Olympia ohne Russlands Leichtathleten?

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Die Entscheidung des Weltverbands IAAF, die russischen Leichtathleten von der Teilnahme an internationalen Wettkämpfen auszuschließen, hat den russischen Sport schwer getroffen. RBTH skizziert die möglichen Wege aus dieser Krise.

Vergangene Woche beschloss der Leichtathletik-Weltverband IAAF, Russland von seinen Wettkämpfen auszuschließen. Diese Entscheidung folgte nach der Veröffentlichung eines Berichts durch die internationale Anti-Doping-Agentur Wada, aus dem hervorgeht, dass in Russland seit langer Zeit ein System zur Verdeckung von Dopingmissbrauch existiert.

Die Teilnahme der russischen Sportler an den Olympischen Spielen 2016 ist nun gefährdet. Außerdem ist Russland nicht mehr berechtigt, 2016 große Wettkämpfe auszutragen. Betroffen sind ein Weltcup im Gehen in Tscheboksary und die Leichtathletik-Juniorenweltmeisterschaften in Kasan. Was nun? Denkbar sind drei Szenarios.

1. Russland wird die Situation schnell lösen und die Nationalmannschaft wird zügig rehabilitiert

Der Leiter der Wada-Kommission Dick Pound bemerkte, dass Russland zur Olympiade 2016 zugelassen werden könnte, wenn die Dopingverstöße rapide beseitigt würden. Und Russland ließ sich nicht lange bitten – nach der schockierenden Entscheidung des IAAF reagierte es sehr schnell. Der Vorsitzende des Moskauer Labors Grigori Rodtschenkow, dem die Wada vorwirft, 1 417 positive Dopingproben vernichtet zu haben, wurde mit sofortiger Wirkung gefeuert. Zudem kündigte keine 24 Stunden nach der Entscheidung des IAAF das russische Sportministerium an, dass der Vorstand des russischen Leichtathletikverbands so gut wie vollständig ersetzt werden würde.

Walentin Maslakow, der stellvertretende Vorsitzende des russischen Verbands, erklärte RBTH: „Wir haben bereits eine Untersuchungskommission für die Dopingvorfälle in der russischen Leichtathletik gegründet, die mit dem IAAF und der Wada zusammenarbeiten wird. Zudem hat das Nationale Olympische Komitee Russlands anhand von Anweisungen der Anti-Doping-Agentur eine Roadmap erarbeitet, die eine Neugestaltung des russischen Leichtathletikverbands und die Bestrafung der in den Dopingmissbrauch Verwickelten regelt.“

2. Falls Russland nicht zu den Olympischen Spielen zugelassen wird, werden russische Sportler unter der olympischen Flagge teilnehmen

Die Entscheidung des IAAF sorgte für Empörung unter russischen Sportlern. Die vielfache Weltrekordhalterin im Stabhochsprung Elena Isinbajeva schrieb unter anderem einen offenen Brief, in dem sie die Entscheidung des Weltverbands anprangerte. Es sei nicht gerecht, Athleten, die nicht gedopt hätten, wegen der Verstöße anderer Sportler von Wettkämpfen auszuschließen, kritisierte sie.

Ungeachtet der Sperre des Verbands können russische Sportler aber auch als unabhängige Teilnehmer bei Olympia antreten, das sichert die Charta der Olympischen Spiele. Auch der russische Sportminister Witali Mutko erwähnte diese Möglichkeit. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees bezeichnete dies aber als „reine Spekulation“.

Dabei hat es einen solchen Fall bereits gegeben: Die bekannte Fernsehmoderatorin Olga Bogoslowskaja trat gemeinsam mit anderen Sportlern der Staaten der ehemaligen UdSSR unter der olympischen Flagge in Barcelona 1992 an und gewann in der 4x100-Meter-Staffel eine Silbermedaille. Doch ein Wermutstropfen bleibt, wie sie RBTH sagte: „Wenn man nicht die Hymne seines Landes hört und eine fremde Flagge aufgezogen wird, selbst wenn es die olympische ist, dann hat man doch andere Gefühle.“

Bogoslowskaja ist sich allerdings „zu 95 Prozent“ sicher, dass die Situation noch vor der Olympiade geklärt wird. Im schlimmsten Fall, so meint sie, würden die russischen Sportler die Leichtathletik-Hallenweltmeisterschaften im kommenden März in den USA verpassen.

3. Die Korruptionsvorwürfe weiten sich auf den Weltverband aus und die Olympiade in Rio findet ganz ohne Leichtathletikdisziplinen statt

Die Wada bereitet derzeit noch einen zweiten Bericht vor, der voraussichtlich im Dezember veröffentlicht wird. Darin wird es nicht um die russischen Verstöße gehen, sondern um Korruptionsvorwürfe im Vorsitz des Weltverbands selbst. Laut Richard McLaren, Mitglied der unabhängigen Wada-Kommission, droht dem IAAF gegebenenfalls die Schließung. Dann würden bei der Olympiade in Rio gar keine Disziplinen der Leichtathletik ausgetragen werden.

Der Sportjurist Wareli Fedorejew hält dies für möglich: „Falls der Präsident des IAAF Lamine Diack bestochen wurde, kann er nicht nur von Russland bestochen worden sein.“ Fedorejew zufolge müsste das gesamte Anti-Doping-System reformiert werden. Eine harte Vorgehensweise der internationalen Behörden könne Sportler aus anderen Verbänden dazu bringen, den Dopingkonsum ernsthaft zu überdenken.

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