Erdgas: Bei Gazprom bröckeln die Preise

 Am teuersten kommt das Gas von Gazprom die Länder, die über keine alternativen Energierohstoffe oder weitere Lieferanten verfügen. Foto: RIA Novosti

Am teuersten kommt das Gas von Gazprom die Länder, die über keine alternativen Energierohstoffe oder weitere Lieferanten verfügen. Foto: RIA Novosti

Check-up: Gaspreise des russischen Staatsmonopolisten für europäische Verbraucher unter der Lupe.

Gazprom, der Monopolist für den Export von russischem Gas, erreichte 2009 in Mazedonien und Polen absolute Rekordpreise. Für 2013 muss der Staatsmonopolist jedoch kleinere Brötchen backen. Er rechnet nur noch mit

einem durchschnittlichen Abgabepreis von 360 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas - nach 386 Dollar für 2012 und 383 Dollar für 2011. Auch der Gewinn des Konzerns wird leiden, wenn der Nominalpreis um fast 14 Prozent einbricht und gleichzeitig das Handelsvolumen um 8 Prozent gesteigert werden muss.

Gazprom veröffentlicht keine Handelspreise mit den einzelnen europäischen Handelspartnern. Zwar bemühte sich die Europäische Kommission, ihre Mitgliedsstaaten zur Preisgabe der Vertragsbedingungen mit Gazprom zu bewegen, doch bislang ohne Erfolg. Details über die Kosten des Energierohstoffs gelangen allenfalls als Nebenprodukt von „Gaskonflikten" und „Gaskriegen" an die Öffentlichkeit. Dies ist immer wieder bei den Gaspreisen für die Ukraine der Fall. Die Welt erfuhr auf diese Weise, dass das Land im vergangenen Jahr zwischen 416 und 432 Dollar pro 1000 Kubikmeter an Gazprom zahlen musste.

Den Durchschnitt für die europäischen Abnehmer schätzen Experten auf 413 Dollar. Fünf Länder dürften sogar 500 Dollar und mehr geblecht haben. Am tiefsten musste wahrscheinlich Mazedonien mit 564 Dollar pro 1000 Kubikmeter in die Tasche greifen, gefolgt von Polen (525 Dollar), Bosnien (515 Dollar) und Tschechien (503 Dollar). Auch in Bulgarien war das Gas mit etwa 501 Dollar überdurchschnittlich teuer.

Der Staatsmonopolist beliefert die Länder der Alten Welt nach dem Motto "divide et impera". In geheimen Separatverträgen sichert er sich seine Märkte. Außerdem koppelt er den Gaspreis üblicherweise an den Erdölpreis und lässt den Gaspreis dessen Veränderung mit einer durchschnittlichen Verzögerung von rund sechs Monaten folgen.

Der Ausgangspreis für die separaten Lieferverträge legt Gazprom ganz individuell fest. Am teuersten komme das Gas die Länder, die über keine alternativen Energierohstoffe oder weitere Lieferanten verfügen, mutmaßt Vitali Krjukow, Analyst der Investmentgesellschaft IFD Kapital.

Mazedonien und Bosnien sind vollständig, Bulgarien ist zu neunzig Prozent auf Gazprom angewiesen. Der Anteil der russischen Gesellschaft an den Märkten Polens und Bulgariens beläuft sich auf über 60 Prozent. Natürlich spielt auch das Handelsvolumen eine Rolle bei der Preisbildung. Eine vereinbarte Lieferung von einigen Milliarden Kubikmeter Gas jährlich ist relativ günstiger als der Transport einer nur geringen Menge, zumal auch die Grundkosten für die Pumpinfrastruktur in die Gesamtkosten eingehen.

Im ersten Halbjahr 2012 stiegen in vielen europäischen Ländern im Zusammenhang mit der europäischen Banken- und Staatsschuldenkrise die Erdgaspreise stark an. Noch 2008 lagen sie bei 500 Dollar je 1000 Kubikmeter. Damals habe der Markt noch keine Zeit gehabt, auf den Ausbruch der Rezession zu reagieren, meint Vitali Krjukow. Heutzutage liefere Gazprom sein teuerstes Gas, so der Analyst, mit rund 630 Dollar auf den asiatischen Markt. Allerdings sei dies nur ein Durchschnittspreis unter Berücksichtigung des Spotmarkts und der Länge der Transportroute.

