Netzwerken unter Nachbarn

Ilja Korobejnikow, Gründer vom Start-Up "Domosite". Foto: Domosite.ru

Ilja Korobejnikow, Gründer vom Start-Up "Domosite". Foto: Domosite.ru

Nicht nur in Moskau und Sankt Petersburg werden innovative Unternehmen gegründet, auch andere Regionen wachsen. Eines der neuen russischen Technologiezentren ist Jekaterinburg, wo nun ein IT-Start-up ein soziales Netz für Hausbewohner entwickelt hat.

Als Ilja Korobejnikow, damals noch Manager beim bekannten russischen IT-Unternehmen Softline, 2007 in Jekaterinburg eine Wohnung kaufte, fiel ihm bald auf, dass es im Haus keinerlei nachbarschaftliche Kontakte gab. Wie häufig in russischen Mietshäusern kannte man sich nicht und hatte nichts miteinander zu tun. Er überlegte, wie man die Bewohner untereinander bekannt machen könnte. Schon als Student hatte er Webseiten erstellt, und so begann er mit dem Aufbau des sozialen Netzwerks cocedi.net für Bewohner von Mietshäusern. Eine neue Geschäftsidee war geboren.

Wie sich herausstellte, war der künftige Geschäftsmann auf eine profitable Nische gestoßen. Laut dem Geschäftsführer der Investmentgesellschaft TMT Investments Alexander Selegenjew entwickeln zwar einige Unternehmen seit einigen Jahren Software für dieses Segment, dennoch sei der der russische Markt weit von einer Sättigung entfernt, besonders angesichts der großen Zersplitterung der Branche.

Als cocedi.net in Jekaterinburg startete, waren IT-Neugründungen noch eine Seltenheit. Korobejnikow fand in Jekaterinburg eine Firma, die an seinem Projekt interessiert und bereit war, sich mit einer Kapitaleinlage zu beteiligen. Im Januar 2011 entstand ein neues Unternehmen, das nun mit der Domain Domosite.ru online ging.

Die Investoren beteiligten sich mit rund 50 000 Euro an dem Netzwerk, dem sich innerhalb eines halben Jahres 3 000 Häuser in 20 Städten Russlands anschlossen. Doch die Begeisterung über das neue Angebot war verhaltener als erwartet, in manchen Häusern registrierten sich nur wenige Bewohner. Es musste also ein neues Konzept gefunden werden.

„So haben wir uns direkt an die Wohnungsverwaltungen gewandt, die ein eigenes Interesse daran haben, so viele Nutzer wie möglich ins Netz zu holen", erzählt Korobejnikow. Domosite nahm nun Dienste rund um die Kommunikation mit Bewohnern in sein Angebotsspektrum auf. Dieses reicht vom einfachen E-Mail- und SMS-Versand bis zu Online-Diensten wie zum Beispiel dem Ablesen von Zählerständen.

„Die Verwaltungsgesellschaft zahlt uns Geld für diese Dienste. Sie ist daran interessiert, dass so viele Bewohner ihres Hauses wie möglich das Portal nutzen. Sie machen selbst Werbung für uns. So lösen wir zwei Probleme: die Monetarisierung unseres Services und die Gewinnung von Nutzern", erläutert Korobejnikow.

Die Nische von Domosite halten Experten für zukunftsträchtig, warnen aber vor Hindernissen. „Es besteht ein gewisses Risiko, dass die Wohnungsverwaltungen träger sind, als man sich das in der IT-Branche wünscht. Das Start-up muss mit einem langen Weg rechnen, auf dem es Eigentümergemeinschaften an sich binden und ihnen gleichzeitig seine Leistungen verkaufen muss. In Jekaterinburg, wo sich ja auch der Hauptsitz von Domosite befindet, haben Start-ups im Vergleich zu Moskauer Jungunternehmen eine längere Amortisationsdauer", schätzt der Investitionsanalytiker von Fastlane Ventures Andrej Kulikow ein.

Die Gründer wollten jedoch anscheinend eine schnellere Entwicklung vorantreiben, denn sie planten bereits im Oktober 2011 die nächste Investitionsrunde. Runa Capital, eine Venture-Capital-Gesellschaft, mit denen sie ins Geschäft kommen wollten, ließ sich allerdings von den Erfolgsaussichten des Projektes nicht überzeugen.

Dann machte man Revdom ausfindig, ein auf demselben Markt tätiges und in Moskau ansässiges Unternehmen. Sein Angebot beschränkte sich lediglich auf Internetabstimmungen für Wohnungsverwaltungen und Eigentümergemeinschaften. Experten zufolge lagen die Stärken von Revdom im Marketing und in einer transparenten Politik der Monetarisierung. Domosites wichtigste Ressource dagegen waren seine leistungsstarken Programmierer. Als Runa Capital von Revdom erfuhr, bot der Investor Domosite Kapital an, jedoch unter der Voraussetzung des Zusammenschlusses der beiden Unternehmen.

Einer der Gründer von Runa Capital, Dmitrij Tschichatschew, erinnert sich, wie die Entscheidung über die Investition motiviert war: „Der ganze Bereich der kommunalen Wohnungswirtschaft ist bislang unzureichend mit IT-Diensten versorgt. Wir rechnen daher mit guten Wachstumschancen. In der Wohnungswirtschaft laufen viele Prozesse noch vorsintflutlich, ohne Verwendung moderner Technologien", so der Investmentexperte.

Runa Capital investierte schließlich in das neue Projekt 900 000 Euro. Sergej Antipin wurde Geschäftsführer, Ilja Korobejnikow technischer Direktor. Die Entwicklung des Services ist in Jekaterinburg geblieben, der Hauptsitz mit Verkauf und Unternehmensleitung nach Moskau umgezogen.

Domosite hat nach allen Einschätzungen gute Entwicklungsperspektiven. Der erste Domosite-Investor, Leonid Wolkow, hofft auf ein Wachstum des Projektes bis zu 75 Millionen Euro Umsatz innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre. Alexander Selegenew sieht das Projekt als einen Versuch, die für Eigentümergemeinschaften und Wohnungsverwaltungsgesellschaften wichtigsten Dienste mit Elementen des Social Networking und Angeboten für die Bewohner zu verbinden.

„Einerseits unterscheidet das unser Unternehmen von seinen Wettbewerbern, was uns beim Aufbau unseres Kundenstamms zugute kommen kann. Andererseits wird unser potenzieller Markt dadurch auch kleiner. Denkbar ist auch eine harte Konkurrenz mit Portalen, die von den Kommunalverwaltungen einzelner Städte und Regionen gepusht werden wie beispielsweise "Doma Moskwy", gibt Alexander Selegenjew zu bedenken.

Gewinne erwirtschaftet das Projekt laut Korobejnikow derzeit nur aus dem Geschäft mit den Wohnungsverwaltungen und Eigentümergemeinschaften. Die Gebühren hängen von deren Größe und den von ihnen in Anspruch genommenen Diensten ab. Sie liegen zwischen 35 und 250 Euro pro Monat.

Optimistischen Prognosen zufolge könnte das Unternehmen schon in diesem Jahr Kostendeckung erzielen. Korobejnikow wird wohl nach Moskau umziehen müssen, um sich persönlich um die vielen Aufgaben kümmern zu können. Doch noch sträubt er sich: „Ich spüre ehrlich gesagt einen inneren Widerstand gegen den Umzug. Ich mag Moskau nicht. Und das Geschäftsklima ist in Jekaterinburg genauso gut."

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