„Wir müssen das Steuer in der russischen Wirtschaft umlegen“

Foto: Photoexpress

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Alexander Ausan, einer der bekanntesten Ökonomen Russlands, spricht im Interview darüber, wie es mit der Wirtschaft des Landes weitergeht, welche Fehler der Staat vermeiden sollte und was das Land braucht, um vom Öl wegzukommen.

Kürzlich hat die Agentur Standard & Poor’s Russlands Bonität auf spe
kulatives „Ramsch“-Niveau herab-gestuft. Duma-Abgeordnete drohten daraufhin, den Ratingagenturen die Arbeit im Land zu verbieten, weil sie die Wirtschaft Russ
lands „absichtlich unterbewerten“ würden. Wie wahrscheinlich ist dieser Schritt und wozu kann er führen?

Biografie

Beruf: Ökonom
Alter: 60

Alexander Ausan wurde 1954 in Norilsk, in Nordsibirien, geboren. Absolvierte 1979 ein Studium an der Wirtschaftsfakultät der Moskauer Staatlichen Universität (MGU). Erlangte 1991 den Doktortitel und 1993 den Professorentitel an der MGU. Ist heute Dekan an der Wirtschaftsfakultät an seiner Heimatuniversität und Leiter des Instituts für Institutionelle Ökonomie. Zwischenzeitlich war Ausan in verschiedenen Gremien als Berater des Präsidenten der Russischen Föderation tätig.
 
Wenn die Leute anfangen, über Ratingagenturen zu diskutieren, vergessen sie häufig, dass Ratings auf bestimmte Interessen ausgerichtet und dazu da sind, dass Investoren sich orientieren können. Wenn sich also die Meinung durchsetzt, dass uns das Rating egal sei, so bedeutet das, dass wir uns nicht für Investitionen aus anderen Ländern interessieren. Wobei es im konkreten Fall nicht nur um jene Länder geht, zu denen der Zugang aufgrund der Sanktionen versperrt ist, sondern auch um jene, die keine Sanktionen gegen uns verhängt haben und die sich natürlich an den Ratings orientieren. Welche Finanzquellen verbleiben uns also? Eigentlich nur staatliche Investitionen. Das ist das, was ich als die „Mobilisierungsvariante light“ bezeichne, weil man mit Staatsmitteln versuchen kann, einen Weg aus der Krise zu finden und das Wirtschaftswachstum im Land anzukurbeln.

 

Sie haben mit der Warnung vor ei
nem Mobilisierungsszenario, bei dem es zu massiven staatlichen Einmischungen in die Wirtschaft kommt, für Diskussionen gesorgt. Eine Ausprägung des Szenarios können Kapitalkontrollen sein. Wie stark würde sich dies auf den Enthusiasmus der Geschäftswelt und ausländischer Investoren auswir
ken?

Bei Kapitalkontrollen handelt es sich um folgende Situation: Alle hereinlassen, aber niemanden herauslassen. Wer kommt schon gerne zu Besuch, wenn er nicht weiß, ob er das Haus wieder verlassen kann und unter welchen Bedingungen? Die gegenwärtige Regierung und die Zentralbank sind derzeit, so scheint es, nicht darauf eingestellt, solche Maßnahmen zu veranlassen. Sie wollen das nicht, weil sie verstehen, dass sie neben einer einfacheren Marktregulierung damit eine Art „Sodbrennen“, also ne-
gative Reaktionen, hervorrufen werden.

Wird es Ihrer Meinung nach in den nächsten zwei bis drei Jahren zu Protesten kommen, sollte die Wirtschaftskrise sich verschärfen?

Zu sozialen Spannungen kann es natürlich kommen, meines Erachtens sogar recht bald. Die Inflation und der Rückgang der Beschäftigung, der gegenwärtig zu beobachten ist und auch in den nächs
ten Monaten noch zu beobachten sein wird, wird ganz sicher – gelinde gesagt – den Unmut der Bevölkerung hervorrufen. Es stellt sich die Frage, wie darauf reagiert werden sollte. Eine Möglichkeit besteht darin, genau so zu reagieren wie in den Jahren 2008 bis 2009. Zum einen wurde die Situation damals „frei Hand“ geregelt: Dort, wo es am stärksten brannte, wurden besondere Maßnahmen ergriffen. Zum anderen hob man damals die Renten und die Löhne in den Staatsbetrieben an. Mittelfristig betrachtet war das sehr schlecht, weil der Wirtschaft eine Last aufgebürdet wurde, die sie nicht zu tragen vermochte.

Heute, so denke ich, sollte eine Inflationsanpassung der Löhne im staatlichen Sektor erfolgen. Außerdem muss vor dem Hintergrund der Krise das Humankapital gerettet werden. Die Effektivität der Investitionen in das Humankapital muss sich durch eine Verbesserung der Bildung und des Gesundheitswesens erhöhen, aber die Finanzierung darf nicht gekürzt werden.

