Handelsknoten zwischen Pazifik und Atlantik

Dmitri Medwedjew rechnet für die nächsten Jahre mit einem fünfprozentigen Wirtschaftswachstum.Unabhängige Experten wie Alexej Kudrin bezweifeln jedoch, dass es der Regierung gelingen wird, die russische Wirtschaft auf das weltweite Niveau anzuheben.

Dmitri Medwedjew rechnet für die nächsten Jahre mit einem fünfprozentigen Wirtschaftswachstum.Unabhängige Experten wie Alexej Kudrin bezweifeln jedoch, dass es der Regierung gelingen wird, die russische Wirtschaft auf das weltweite Niveau anzuheben.

Auf dem Gaidar-Forum Mitte Januar in Moskau wurde die zentrale Frage der außenwirtschaftlichen Entwicklung Russlands diskutiert. Premierminister Medwedjew erklärte, der Prozess der wirtschaftlichen Modernisierung müsse beschleunigt werden, um Russland als Bindeglied zwischen Pazifik und Atlantik zu etablieren.

Im gerade begonnenen Jahr war das Gaidar-Forum in Moskau 2013 die erste Diskussionsplattform für Vertreter aus Wirtschaft und Politik. Im Zentrum stand die Problematik der außenwirtschaftlichen Integration Russlands. Die Frage, welche Akzente Moskau bei der Entwicklung seiner internationalen Wirtschaftsbeziehungen setzen soll, wird derzeit viel diskutiert und von russischen Wirtschaftsexperten unterschiedlich beantwortet.

Im Vorfeld des Forums äußerte einer der Veranstalter, der Vorsitzende der Akademie für Volkswirtschaft und bekannte Vertreter der Wirtschaftsliberalen Wladimir Mau, die Zukunft Russlands liege in Europa. Mau verwies auf die wirtschaftliche Anbindung der Schweiz und Norwegens mit der EU, um das aus seiner Sicht gestiegene Niveau der russischen Integration im europäischen Wirtschaftsraum zu verdeutlichen. Diese Orientierung sei nur konsequent angesichts der Tatsache, dass 55 bis 60 Prozent des russischen Außenhandels mit der Europäischen Union betrieben werde, so der Experte.

Ähnlich allerdings wie Europa seine Abhängigkeit von einem einzigen Gaslieferanten fürchtet, erregt in Moskau die Abhängigkeit von einem einzigen Käufer Besorgnis. Der europäische Anteil am russischen Export wurde daher seit einigen Jahren kontinuierlich reduziert und lag nach Angaben des Föderalen Zolldienstes 2012 erstmals unterhalb der 50-Prozent-Marke.

Der wichtigste Handelspartner Russlands ist mittlerweile China. Sein Anteil am Handelsvolumen stieg von 5,2 Prozent im Jahr 2008 auf 10,6 Prozent im Oktober 2012. Auf China folgen die Niederlande, dem größten logistischen Knoten Europas. Erst dann kommen Deutschland, Italien, die Türkei, Japan, die USA, Polen, Südkorea und Frankreich. „Europa selbst hat kein Interesse daran, Russland zu integrieren", sagte Michail Deljagin, Leiter des Instituts für Globalisierungsfragen. Deljagin verwies dabei auf den mühevollen Prozess der Integration Polens und Rumäniens in die EU, der schließlich auch zu der Entscheidung geführt habe, vom EU-Beitritt der Türkei abzusehen.

Premierminister Dmitri Medwedjew äußerte sich diplomatisch. Russland habe alle Voraussetzungen, eine zentrale Funktion für die globalen Integrationsprozesse zu spielen und seine geopolitischen Vorteile zu nutzen. „Nach meinem Verständnis sollten wir von dem Konzept eines einheitlichen wirtschaftlichen und humanitären Raumes vom Atlantik bis zum Pazifik ausgehen", sagte der Premier.

„Die Stellung Russlands hat sich nicht verändert. Russland ist ein reicher Rohstoffexporteur", bemerkte der Geschäftsführer von Investcafe Iwan Kabulajew. Zugleich betonte er, wie wichtig für Russland Investitionen aus dem Ausland seien. Russland müsse zu einem eigenständigen internationalen Finanzzentrum werden. „Bildlich gesprochen: Wir brauchen mehr Depardieus", witzelte der Experte.

 

Orientierung nach Osten

80 Prozent des russischen Exports bilden Rohstoffe. Daran ist derzeit vor allem Asien zunehmend interessiert; folglich wird es zu einem immer wichtigeren Partner für Russland. Davon zeugt schon jetzt die dynamische Entwicklung der Energieprojekte im Osten Russlands. Im vergangenen Jahr überschritt die Menge des durch die Ostsibirien-Pazifik-Pipeline transportierten Öls die 100-Millionen-Tonnen-Grenze. Neue Lagerstätten werden erschlossen, umfangreiche Verträge über die Lieferung von Energierohstoffen stehen vor dem Abschluss.

Solange jedoch der Osten im russischen Außenhandel nicht mit dem Westen gleichauf liegt, muss Moskau damit rechnen, die wirtschaftliche Talfahrt Europas ebenfalls zu spüren zu bekommen. Die hohen Ölpreise ermöglichen jetzt noch ein mehr oder weniger ausgeglichenen Haushalt. Das Defizit im Jahr 2012 betrug nach vorläufigen Berechnungen lediglich 0,02 Prozent des BIP. Der Nicht-Öl-Sektor dagegen wies ein Defizit in Höhe von 10,6 Prozent des BIP auf. Der Absturz der Ölpreise im Jahr 2008 ließ das BIP um 7,8 Prozent zurückgehen. Damals aber hatte der Staat noch nicht so hohe Soziallasten zu tragen. Sie waren insbesondere vor den letzten Wahlen in die Höhe geschossen.

Medwedjew rechnet für die nächsten Jahre mit einem fünfprozentigen Wirtschaftswachstum. Die Förderung der globalen Wirtschaftsentwicklung ist auch einer der Grundpfeiler der Politik Russlands im Rahmen seiner G-20-Präsidentschaft.

Unabhängige Experten bezweifeln jedoch, dass es der Regierung gelingen wird, die russische Wirtschaft auf das weltweite Niveau anzuheben. Der ehemalige Finanzminister Alexej Kudrin, der heute dem Komitee für Bürgerinitiativen vorsteht, erklärte, dass ohne Reformen das russische BIP innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre oder länger maximal um 3,5 bis vier Prozent wachsen werde.

Der stellvertretende russische Minister für wirtschaftliche Entwicklung Andrej Klepatsch meinte, dass die russische Wirtschaft 2013 Wachstumsziffern von vier bis 4,5 Prozent erreichen könne. Er wies aber auch auf die erforderlichen „weitreichenden Reformen" hin. Der Analyst der Investitionsgesellschaft Ricom-Trust Wladislaw Schukowskij erklärte, das Modell einer „Pipeline-Wirtschaft" habe ausgedient und werde ein Wirtschaftswachstum von nicht mehr als 1,5 bis zwei Prozent ermöglichen.

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