Schwere Vorwürfe: Wada enthüllt massives Doping im russischen Sport

Fünf russische Athletinnen, unter anderem die Olympiasiegerin im 800-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen in London Maria Sawinowa, sollen lebenslang gesperrt werden.

Fünf russische Athletinnen, unter anderem die Olympiasiegerin im 800-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen in London Maria Sawinowa, sollen lebenslang gesperrt werden.

Ria Nowosti/Ramil Sitdikow
In ihrem nun veröffentlichten Bericht erhebt die Welt-Anti-Doping-Agentur schwere Vorwürfe gegen den russischen Sport. So seien in einem Moskauer Labor systematisch positive Dopingproben vernichtet worden. Ein Ausschluss Russlands von internationalen Wettkämpfen wird gefordert.

Was ist passiert?

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) stellte am 9. November ihren Bericht zu den jüngsten Dopingfällen in Russland vor. Vorbereitet wurde das Dokument von einer Ermittlungskommission unter Leitung von Dick Pound und erschien nach einer elfmonatigen Aufarbeitung der ersten Vorwürfe. Die Kommission stellte systematisches Doping russischer Leichtathleten fest und fordert harte Sanktionen für russische Sportler und Sportfunktionäre.

ARD-Dokumentation als Auslöser

Im Dezember 2014 strahlte der deutsche Fernsehsender ARD eine Dokumentation über das systematische Doping in der russischen Leichtathletik aus. Darauf folgte die Untersuchung der Welt-Anti-Doping-Agentur.

Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada leitete eine eigene Untersuchung ein. Die Ergebnisse führten zur Disqualifikation einer ganzen Gruppe von Leichtathleten sowie fast der gesamten Geher-Nationalmannschaft.

Anfang November wurde der Senegalese Lamine Diack verhaftet. Dem ehemaligen Präsidenten des internationalen Leichtathletik-Verbands IAAF wird Bestechlichkeit bei der Vertuschung positiver Dopingproben vorgeworfen.

Anschuldigungen gegen Russland

Die schärfsten Vorwürfe erhob die Wada gegen das Moskauer Anti-Doping-Labor. Dem Wada-Bericht zufolge vertuschte das Labor die Ergebnisse der Dopingtests russischer Athleten, vor allem aus der Leichtathletik. Unter anderem soll der Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors Grigorij Rodtschenkow 1 417 Dopingproben zerstört haben, berichtet die Wada unter Berufung auf anonyme Quellen. Gedeckt vom IAAF und Rusada sollen an den Olympischen Spielen in London Athleten trotz positiver Dopingtests teilgenommen haben.

Sogar der Inlandsgeheimdienst FSB soll dem Bericht zufolge in die Vertuschung positiver Testergebnisse verwickelt sein. Angeblich habe der FSB gezielt Spione im Labor eingesetzt.

Konsequenzen für Russland

Die Wada empfiehlt, russische Leichtathleten von der Teilnahme an internationalen Wettbewerben und vor allem an den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro auszuschließen. Außerdem sollen fünf russische Athletinnen, unter anderem die Olympiasiegerin im 800-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen in London Maria Sawinowa, lebenslang gesperrt werden. Fünf Trainer sollen für die Verletzung von Anti-Doping-Richtlinien suspendiert werden. Dem Moskauer Anti-Doping-Labor soll die Akkreditierung entzogen werden. „Wir haben erst die Spitze des Eisbergs gesehen“, sagt der Leiter der Anti-Doping-Kommission Pound. „Es ist nicht auszuschließen, dass im Moskauer Labor die Proben weiterer Sportler analysiert wurden.“.

Wie reagieren Sport und Politik?

Der Wada-Bericht versetzte sowohl Sportfunktionäre, als auch russische Politiker in Aufruhr. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) zeigt sich „tief erschüttert“. Im Falle der tatsächlichen Verletzung des Wada-Codes werde das IOC mit einer „Null-Toleranz-Politik“ reagieren. IAAF-Präsident Sebastian Coe sagte, in dieser Situation sei es sinnvoll, wenn Russland sein Leichtathletik-Team freiwillig von Wettbewerben ausschließe.

Der russische Sportminister Witalij Mutko appelliert seinerseits an einen umfassenderen Ansatz im Kampf gegen Doping. „Die Isolierung eines Landes betrifft alle. Nicht nur Russland hat Probleme in der Leichtathletik. Man darf nicht alle Probleme der Leichtathletik auf Russland schieben“, erklärte Mutko gegenüber der Nachrichtenagentur „R-Sport“. Das Moskauer Anti-Doping-Labor sei von der Wada genau überprüft worden. Man habe damals nichts zu beanstanden gehabt, so der Minister.

„Vor den Olympischen Spielen in Sotschi wurde die Arbeit des Labors sechs Monate lang von 30 Wada-Experten überwacht, bis auf das letzte Molekül. Danach fanden die unvergesslichen Olympischen Spiele in Sotschi statt. Später trugen wir die Schwimmweltmeisterschaften in Kasan aus und sind dafür in den höchsten Tönen gelobt worden“, sagte Mutko gegenüber dem Fernsehsender „Rossija-24“. „Ich weiß nicht, was in diesen sechs Monaten passiert ist, aber es gibt schon wieder Probleme mit dem Labor. Dabei gilt es, die Hälfte dieser Probleme zu beseitigen. Bei der anderen Hälfte ist noch nichts bewiesen.“
 

Der Geschäftsführer der Rusada Nikita Kamajew bezeichnete den Wada-Bericht als „unausgereift“. „Ich sehe hier nur leere Schlagworte ohne jegliche Beweise. Bis dato sind alle Anschuldigungen ohne Grundlage“, sagte er im Interview mit der Nachrichtenagentur „Tass“. Die Rusada starte nun eigene Ermittlungen.

Steckt politisches Kalkül dahinter?

Sportjurist Artem Pazew sieht in den Anschuldigungen der Wada einen politischen Auftrag. „Deshalb geht es ausschließlich um die Empfehlungen. Gäbe es tatsächlich einen nachgewiesenen Tatbestand, hätte die Wada Russland längst disqualifiziert“, sagte er gegenüber „R-Sport“.

Der Dopingexperte Sergej Iljukow spricht dagegen von einer problematischen Situation für Russland. „Der Bericht sagt eher etwas aus, aber beweist nichts. Ich denke, die Diskussionen werden sich fortsetzen. Ich bin mir sicher, dass es Konsequenzen geben wird. Die schmerzhaftesten Folgen für Russland sind nicht auszuschließen“, ergänzte er im Interview bei Sports.ru.

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