Wie Judo zu einer der wichtigsten olympischen Sportarten Russlands wurde

Der Olympiasieger von Rio Beslan Mudranow kämpfte mit dem russischen Präsidenten während eines Judotrainings in Sotschi im Januar 2016.

Der Olympiasieger von Rio Beslan Mudranow kämpfte mit dem russischen Präsidenten während eines Judotrainings in Sotschi im Januar 2016.

Alexei Nikolsky/Russian Presidential Press and Information Office/TASS
In den vergangenen acht Jahren hat sich der Judosport in Russland enorm weiterentwickelt. Grund dafür ist nicht allein die Liebe des russischen Präsidenten Wladimir Putin zum Sport.

Russische Judoka gehören neben den Fechtern zu den erfolgreichsten russischen Medaillengewinnern bei den Olympischen Spielen in Rio. Die russische Hymne wurde in den ersten Tagen der Spiele hauptsächlich in der Karioka Arena 2 gespielt. Das Startsignal für die russischen Athleten gab Beslan Mudranow mit seinem Sieg in der Gewichtsklasse bis 60 Kilogramm. Drei Tage später zog Hassan Halmursajew mit seinem Erfolg in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm nach.

Die nationale Konkurrenz ist stark

Siege der männlichen Judoka dürften seit den Olympischen Spielen in London 2012 wohl niemanden mehr überraschen. Vor vier Jahren gewannen gleich drei russische Sportler Gold: Arsen Galstjan, Mansur Issajew und Tagir Hajbulajew. In Rio wurden andere zu Hauptdarstellern.

Der 30-jährige Beslan Mudranow bereitete sich in zwei olympischen Zyklen auf das Turnier vor. Für die Olympischen Spiele 2012 konnte er sich nicht qualifizieren und verlor seinen Platz an Arsen Galstjan, der in London daraufhin Gold gewann. Beslan ließ sich nicht entmutigen und erreichte letztlich sein Ziel.

Hassan Halmursajew in Rio. / ReutersHassan Halmursajew in Rio. / Reuters

Der zweite Sieger von Rio, der 22-jährige Hassan Halmursajew, war bis zuletzt nicht sicher, ob er es ins Olympiateam schaffen würde. Die Konkurrenz in seiner Gewichtsklasse ist in Russland schier überwältigend.

Der Durchbruch mit italienischer Hilfe

Dass Russland erfolgreich im Judo ist, dürfte keinem entgangen sein. Präsident Wladimir Putin ist ein leidenschaftlicher Fan asiatischer Kampfsportarten und hält den achten Dangrad im Judo sowie den neunten im Taekwondo. Der Einfluss Putins sollte zunächst jedoch nicht ausreichen. Große Erfolge blieben aus. Eine Bronze- und zwei Silbermedaillen in Sydney 2000 sowie zwei Silber- und drei Bronzemedaillen vier Jahre später in Athen waren eindeutig nicht genug für die ambitionierte Sportnation Russland. Bei den Spielen von Peking im Jahr 2008 ging man gar leer aus.

Am 8. Januar 2016 erhielt der russische Judo-Nationaltrainer Ezio Gamba seinen russischen Pass aus den Händen Wladimir Putins. Foto: AP Am 8. Januar 2016 erhielt der russische Judo-Nationaltrainer Ezio Gamba seinen russischen Pass aus den Händen Wladimir Putins. Foto: AP

Nach dem Fiasko von China lud man einen Olympiasieger von 1980 nach Russland ein: den Italiener Ezio Gamba. Unter seiner Leitung zeigten russische Judoka große Leistungen auf der Matte. In den Jahren unter der Ägide des italienischen Experten gewannen russische Sportler acht olympische Medaillen, davon fünf goldene.

Mansur Issajew, Sieger von London 2012, glaubt, dass Gamba es geschafft habe, die Kämpfer psychologisch zu entlasten. „Was die Kampftechnik betrifft, so mischte er sich nicht zu sehr ein. Er kann ein paar Tipps geben oder etwas korrigieren. Die Atmosphäre hat sich geändert, die Stimmung im Team ist sehr einträchtig. Wenn die Jungs trainieren, hilft jeder jedem", sagt Issajew im Gespräch mit RBTH.

Das Kämpfen ist kaukasische Tradition

Russlands Olympiasieger der letzten Jahre stammen allesamt aus den kaukasischen Regionen, wo der Kampfsport sehr beliebt ist. „Bei uns (auf dem Kaukasus - Anm. d. Red.) hat man das Kämpfen im Blut. Das Leben ist ein Kampf und man muss immer einen Wettbewerb finden. Die Jungs werden von Anfang an darauf eingestellt", erzählt Issajew.

Hassan Halmursajew kommt aus der nordkaukasischen Republik Inguschetien. Foto: Stanislav Krasilnikov/TASSHassan Halmursajew kommt aus der nordkaukasischen Republik Inguschetien. Foto: Stanislav Krasilnikov/TASS

Den Erfolg der kaukasischen Athleten prophezeite Wladimir Putin bereits sechs Monate vor den Spielen, als er ein Training der Judoka besuchte. „Auf die Frage, wer der härteste Gegner bei Olympia sei, haben viele mit Japan geantwortet", erzählte Putin damals den Journalisten. „Wir haben großen Respekt vor den Japanern, sie sind die Begründer dieser Sportart. Einen unserer Athleten habe ich gefragt, wer er sei. Er sagte: „Ich bin Kabardiner“. Kabardiner (ein Volk aus dem Nordkaukasus - Anm. d. Red.) sind härtere Jungs als Japaner.“ 

Putins Unterstützung hilft

Die Judoka sagen, dass die Aufmerksamkeit des Präsidenten zweifellos zu spüren sei. „Er hat unseren Sport schon immer geliebt und macht ihn schon seit seiner Jugend. Deshalb treffen wir uns mit ihm praktisch vor jedem großen Wettbewerb. Wir lassen uns motivieren und schauen nach vorne", bestätigt Issajew.

Der Erfolg dieser Sportart sei jedoch eher den deutlich höheren Investitionen als den Trainingseinheiten mit dem Präsidenten zu verdanken. „Unser Team hat alles, was es braucht. Wir werden gut versorgt", so Issajew zusammenfassend.

RBTH-Check:

Russlands Erfolge bei den Olympischen Spielen 2012 sorgten für deutlich höhere staatliche Fördergelder. Die jährliche Förderung für Sportler aller Ebenen stieg zwischen 2013 und 2016 von 310 auf 445 Millionen Rubel, also von 4,3 auf 6,2 Millionen Euro. Laut dem russischen Judo-Entwicklungsprogramm soll diese Summe auf bis zu 508 Millionen Rubel, rund sieben Millionen Euro, steigen.Heute gibt es 24 aktive Judo-Zentren, vor vier Jahren waren es lediglich drei. Im Jahr 2020 sollen es 52 sein. Auch Privatpersonen helfen der Sportart. Der Olympiasieger von Rio Hassan Halmursajew spendet seine Prämie von vier Millionen Rubel, 55 000 Euro, um das Kinder-Judo in seiner Heimatrepublik Inguschetien zu unterstützen.