Leichtathletik-Skandal: Wie viel wusste Putin?

Die jüngsten Vorwürfe von WADA bringen den russischen Präsidenten in Bedrängnis.

Die jüngsten Vorwürfe von WADA bringen den russischen Präsidenten in Bedrängnis.

AP
Die Welt-Anti-Doping-Agentur veröffentlichte einen neuen Bericht zu den Doping-Vorwürfen in der Leichtathletik. Demnach haben Vertuschungen über Dopingfälle in Russland auf höchster Ebene stattgefunden. Russische Behörden streiten alle Vorwürfe ab.

Am Donnerstag veröffentlichte die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada den zweiten Teil des Berichts der unabhängigen Kommission über die Verletzung von Anti-Doping-Regeln in der Leichtathletik.

Der erste Teil des Berichts hatte im November vergangenen Jahres eine breite öffentliche Resonanz gefunden. Demnach wurden positive Doping-Ergebnisse in Russland lange Zeit systematisch verheimlicht. Angeblich funktionierte dieses System unter dem Schutz russischer Geheimdienste. Der Weltverband IAAF sperrte daraufhin den russischen Leichtathletikverband WFLA auf unbestimmte Zeit. Seitdem sind russische Sportler von der Teilnahme an internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen. Auch die diesjährige Olympiade in Rio de Janeiro könnte ohne russische Leichtathleten stattfinden.

Brisant ist Putins Name

In den neuen Enthüllungen der Wada heißt es, auch Russlands Präsident Wladimir Putin sei über den Doping-Missbrauch unterrichtet gewesen. Als Beweis wird ein Gespräch des Ex-Präsidenten des Weltverbands Lamine Diack mit seinem Rechtsanwalt angeführt. Diack war Anfang November offiziell von der französischen Staatsanwaltschaft angeklagt worden. Ihm wird vorgeworfen, Bestechungsgelder erhalten zu haben, im Gegenzug für die unterlassene Sanktionierung russischer Sportler, die des Dopings überführt wurden.

Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2013 in Moskau – bei der die russische Nationalmannschaft nach Anzahl der Medaillen den ersten Platz belegte – soll Diack über den Dopingverdacht bei neun russischen Sportlern informiert gewesen sein. Dem Bericht zufolge versuchte der Sportfunktionär, die Doping-Proben zu verstecken, betonte allerdings, solch ein Problem „kann nur Präsident Putin“ lösen, mit dem ihn „freundschaftliche Beziehungen“ verbänden.

Russlands Sportminister Witalij Mutko hält den Bericht für Unfug. Zu Putins Namen im Bericht sagte er, die Ermittler „treiben die Sache ad absurdum“ und „für die Sache geradestehen müssen die Verantwortlichen“.

Skandal um Fernsehrechte

Zudem erhebt der Bericht ernste Vorwürfe über eine angeblich korrumpierte Zusammenarbeit zwischen dem Welt-Leichtathletikverband und der russischen Staatsbank VTB im Jahr 2013. Die Wada weist darauf hin, dass im Vorfeld der WM in Moskau die Fernsehrechte für die Übertragung der Wettkämpfe sich unerwartet von sechs Millionen auf 25 Millionen US-Dollar verteuerten. Die zusätzlichen Mittel soll die VTB zur Verfügung gestellt haben. Als Hintergrund vermutet die Wada eine Vereinbarung der IAAF mit dem russischen Verband WFLA über eine Verheimlichung der Doping-Proben russischer Sportler.

Die VTB streitet die Vorwürfe ab. „Die VTB hat keine Rechte für die Fernsehübertragung der Leichtathletik-Meisterschaften in Moskau erworben. (…) Wir handelten nach Standards, die für alle Sponsoren gelten“, betonte der erste stellvertretende Vorsitzende der Bank Wasilij Titow in einem Tass-Interview.

Der Vertragsumfang der VTB mit der IAAF habe „den Umfang des Vertrags des vorherigen Sponsors nicht“ übertroffen, pflichtete der Ex-Präsident des russischen Leichtathletikverbands Walentin Balachnitschew gegenüber der Nachrichtenagentur R-Sport bei. Der Funktionär wurde von der IAAF am 7. Januar dieses Jahres auf Lebenszeit gesperrt.

Vertiefung der Krise oder Anzeichen einer Normalisierung?

Der Autor des Berichts, Dick Pound, sieht die Sache indes gelassen: Russland habe „genug Zeit“, um eine Aufhebung seiner Sperre zu erwirken. Der russische Sportjurist Walerij Fedoreew stimmt dem zu: „Die russische Nationalmannschaft hat gute Chancen, bei der Olympiade in Rio dabei zu sein, wenn wir alle Forderungen des Anti-Doping-Komitees erfüllen. Das wird auch ganz bestimmt gemacht“, sagte Fedoreew auf Anfrage von RBTH.

Unterdessen fand Anfang dieser Woche in Moskau ein Treffen der Untersuchungskommission des IAAF mit dem Koordinationskomitee des russischen Verbands WFLA statt. Bei den Gesprächen ging es um die Probleme in der russischen Leichtathletik. Die ersten Arbeitsergebnisse der Kommission sollen bei der Ratssitzung des IAAF vorgestellt werden, die für den 27. März dieses Jahres in Cardiff geplant ist.

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