"Made in Russia" soll Marke werden

Foto: manofsea / flickr.com

Foto: manofsea / flickr.com

Ein halbes Jahr nach dem Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation hat die Regierung erkannt, dass sie sich um die Wettbewerbsfähigkeit der einheimischer Produzenten gegenüber den ins Land strömenden Importen Gedanken machen muss.

So will das Handelsministerium seit Anfang Februar 2013 durch die Maßnahme der innovativen Beschaffung die russische Automobilindustrie unterstützen. Die Behörde fordert, für den Staatsdienst ausschließlich „russische“ Autos zu kaufen. Aber die ausländischen Hersteller, die dieses Marktsegment dominieren, müssen sich kaum Sorgen machen, dass die Beamten in nächster Zeit auf den "Lada Kalina" umsteigen. Denn das Kriterium „Made in Russia“ gilt auch für Fahrzeuge von Volkswagen, BMW, Toyota oder Ford, solange sie von Fließbändern innerhalb des Landes fallen.

Indes hat die Schwerindustrie für Gleb Nikitin, stellvertretender Minister für Industrie und Handel der Russischen Föderation, höchste Priorität. Insbesondere hat er den Maschinenbau im Auge: „Traditionsgemäß hat sich in den letzten Jahren bei uns die Meinung herauskristallisiert, dass wir überhaupt keinen Maschinenbau mehr haben. Alle rennen in den Westen und kaufen dort wie wild ein. Wir müssen den Investoren aber zeigen, dass es auch in Russland gute und günstige Ausrüstungen gibt. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, hier lenkend einzugreifen, dafür haben wir die Marktwirtschaft. Aber wir können die Aktivitäten der einheimischen Maschinenbauer stimulieren.“ Da trifft es sich gut, dass die Regierung mehrere Programme entwickelt hat, um den militärisch-industriellen Komplex zu stärken. Denn das fördert unwillkürlich die Nachfrage nach russischen Maschinenbau-Erzeugnissen.

Der Chef für Handel im Ministerium für Wirtschaftsentwicklung Maxim Medwedkow erklärt, dass die Erteilung von Staatsaufträgen zur Unterstützung von Produzenten überall auf der Welt gängige Praxis sei: „Viele Länder praktizieren das. Das ist vollkommen normal. Wir müssen nur dafür sorgen, dass die Entscheidungen der russischen Behörden nicht den WTO-Normen zuwiderlaufen“.

Widerstand im Einzelhandel

Während die Staatsaufträge für Investitionsgüter von den Marktteilnehmern mit großer Begeisterung aufgenommen werden, ruft die vermeintliche Unterstützung der einheimischen Leichtindustrie - wie z.B. von Textil- und Schuhproduzenten – bei Wissenschaftlern und im Einzelhandel nur Verwunderung hervor. Die Regierung hatte vorgeschlagen, alle Einzelhändler zu verpflichten, zu 30 Prozent in Russland gefertigte Erzeugnisse in die Regale zu stellen. Doch gegenwärtig liegt in den Kaufhäusern und Einzelhandelsgeschäften kaum russische Ware. „Der Entwurf der Verordnung ist lebensfremd und nicht ausgegoren. Es bleibt unklar, was mit Marken wie Zara oder H&M passiert, die stark nachgefragt werden, aber ausschließlich im Ausland genäht werden und das Siegel "Made in Russia" nicht tragen können," äußert sich der Eigentümer einer Ladenkette für Bekleidung kritisch, der es vorzieht, namentlich nicht erwähnt zu werden. "Wer wird die Kosten tragen, wenn die einheimischen Waren wie Blei in den Regalen liegen bleiben?“

„Wer soll diesen Prozess überhaupt kontrollieren und wie“, fragt sich derweil Andrej Bereschnoj, Chef des Unternehmens Ralf Ringer, das Schuhe in drei eigenen Fabriken in Moskau, Wladimir und Sarajsk fertigt. „In einem normalen Laden mit einer Vielzahl verschiedener Marken sind in etwa 2.000 Modelle zu finden. Deren Herkunft kann man nur dann feststellen, wenn man sich das Ursprungszertifikat anschaut. Wer soll das leisten? Selbst wenn eine neue Behörde geschaffen wird – die Handelsketten werden Wege finden, die neue Regelung zu umgehen“. 

Die Initiative wäre vielleicht gar nicht so verkehrt, glaubt er, aber die Regulierungsbehörde habe das Pferd am falschen Ende aufgezäumt. Die Promotion für russische Waren dürfe nicht mit Maßnahmen durchgeführt werden, die die Geschäfte der Einzelhändler negativ beeinflussen. Noch vor Jahren hatte die russische Regierung die Parole ausgegeben: Wir exportieren Gas und Öl, und dafür kaufen wir alles ein, was wir nötig haben. "Wozu brauchen wir dann unsere eigene Produktion, wo man doch alles kaufen kann und die Regale sich vor Importwaren biegen? Jetzt muss die Regierung den Kurs wechseln und alles, was "Made in Russia" ist, fördern – beispielsweise mit Steuervergünstigungen“, gibt sich Bereschnoj konstruktiv.

Vertreter junger russischer Marken hingegen können sich für den Vorschlag des Ministeriums erwärmen. „Wir brauchen die staatliche Unterstützung“, sagt Anna Danilowa, Chefin des Unternehmens Janoer. „Unsere Marke ist in mehreren Multi-Marken-Boutiquen vertreten, für unsere weitere Entwicklung ist so ein kleiner Anstoß gar nicht verkehrt. Aufgrund der billigen Importpreise ausländischer Produzenten mussten wir in Vergangenheit die eigene Produktion sogar einstellen. Zurzeit suchen wir mit verschiedenen russischen  Textilunternehmen und Modedesignern nach einer Lösung und arbeiten an einem Outsourcing “. Die Regierungsinitiative käme da gerade recht.

Trotz aller Maßnahmen in Form innovativer Beschaffung oder von Staatsaufträgen rechnen weder die betroffenen Manager noch die Wirtschaftswissenschaftler mit kurzfristigen Veränderungen zu Gunsten der russischen Hersteller. „Ausländische Hersteller brauchen sich die nächsten ein bis zwei Jahre, vielleicht sogar noch länger, keine Sorgen um ihre Position auf dem russischen Markt machen“, fasst diese Position der unabhängige Berater Maxim Goltberg zusammen. Aber dann käme "Made in Russia".

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland