Russische Konsumentenmärkte auf dem Vormarsch

Bei der Kaufkraft rangierten die Moskauer an 41. Stelle in der Welt. Foto: Corbis/FOTOSA

Bei der Kaufkraft rangierten die Moskauer an 41. Stelle in der Welt. Foto: Corbis/FOTOSA

Der vom Erdölexport subventionierte Konsumrausch beschert Russland einen Spitzenplatz unter den größten Verbrauchermärkten Europas.

Nachdem internationale Anleger gute Geschäfte mit russischem Öl und Gas gemacht haben, entdecken sie die wachsende Dienstleistungsbranche sowie die Endverbrauchermärkte in Russland für sich. Russische Finanzanalysten sind der übereinstimmenden Meinung, dass die staatliche Konsolidierung der Energiemärkte durch Verbesserungen des Investmentklimas in anderen Branchen mehr als wettgemacht wird.

So glaubt Chris Weafer, Chefstratege von Sberbank Investment Research,

dass die Dynamik der Verbraucher- und Dienstleistungsbranchen den Energiesektor rasch ein- und überholen. Weafer gründet seine Prognose auf das stete Wachstum des verfügbaren Einkommens der russischen Bevölkerung sowie des verfügbaren Anlagekapitals. Außerdem würden staatliche Subventionen und Vorteile aus der WTO-Mitgliedschaft für ein stärkeres Wachstum in den Nicht-Energie-Sektoren sorgen.

Der Strom der Petroldollars hat die Wirtschaft in Schwung gebracht, und sorgt dafür, dass davon auch bei der Bevölkerung etwas ankommt: Die Einkommen nehmen zu, und die Verbraucher geben das neue Geld auch mit beiden Händen aus. Das setzt einen positiven Aufschwung im Wirtschaftskreislauf in Gang.

Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) stellt in ihrem alljährlichen Wohlstands-Report fest, dass Russland bei der Zahl von Privatleuten mit einem Vermögen über 77,5 Millionen Euro bereits jetzt an vierter Stelle steht - nach den USA, Großbritannien und Deutschland. Außerdem sei in Russland die Dynamik, mit der das Vermögen der Reichen und Superreichen wächst, das größte in der Welt.

Doch nicht nur die Reichen sind in Konsumlaune. Denn das russische Durchschnittseinkommen ist im letzten Jahrzehnt um das Sechzehnfache

39 Euro

betrug das durchschnittliche Monatsgehalt in Russland vor knapp einem Jahrzehnt. Heute liegt es bei etwa 620 Euro.

Von den sprudelnden Einnahmen aus dem Ölexport profitieren die Einkommen der Bevölkerung, und die Verbrauchermärkte explodieren.

gestiegen - von etwa 39 Euro pro Monat unter Boris Jelzin auf 620 Euro unter Präsident Wladimir Putin. Nachdem die Regierung im Jahr 2004 den Grundsatzbeschluss fasste, die Energiesteuern anzuheben und die Abgaben auf alle anderen Produkte, Waren und Dienstleistungen zu senken, befindet sich das Land gemäß dem neuesten Bericht des UN-Entwicklungsprogramms in der mittleren Einkommensgruppe der Länder. „Das zunehmende Wohlstandsniveau des vergangenen Jahrzehnts hat Russland vielleicht zum ersten Mal in seiner Geschichte zu einem mittelständischen Land werden lassen", meint Kingsmill Bond, Chefstratege der Citigroup für Russland.

"Russland erfreut sich im europäischen Rahmen besonders niedriger Einkommens- und Körperschaftssteuern," urteilt Clemens Grafe, Chefökonom von Goldman Sachs in Moskau. Es sei ein Irrglaube, dass Russland allein auf die Energierohstoffe setze, urteilt der Wissenschaftler, denn der Staat benutze seine unverhofften Öl- und Gasmehreinnahmen dazu, die Realwirtschaft mit massiven Subventionen anzukurbeln.

Auch gemessen an den anderen BRICS-Staaten hat das russische Pro-Kopf-Einkommen in den letzten Jahren stärker angezogen. Der Weltbank zufolge erreichte es im vergangenen Jahr rund 16 500 Euro, weit mehr als Brasilien (9 000 Euro), China (6 547 Euro) oder Indien (2 830 Euro).

Russland, laut Euromonitor International bereits der elftgrößte Verbrauchermarkt der Welt, klettert in der Rangliste weiter nach oben. Angaben der Weltbank zufolge wird das BIP in diesem Jahr um etwa 3,5 bis 4 Prozent steigen. „Russland mit einem BIP-Wachstum deutlich über dem der meisten entwickelten Volkswirtschaften ist der entscheidende Faktor für die Zunahme des Vermögens in Osteuropa, das im Jahr 2011 um 14,4 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro hochschnellte," schreibt die BCG im Wohlstands-Report.

Angesichts sehr geringer Schulden ist der Löwenanteil der russischen Einkommen für die Bürger verfügbar. Und seit der Einführung von Kundenkrediten im Jahr 2001 gehen die Kunden in Russland noch lieber shoppen. Abzahlungskredite haben in diesem Jahr um 43 Prozent zugelegt, was nach Angaben der Zentralbank sogar zu einer Überhitzung der Konjunktur führen könnte.

Sämtliche Waren des täglichen Bedarfs der unteren Preiskategorie - etwa Kleidung oder Lebensmittel - kommen beim Verbraucher sehr gut an. „Nahrungsmittel sind das größte und am schnellsten wachsende Marktsegment des russischen Einzelhandels", konstatiert Katarzyna Twardzik, Einzelhandelsanalystin beim Marktforschungsinstitut PMR in Moskau. „Und in dieser Hinsicht kann Russland bereits mit den führenden Ländern Westeuropas konkurrieren."

2011 setzte sich Russland bereits bei den Produktgruppen Milch und Kinderspielzeug an die Spitze der größten Märkte in Europa. Sie entsprechen einem von 17,6 Milliarden Euro. Im kommenden Jahr könnte es auch bei Kleidung, Schuhen, Accessoires und Werbung so kommen.

Gleichzeitig erfreuen sich Genussmittel zunehmender Beliebtheit. Niedrige Steuern auf Bier und Zigaretten drücken den nominalen Umsatz immer noch unter den westeuropäischer Länder. Doch seitdem der Kreml beabsichtigt, die Steuern aus gesundheitspolitischen Gründen in den kommenden Jahren zu verfünffachen, kann auch hier mit höheren Verkaufserlösen gerechnet werden.

Auch der Markt für das ultimative Statussymbol, das Automobil, zieht weiterhin stark an. Russland kommt mir 200 Pkw auf 1 000 Einwohner nur auf halb so große Autodichte wie die Länder in Westeuropa (400 – 700 Pkw auf 1 000 Einwohner). Doch die Prognosen gehen davon aus, dass Russland den gegenwärtigen Massenmarkt Deutschland (gegenwärtig 600 Pkw pro 1 000 Einwohner) bis 2018 überholen wird.

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