Das im Gegenzug mit 313 Dollar billigste Gas hätte Gazprom im ersten Halbjahr 2012 nach Großbritannien geliefert, urteilt Dmitri Alexandrow, Chef-Analyst des Beratungsunternehmens Univer Capital, Moskau. Denn dort herrsche eine äußerst starke Konkurrenz mit einem großen Anteil des Spotmarkts. Gazprom könne nur 10 Prozent Marktanteil für sich reklamieren, schätzt Alexandrow. Gleichwohl erwarte die russische Gesellschaft in diesem Jahr einen Rückgang der Verkäufe nach Großbritannien - nur noch 7,7 Milliarden Kubikmeter gegenüber 7,9 für 2012 bzw. 8,2 Milliarden im Jahr 2011.

Auch auf anderen Märkten Europas erwartet Gazprom 2013 einen beträchtlichen Preisverfall. So könnte der Durchschnitt im ersten Halbjahr sogar von 413 auf 360 Dollar fallen. Dabei ist berücksichtigt, dass etliche Länder einen erheblichen Preisnachlass erhalten werden. Infrage kommen die Schweiz, Dänemark, Bulgarien, Polen, Tschechien, Bosnien und Slowenien. Der Staat, der der Europäischen Union die heftigsten Kopfschmerzen bereitet, nämlich Griechenland, wird vermutlich ebenfalls auf einen Abschlag bestehen, wenn auch einem geringen. Griechenland, das 2012 476 Dollar zahlte, wird im laufenden Jahr wohl nur noch 427 Dollar aufbringen müssen. Dafür liefert der russische Großkonzern dem Land am Hellespont mehr als die Hälfte des dort verbrauchten Rohstoffs.

Eine objektive Begründung für einen allgemeinen Preisverfall bei Erdgas gäbe es nicht, erklären die Fachleute einmütig. Der Erdgaspreis auf dem europäischen Spotmarkt liege bei rund 342 Dollar und damit näher an der unteren Grenze, stellt auch Dmitri Alexandrow fest. Die Erdölpreise seien stabil, weshalb Gazprom, ausgehend von der Prognose des Konzerns, bestimmten Ländern offenbar Ermäßigungen gewähren kann, schätzt Vitali Krjukow.

Die Europäer, die besonders stark von den Gazprom-Lieferungen abhängen, spüren ihre Abhängigkeit und setzen sich bei Verhandlungen mit dem russischen Giganten immer deutlicher zur Wehr. Sie drohen sogar mit Gerichtsverfahren, wobei das Dritte Energiepaket der EU eine besondere Rolle spielt. 2009 wurde es vom Europäischen Parlament beschlossen, und es besagt, dass die Strom- und Gasmärkte in der EU weiter zu liberalisieren und die Verbraucherrechte zu stärken sind. Dazu gehört die eigentumsrechtliche Entflechtung von Gaslieferanten und Netzbetreibern - bei Gazprom schwer zu realisieren. Außerdem musste Russland bei den Verhandlungen über die Pipeline South Stream weitreichende Zugeständnisse machen.

Bereits im letzten Jahr war Gazprom genötigt, eine ganze Reihe von Vertragsänderungen hinzunehmen. Der Lieferant senkte im Januar unter Hinweis auf die "veränderten Marktbedingungen" den Gaspreis, mit den Gesellschaften GDF Suez (Frankreich), Wingas (Deutschland), SPP (Slowakien), Sinergie Italiane (Italien) und Econgas (Österreich) um etwa 10 Prozent. Im März erreichte auch die italienische Eni und im Sommer auch die deutsche E.On, die australische Centrex und die niederländische GasTerra etnsprechende Nachlässe. Im zweiten Quartal sah sich der Monopolist gezwungen, im Rahmen einer "Revision" über 54,6 Milliarden Rubel an seine Kunden zurückzuzahlen.

Vitali Krjutschkow ist der Meinung, dass auch die wachsende Gas-Nachfrage durch die Länder der Alten Welt den Preisverfall verursacht haben könnte. Denn auch von Gazprom höre man, dass der Staatsmonopolist plane, die Lieferungen nach Europa von 140,5 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2013 auf 151,8 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2014 zu erhöhen. Im Jahr 2015 sollten sogar 209 Milliarden Kubikmeter Gas verkauft werden. Dmitri Alexandrow zweifelt allerdings diese optimistischen Prognosen an: Die Voraussetzungen seien nicht gegeben, weil die europäische Wirtschaft kein nennenswertes Wachstum erkennen lasse. Die Prognosen des Staatsmonopolisten seien überhaupt mit Vorsicht zu genießen, fügt ein Kollege hinzu. Zumeist bleibe bei Gazprom die Realität hinter den Prognosen zurück, denn diese würden - ganz nach Art einer Behörde - nach formalen Kriterien erstellt.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Iswestija.

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