In welche Bereiche der russischen Wirtschaft sollte jetzt, zu Zeiten der Krise und der Unsicherheit, am besten investiert werden?

Was die Wirtschaftszweige betrifft, gibt es ein Mantra, das ich stets 
wiederhole: Wenn wir die Entwicklungsvarianten für Russland erörtern, verweisen wir immer wieder auf unsere Bodenschätze und vergessen vollkommen, dass in diesem Land Menschen wohnen, die über eine gewisse Kultur, Psychologie und Fähigkeiten verfügen. Aus soziokultureller Sicht können wir, wie wir es heutzutage sehen, sagen, 
dass Russland ein schlechter Ort für Massenproduktion und Großserienfertigung ist, wir dafür wesentlich besser Kleinserien einzigartiger Produkte fertigen können. Deshalb würde ich sagen, dass ge-genwärtig, wie auch in anderen Perioden, vor diesem kulturellen Hintergrund Investitionen in Versuchsfertigungen, in kreative Industrien und in den Kleinserien-Maschinenbau sinnvoll wären.

Kann denn Russland, wenn man berücksichtigt, dass die russische Regierung die Krise und Sanktionen ständig als Chance zur Modernisierung bezeichnet, die Krise tatsächlich nutzen und die Wirtschaft erneuern?

Ich glaube, nein. Wenn von einer Innovationsoffensive die Rede ist, sollte nicht vergessen werden, dass es für umfangreiche Innovationen unzureichend ist, sich in einer schwierigen Situation zu befinden. Man muss über ein sehr gutes insti-
tutionelles Umfeld verfügen. Man kann nicht behaupten, dass wir nicht versucht hätten, dieses Umfeld zu errichten, aber wir können auch nicht behaupten, dass wir das geschafft haben. Deshalb gehe ich davon aus, dass es in der Wirtschaftsstruktur Russlands natürlich zu Veränderungen kommen wird. Sie werden durchaus positiv sein und es wird wahrscheinlich zu einer gewissen Diversifizierung kommen. Aber einen Innovationsschub wird es während der Krise nicht geben.

Was kann in diesem Falle die negativen Auswirkungen der gegenwärtigen Krise verringern, wenn weder das institutionelle Umfeld noch die entsprechenden Bedingungen, Institutionen oder die geopolitische Situation geeignet sind?

Wenn wir davon sprechen, welchen positiven Effekt ich von der Krise erwarte, so ist das eine Überdenkung der Perspektive für Russlands Zukunft. Welche Lehren hätten wir aus der Krise 2008/2009 ziehen sollen? Dass wir nicht zu dem bisherigen, auf Naturressourcen basierenden Wirtschaftsmodell zurückkehren dürfen. Nichtsdestoweniger hat die Regierung nach der Krise versucht, den Status quo wiederherzustellen. Das Ergebnis war der Rückgang des Wachstums. Meiner Meinung nach müssen wir von der Wirtschaft der Rohstoffabhängigkeit wegkommen und übergehen zu einer Wirtschaft, die auf hochqualifiziertem Humankapital basiert. Denn Russland verfügt über zwei Wettbewerbsvorteile. Alle wissen von unserem Reichtum an Naturressourcen, aber allen ist auch etwas anderes bekannt: Seitdem wir in Russland über eine sehr gute Bildung und Wissenschaft verfügen, beliefern wir mit unseren Köpfen die ganze Welt. Diese unsere Ressource ist produktiver als unser Erdöl.

Aber andererseits haben wir es gegenwärtig mit einer Abwanderung von Fachkräften, der Krise in der Ukraine, wirtschaftlicher Instabilität und Unsicherheit zu tun, und die politische Realität verstärkt den Abfluss des geistigen Kapitals nur noch mehr. Wie sollte man damit umgehen?

Wenn die Menschen auswandern, bedeutet das zunächst nicht, dass sie den Kontakt zum Land aufgeben. Sollte es jedoch zu einem Mobilisierungsszenario kommen, werden wir unsere Know-how-Träger verlieren. Wer möchte schon unter solchen Bedingungen arbeiten?
Offensichtlich nur jene, die im militärisch-industriellen Bereich beschäftigt sind, aber eben mit jenen Einschränkungen, die mit dieser Arbeit für sie und ihre Familien verbunden sind. Insgesamt scheint mir, dass wir in der Wirtschaft das Steuer umlegen müssen weg von Ressourcen hin zum Humankapital. Wir müssen unsere Ziele umformulieren und andere, inklusive Institutionen aufbauen, die die Attraktivität des Landes erhöhen. Gegenwärtig sind unsere Institutionen vorwiegend extraktiv: Das führt dazu, dass wir aus unserem Land etwas herauspressen, was dann in einem anderen Land genutzt wird.

Die ungekürzte Fassung des Interviews erschien zuerst in englischer Sprache bei Russia Direct.

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