YotaPhone tritt gegen iPhone an

Das russische Smartphone YotaPhone hat auf der diesjährigen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas die höchste Auszeichnung der CNET.com. bekommen. Foto: Pressebild

Das russische Smartphone YotaPhone hat auf der diesjährigen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas die höchste Auszeichnung der CNET.com. bekommen. Foto: Pressebild

Russisches Smartphone will den Markt aufmischen.

Die Juroren waren begeistert. Sie verliehen dem YotaPhone auf der diesjährigen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas die höchste Auszeichnung der CNET.com. Die kreative Idee des russischen Mobiltelefons besteht in zwei Displays. Damit bekommt der User „das Beste beider Welten", erklärte die Jury der internationalen Leitmesse für Verbraucherelektronik.

Gründer und Geschäftsführer Wladislaw Martynow von Yota Devices wurde vom Erfolg selbst überrascht. Denn sein Produkt war auf der Messe gar

nicht zu sehen. Nur am ersten Tag gab Martynow mehrere Presseinterviews und stellte einem engen Kreis ein paar Funktionsmuster vor. Doch das reichte, um die clevere Idee wie ein Lauffeuer zu verbreiteten. Schließlich erhielt das YotaPhone des bislang unbekannten russischen Unternehmens den Preis in Kategorie Mobilgeräte.

„Die CES war unser erster Versuch, die Idee einem breiten Publikum vorzustellen", strahlt Martynow, "und es hat geklappt. Die Leute sind begeistert." Gerechterweise muss hinzugefügt werden, dass das Unternehmen davon profitiert hat, dass die Großen der Branche ihre innovativsten Produkte auf der Messe nicht mehr präsentieren. Sie ziehen es vor, ihre Produkte exklusiv vorzustellen, sobald die Hauptverkaufssaison näher rückt.

Insofern hatte das YotaPhone kaum Konkurrenz. Der einzige ernstzunehmende Wettbewerber war Sony. Das japanische Unternehmen präsentierte lediglich Verbesserungen seiner klassischen Smartphones. YotaPhone wartete hingegen mit einer grundlegenden Innovation auf und zeigte sich damit sehr experimentierfreudig. „Für uns war das Entscheidende die Benutzerfreundlichkeit," erklärt der Chef seine Firmenstrategie, "die wollen wir weiter optimieren",

Der Flaschenhals für Mobilgeräte ist immer die Standzeit der Batterie. Viele und schöne bunte Applikationen saugen die Batterie leer. Aber oftmals will man nur lesen oder schreiben. Dafür braucht man kein stromintensives Retina-Display. Schwarz-weiß reicht. Das YotaPhone kommt mit der cleveren Idee, auf Vorder- und Rückseite zwei unterschiedliche Bildschirmtechnologien anzuwenden - zum einen ein LC-Farbdisplay für Internet, Spiele, Filme oder Fotos und zum anderen ein batterieschonendes E-Ink-Display für das einfache Lesen von Büchern oder längeren Artikeln.

Das E-Ink-Display kennen die meisten von Amazons Kindle. Die Batterie reicht lange, weil diese Technologie auf die Augen ermüdende Hintergrundbeleuchtung verzichten kann. Auch das bei LCDs vorhandene Flackern kommt so gar nicht erst auf. Text und Konturen gibt das E-Ink-Display dafür gestochen scharf und kontrastreich wieder. Es kommt damit echtem Papier sehr nahe. Allerdings braucht man eine externe Lichtquelle wie bei einem normalen Buch. Sein größter Vorteil ist jedoch der geringe Stromverbrauch. Strom wird eigentlich nur beim Umblättern verbraucht.

Das YotaPhone bietet das E-Ink-Display nicht nur zum Lesen von Texten oder Mitteilungen und Facebook- Feeds, zum Anschauen von Karte oder fürs Blättern in Nachrichtenportalen an, sondern für die Tausenden anderer Apps. Der Nutzer muss nur aufs batterieschonende Display umschaltgen. Der E-Ink-Bildschirm funktioniert auch dann noch, wenn nach 24 bis 36 Stunden normalem Betrieb das Farbdisplay (wie bei anderen Smartphones auch) die Batterie fast leer gezogen hat.

Zur Technik: Das Farbdisplay des russischen Smartphones ist 4,3 Zoll (11 cm) groß und bietet eine Auflösung von 1280 x 720 Pixeln. Das E-Ink-Display hat dieselben Maße. Ebenso originell wie die beiden Bildschirme ist die einzigartige Gestensteuerung des YotaPhones.

Auf dem 140 Gramm schweren und etwas mehr als 10 Millimeter dicken Smartphone läuft mit Jelly Bean die aktuelle Android-Version. Herzstück ist ein mit 1,4 GHz getakteter Qualcomm-Snapdragon-S4-Prozessor, den auch HTC, Sony oder Blackberry verwenden. Wie es sich für ein neu auf den Markt kommendes Smartphone gehört, bringt das YotaPhone die schnelle Internetverbindung LTE (Long Term Evolution) und den Nahfeldkommunikationsstandard NFC mit. Das YotaPhone verfügt über 2 GB RAM sowie wahlweise 32 oder 64 GB Flash-Speicher.

Das YotaPhone wurde über zwei Jahre von einem Team aus 50 Mitarbeitern, darunter ehemalige Nokia- und RIM-Ingenieure von Yota Devices mit Sitz in Moskau und St. Petersburg entwickelt und produziert. Derzeit arbeitet das Unternehmen an der zweiten Generation, die Martynow geheimnisvoll als „ziemlich interessante neue Technologie" beschreibt.

Das in der Fachwelt völlig unbekannte russische Privatunternehmen ist derzeit auf Suche nach internationalen Vertriebspartnern. Martynow schließt ein White-Labeling, also den Verkauf unter einer Fremdmarke im Ausland nicht aus, will aber in Russland mit der Marke YotaPhone auftreten.

Die ersten Geräte sollen im dritten Quartal 2013 auf den Markt kommen, wahrscheinlich um den September herum. Es wird mit einem Einführungspreis von 500 Dollar gerechnet. Dem Unternehmen geht es aber zunächst nicht um den Massenmarkt, sondern es will mit dem Nischenprodukt zunächst Erfahrungen gewinnen. Vor allem will Yota Devices zeigen, dass sein innovatives Konzept überzeugt und das Produkt völlig fehlerfrei funktioniert.

Die Voraussetzungen sind allerdings nicht rosig: Vor zwei Jahren stellte Sergej Tschemesow, Generaldirektor der Staatsholding Rostechnologii, dem damaligen Präsidenten Dmitri Medwedjew schon einmal ein Modell eines russischen „iPhone-Killers" vor: Skartel. Ein Video dieser Begegnung verbreitete sich umgehend im Internet.

Das russische Gadget erwies sich als peinlicher Flop, und die Webgemeinde lachte. Die vorherrschende Meinung, dass die russische Industrie kaum etwas Modernes auf die Beine stellen kann, sondern auf Konfektionsware aus China oder Taiwan angewiesen ist, wurde grandios bestätigt: Skartel wurde ein Rohrkrepierer.

Die Skepsis schlug bis zuletzt auch dem YotaPhone entgegen. Einige Entwickler, die früher beim Skartel mitgemacht hatten, fanden sich im neu gegründeten Unternehmen Yota Devices zusammen und wollten es allen zeigen. Und ihre Rechnung scheint aufzugehen. Die Preisverleihung auf der CES zeigt: Das Unternehmen wird ernst genommen!