Leichtathletik-WM: Pechsträhne für Russlands Sportler vorbei?

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Doping-Skandale und schwache Leistungen haben das russische Team für die Weltmeisterschaften der Leichtathletik in Peking zusammenschrumpfen lassen. Die Ziele wurden deshalb nicht zu hoch angesetzt – und bleiben dennoch ehrgeizig.

Für die russische Leichtathletik war 2015 bislang ein wahres Albtraumjahr. Zahlreiche dramatische Ereignisse reihten sich aneinander. Den Anfang machte die Disqualifikation mehrerer Spitzen-Geher durch die russische Anti-Doping-Agentur (Rusada) am 20. Januar. Unter ihnen waren die Olympiasieger Olga Kaniskina, Sergej Kirdjapkin und Walerij Bortschin. Alle drei wurden vom berühmten Trainer Wladimir Tschogin auf die Wettkämpfe vorbereitet, der die Ausbildung der russischen Geher in den vergangenen Jahren praktisch monopolisiert hatte. Doch mit den Disqualifikationen war der Doping-Krieg noch nicht zu Ende. Am 30. Januar wurden auch die Läuferin Julia Zaripowa und die Mehrkämpferin Tatjana Tschernowa von der Rusada gesperrt. Allen Sportlern wurde der Gebrauch verbotener Substanzen nachgewiesen. Zaripowa und Tschernowa wurden zusätzlich ihre Olympia-Goldmedaillen von London aberkannt.

Als Folge der Disqualifikationen mussten der Cheftrainer des russischen Teams Walentin Maslakow und der Vorsitzende des Leichtathletikverbands Walentin Balachnitschew zurücktreten. Gegen Wladimir Tschegin wurde ein Strafverfahren eröffnet. Zudem wurden alle seine Schützlinge von anstehenden Wettkämpfen ausgeschlossen.

Öl ins Feuer goss der deutsche Fernsehsender ARD, der die russischen Leichtathleten in einer aktuellen Dokumentarreihe des systematischen Dopings bezichtigte. Daraufhin meldete sich der russische Sportminister Witalij Mutko zu Wort und wies die Vorwürfe des Senders als haltlos zurück. „Dieser Skandal betrifft nicht Russland, er betrifft das weltweite System der Leichtathletik“, erklärte Mutko in einem „Tass“-Interview. „Jemand versucht, die Situation so zu drehen, dass wir in diesem System als Hauptakteure dastehen. Wir aber halten uns stets an die Regeln. Russland wird weiterhin hart gegen Dopingsünder vorgehen.“ Mittlerweile hat der russische Leichtathletikverband Klage gegen die ARD und den Autoren des Films Hajo Seppelt eingereicht.

Rosige Zukunftsaussichten?

Vor dem Hintergrund der Dopingskandale blickt Juri Borsakowskij, neuer Cheftrainer des russischen Leichtathletikteams und ehemaliger 800-Meter-Läufer, eher vorsichtig in die Zukunft. „Bei der kommenden Weltmeisterschaft in China rechnen wir mit acht bis zehn Medaillen, darunter zwei bis drei Goldmedaillen“, erklärte Borsakowskij gegenüber der Agentur „R-Sport“. Als Goldmedaillenanwärter nannte Borsakowskij zwei Namen: die Hochspringerin Anna Tschitscherowa und die Dreisprungmeisterin Ekaterina Konewa.

Beide Sportlerinnen blicken auf eine große Anzahl an Wettkämpfen zurück. Tschitscherowa dachte nach ihren Triumphen bei der Weltmeisterschaft 2013 in Moskau und bei den Olympischen Spielen in London sogar kurzzeitig darüber nach, ihre Karriere zu beenden und zum Fernsehen zu wechseln. Doch in der laufenden Saison fand sie zu ihrer Form zurück und legte einen Sprung von 2,03 Metern hin – eine Höhe, die Gold in China in greifbare Nähe rückt. Auch stelle das Nationalstadion in Peking einen besonderen Ort für sie dar, betont Tschitscherowa. „Die Emotionen sind durchweg positiv. Dort hatte ich meine erste Olympia-Siegerehrung (Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2008, Anm. d. Red.). Es ist ein unglaublich schönes Stadion“, sagte sie in einem Interview mit dem Fernsehsender „Rossija-2“. Genau wie Tschitscherowa fühlt sich auch Ekaterina Konewa, die bei der Weltmeisterschaft 2013 in Moskau Silber holte, gut auf die Weltmeisterschaften in China vorbereitet. In der laufenden Saison übertraf sie bereits die Marke von 15 Metern. Angesichts des bevorstehenden Duells mit Caterine Ibargüen aus Kolumbien, die bei der WM in Moskau Gold holte, ist das ein wichtiger psychologischer Faktor.

Neue Stars für Russland

Im Männerdreisprung wird der erste dunkelhäutige russische Leichtathlet Ljukman Adams um Medaillen kämpfen. Der gebürtige Sankt Petersburger, der bei der Hallen-Weltmeisterschaft 2014 mit der starken Weite von 17,37 Metern die Goldmedaille gewonnen hatte, will in Peking ebenfalls zur Höchstform aufzulaufen und gilt als heißer Medaillenkandidat.

Auch kommt der Eintritt der Speerwerferin Vera Rebrik von der Krim in das russische Nationalteam im Hinblick auf die Weltmeisterschaft in China gerade recht. Rebrik, die bei der Hallen-WM 2014 Silber für die Ukraine geholt hatte, erhielt als eine der ersten Leichtathleten von der Krim die Zulassung für das russische Nationalteam. Eine Medaille für Rebrik ist auch in diesem Jahr im Bereich des Möglichen.

Auch kann Russland in den Sprintdisziplinen der Männer auf eine Goldmedaille hoffen. Beim 110-Meter-Hürdenlauf wird der 24-jährige Sergej Schubenkow einen Angriff auf den Sieg unternehmen. Die Rolle des Stars füllt er sowohl auf der Laufbahn, als auch außerhalb des Stadions völlig harmonisch aus. Fotoshootings für die Titelseiten diverser Magazine und Interviews in bestem Englisch hindern den „russischen Usain Bolt“, wie er von den Journalisten genannt wird, nicht daran, gute Ergebnisse zu erzielen. Es ist also durchaus denkbar, dass er sich nach Bronze in Moskau 2013 diesmal weiteres Edelmetall, möglicherweise auch in anderer Farbe, um den Hals hängen darf.

Zur Erinnerung: Bei der WM 2013 in Russland gewann das russische Nationalteam insgesamt 17 Medaillen – sieben Mal Gold, vier Mal Silber und sechs Mal Bronze – damit nahm man den ersten Platz in der Gesamtwertung ein. 

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