Russlands Flugindustrie kämpft mit Turbulenzen

Für die Entwicklung des russischen Passagierflugzeugs Sukhoi Superjet-100 werden 1,5 Milliarden Euro investiert. Foto: Pressebild

Für die Entwicklung des russischen Passagierflugzeugs Sukhoi Superjet-100 werden 1,5 Milliarden Euro investiert. Foto: Pressebild

Die Einführung des neuen Mittelstrecken-Passagierflugzeugs Superjet-100 verläuft nicht reibungslos. Großabnehmer Aeroflot muss Teile seiner neuen Flotte bereits überprüfen. Dennoch hofft Hersteller Sukhoi auf volle Auftragsbücher und setzt auf den niedrigen Verkaufspreis.

Im Februar annullierte die russische Luftfahrtbehörde Rosawiazija die Flugerlaubnis für vier von zehn Flugzeugen des neuen Typs Superjet-100 (SSJ-100), die von Aeroflot, der größten russischen Fluggesellschaft, betrieben werden. Bei den Maschinen wurde eine Funktionsstörung am

Fahrgestell und der Vorderkantenklappe festgestellt. Zwei Wochen später wurde die Lizenz zwar wieder erteilt, aber wenn der Vorfall sich wiederholen sollte, riskiert der Hersteller des Superjet-100, Sukhoi, einen Teil seiner ausländischen Kunden zu verlieren.

Dass das Projekt mit Problemen zu kämpfen hat, ist aus einer SSJ-100-Präsentation der größten russischen Fluggesellschaft Aeroflot bekannt. Darin heißt es, dass die Pannenstatistik der Aeroflot 2012 mit 95 gegenüber 60 Vorfällen im Jahr davor deutlich angestiegen sei. Darunter entfielen 24 Vorfälle (40 Prozent) auf den neuen Flugzeugtyp SSJ-100. Der offizielle Aeroflot-Vertreter hat diese Angaben nicht kommentiert und verwies darauf, dass dieses Thema vom Konzernvorstand noch nicht erörtert worden sei.

Während des regulären Betriebs der SSJ-100 löste das Bordüberwachungssystem Fehlalarme aus; die Vorderkantenklappen wurden nicht aus- und das Fahrgestell nach dem Abheben nicht eingefahren. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden die Mängel in Übereinstimmung mit den bereits herausgegebenen Servicebulletins behoben", erklärte ein Vertreter des Unternehmens Zivilflugzeuggesellschaft Sukhoi. Der Chef der russischen Luftfahrtbehörde Rosawiazija, Alexander Neradko, teilte mit, dass sogar über einen vorübergehenden Entzug der Betriebserlaubnis des SSJ-100 diskutiert werde.

Laut Angaben von Sukhoi wurden für die Entwicklung des Projekts umgerechnet 815 Millionen Euro aufgewendet, davon 310 Millionen Euro aus dem Staatsetat. Insgesamt wurden bis zur Produktionseinführung 1,5 Milliarden Euro investiert, wie Sukhois Vizepräsident für Finanzen Jewgenij Konkow mitteilte.

Das Mittelstrecken-Passagierflugzeug SSJ-100 ist in seiner Grundversion für den Transport von 95 Passagieren auf Strecken von bis zu 3 048 Kilometer ausgelegt. Die ersten Abnehmer des Jets waren die russische Aeroflot und die armenische Armavia. Gegenwärtig stehen in den Auftragsbüchern der Zivilflugzeuggesellschaft Sukhoi Bestellungen für die Lieferung von 174 Flugzeugen in die verschiedensten Regionen der Welt, darunter auch nach Indonesien, Mexiko und Laos.

Eine Quelle bei Sukhoi teilte mit, dass der Referenzkunde die ersten Jets mit einem erheblichen Rabatt erhalten habe. Der Verkaufspreis eines Flugzeugs betrug für die Aeroflot umgerechnet 12,5 Millionen Euro, während der durchschnittliche Verkaufspreis 18,7 Millionen Euro betragen hat und neue Verträge über 20 Millionen Euro pro Flugzeug abgeschlossen werden. Im Unternehmen ließ man verlauten, „dass man, um das Defizit aus dem Aeroflot-Deal zu kompensieren, für jedes dieser Flugzeuge noch drei weitere Flugzeuge verkaufen" müsse. Aus diesem Grund wird Sukhoi wohl frühestens 2015 schwarze Zahlen schreiben können.

Ungeachtet dessen, dass Aeroflot die Flugzeuge sehr günstig eingekauft hat, wollte Sukhoi die Reparaturkosten der Jets nicht auf die Fluggesellschaft abwälzen. Der Hersteller hat ganz im Gegenteil erklärt, der Fluggesellschaft die in diesem Zusammenhang entstehenden finanziellen Verluste für jeden Ausfalltag kompensieren zu wollen. Es wird geschätzt, dass es sich dabei um etwa 38 000 Euro pro Tag handelt.

Wenn Aeroflot den Betrieb der Flugzeuge vom Typ SSJ einstellen sollte, wäre sie gezwungen, vergleichbare Flugzeuge im Ausland einzukaufen. Dem Konzern wäre es dann nicht mehr möglich, den angestrebten Zuwachs des Passagieraufkommens zu erreichen, der zur Sicherung des operativen Ergebnisses auf den Vorjahresstand notwendig wäre.

Im Jahr 2012 war das Passagieraufkommen um 20,3 Prozent gestiegen. Der Vorstandsvorsitzende der Avia Solutiuons Group, Gediminas Ziemelis, glaubt, dass das Unternehmen diese Flugzeuge zum Aufbau einer Billigfluglinie brauchen könnte: „Heutzutage kann es genau dieser Flugzeugtyp ermöglichen, sowohl die Wirtschaftlichkeit des Flugunternehmens zu garantieren als auch um 30 Prozent billigere Flugtickets als die traditionellen Fluggesellschaften anzubieten."

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