt. Haupterrungenschaft seiner Amtszeit war das Erreichen der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Es war die erste Qualifikation einer russischen Nationalmannschaft für eine WM-Hauptrunde seit 12 Jahren. Unter anderem besiegte Russland in der Qualifikation die Nationalmannschaft Portugals mit Kapitän Cristiano Ronaldo.

Weitere Erfolge kann Capello nicht vorweisen. Das frühe Ausscheiden bei der Weltmeisterschaft trotz einer eher schwachen WM-Gruppe mit Belgien, Algerien und Südkorea sowie die vielen unnötigen Punktverluste in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 ließen die Beliebtheit des Italieners weiter sinken. Dem Trainer wurde insbesondere vorgeworfen, die Startformation beinahe fanatisch durcheinanderzuwirbeln und das Spiel zu defensiv auszurichten. „Die russische Nationalmannschaft hat noch nie so jämmerlich ausgesehen", sagte der langjährige Nationalspieler Alexander Mostowoj nach dem Spiel gegen Österreich.

Kritiker vergleichen Capello oft mit einem anderen ausländischen Trainer – Guus Hiddink. Unter der Regie des Holländers schaffte die russische Nationalmannschaft 2008 den größten Erfolg seit vielen Jahren. Bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz scheiterte man erst im Halbfinale und spielte im gesamten Turnierverlauf Fußball der Extraklasse. Die darauffolgende WM-Qualifikation vergeigte Guus jedoch jämmerlich. In der Qualifikation konnte Russland der jungen deutschen Mannschaft kein Paroli bieten und erreichte nur den zweiten Platz in der Gruppe. In den Playoffs unterlag man schließlich den Slowenen und schied aus.

Hiddinks Nachfolger Dick Advocaat bleibt vielen Fans wegen der enttäuschenden Europameisterschaft 2012 in Erinnerung. Der Ex-Trainer von Zenit Sankt Petersburg führte die Nationalmannschaft problemlos durch die Qualifikation und startet mit einem 4:1-Sieg über Tschechien sehr erfolgreich in das Turnier. Allerdings kam Russland auch 2012 nicht über die Gruppenphase hinaus. Eine Niederlage gegen Griechenland bedeutete das Ende der Arbeit Advocaats als russischer Nationaltrainer.

Die drei ausländischen Trainer erhielten mit sieben Millionen Euro im Jahr dieselbe Vergütung. Interessant ist jedoch, dass Capello der erste Trainer ist, der sein Gehalt direkt vom russischen Fußballverband bezieht. Hiddinks Bezüge wurden seinerzeit von Roman Abramowitsch über den eigens hierfür geschaffenen Fonds „Nationale Fußballakademie" gezahlt. Advocaat dagegen wurde von Gazprom bezahlt. Im letzten Jahr wurde Capellos Gehalt aufgrund der Zahlungsunfähigkeit des russischen Fußballverbandes einige Zeit nicht gezahlt. Erst Finanzspritzen des russischen Milliardärs Alischer Usmanow klärten die Situation.

 

„Teurer Rentner" oder Geisel der Situation?

Experten bewerten Capellos Zeit in der russischen Nationalmannschaft unterschiedlich. Nach Ansicht des Europameisters von 1960 Wiktor Ponedelnik war die Verpflichtung Capellos ein Fehler des Fußballverbandes. „Die Arbeit von Capello hat den Mythos, ein erfahrener Trainer könne aus mittelmäßigen Fußballern eine starke Mannschaft formen, endgültig zerstört. In Russland hat man wieder einmal die Entwicklung des Jugendfußballs vernachlässigt. Stattdessen wurde alles auf einen namhaften Trainer gesetzt, der jedoch bereits am Ende seiner Karriere stand", sagt Ponedelnik. Capello hätte sich als teurer Rentner entpuppt. „Eine schwache Spielergeneration gepaart mit der Arroganz des Cheftrainers hat Russland ins Mittelmaß des europäischen Fußballs geführt", ergänzt der ehemalige Stürmer von SKA Rostow.

Der ehemalige russische Nationaltrainer Boris Ignatjew denkt, der Italiener habe sich nicht ausreichend mit den Spielern auseinandergesetzt: „Capello hat noch immer kein eigenes System entwickelt. Für ein Spiel setzte er nur erfahrene Fußballer ein. Dann verzichtete er auf sie und gab plötzlich den jungen Spieler eine Chance." Capello hätte nie ein Gespür für die Mannschaft entwickelt und demnach gegen fast alle starken Gegner verloren. „Unter Hiddink und Advocaat hat man die russische Nationalmannschaft noch gefürchtet. Während Capellos Amtszeit hat man den Respekt vor ihr verloren", ergänzt Ignatjew.

Der ehemalige Spieler von Manchester United Andrej Kantschelskis findet hingegen, es wäre zu naiv, die gesamte Schuld dem Trainer zu geben. „Fußball spielen müssen die Spieler und nicht der Trainer. Capello hat sehr viele russische Fußballspieler ausprobiert. Er experimentierte viel und setzte auf die Jugend. Ich denke, dass die Mannschaft nach dem Aus bei der Weltmeisterschaft 2014 in ein psychologisches Tief gefallen ist, aus dem sie bis heute nicht herausgekommen ist. Capello konnte die Spieler aus diesem Zustand nicht herausholen und muss nun dafür büßen."

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