Initiative für den Mittelstand

Präsident der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer (AHK) Rainer Seele. Foto: Reuters

Präsident der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer (AHK) Rainer Seele. Foto: Reuters

In Russland tätige deutsche Unternehmen beklagen zunehmend den Mangel an zuverlässigen und qualitativ guten russischen Zulieferern. Deshalb hat die Deutsch-Russische Außenhandelskammer die Mittelstandsinitiative „Markt, Modernisierung, Mittelstand“ ins Leben gerufen.

„Wir sind sehr gern bereit, die russische Seite mit unseren Erfahrungen zu unterstützen. Mehr noch, wir wollen beim Aufbau des Mittelstandes in Russland der erste Partner sein. Denn was das Land braucht, um eine moderne, diversifizierte und leistungsfähige Volkswirtschaft zu werden ist – mehr Markt, mehr Modernisierung, mehr Mittelstand“, erklärte Rainer Seele, Präsident der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer (AHK) am 22. Februar in Berlin anlässlich einer Russland-Konferenz.  

Der ebenfalls anwesende Minister für wirtschaftliche Entwicklung der Russischen Föderation Andrej Belousow bestätigte, dass die Förderung von Klein- und Mittelstandsunternehmen in Russland von großer Bedeutung sei. Nach seinen Angaben gibt es in Russland etwa 1,5 Millionen mittelständische Unternehmen. Für den Zeitraum 2013-2015 seien jährlich rund 500 Millionen Euro zur Unterstützung dieses wichtigen Wirtschafsfaktors im föderalen Budget eingeplant.

Bundeswirtschaftsminister Rösler betonte die Wichtigkeit des russischen Marktes für die deutsche Wirtschaft. Man wolle deshalb „alles Notwendige für die Vertiefung unserer Handelsbeziehungen“ tun. 2012 seien Verträge in Höhe von drei Milliarden Dollar unterschrieben worden. Alleine diese Zahl verdeutliche, wie attraktiv Russland für die Unternehmen sei. Perspektivisch gehe es darum, in Russland denselben starken Mittelstand aufzubauen wie in Deutschland, erklärte der Minister und versprach allseitige Unterstützung durch sein Haus.

Etwa 6.000 deutsche Unternehmen sind in Russland geschäftlich aktiv. Zwei Drittel davon sind Klein- und Mittelstandsunternehmen. Viele von ihnen beklagen zunehmend den Mangel an zuverlässigen und qualitativ guten russischen Zulieferern. Deshalb will die deutsche Wirtschaft die russische Seite insbesondere bei der Entwicklung von Strategien für die schnelle Etablierung eines industriellen Mittelstandes unterstützen.

Das von der AHK vorgeschlagene Konzept umfasst mehrere Punkte. So soll das Wort „Mittelstand“ als Begriff und Qualitätsmerkmal für kleine und mittelständische Unternehmen aus Deutschland noch stärker in Russland etabliert werden. Weiterhin will man die deutschen Mittelständler konkreter und umfassender in ihrer Markterschließung in Russland unterstützen. Ein wichtiger Punkt ist zudem die Förderung mittelständischer Wirtschaftsstrukturen in Russland. Alle Schritte sollen von intensiver Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden.  

Die russische Seite bekräftigte, dass es sich nicht um eine Einbahnstraße handeln dürfe und dass auch die Bedingungen für russische Unternehmen, die nach Deutschland wollten, verbessert werden müssten. Nach Ansicht der deutschen Wirtschaft sind die russischen mittelständischen Unternehmen allein auf Grund ihrer vergleichsweise niedrigen Anzahl, ihrem Spezialisierungsgrad und ihrer Branchenstruktur derzeit noch nicht in der Lage, Motor der Modernisierung und Diversifizierung des Landes zu sein. Zudem müssten über drei Viertel aller russischen Mittelständler dem Dienstleistungsgewerbe und dem Handel zugerechnet werden. Die übergroße Mehrheit seien Kleinstunternehmer oder Einzelunternehmer. Nur in wenigen Bereichen, wie dem Telekommunikations- und IT- Sektor hätten sich bisher wettbewerbsfähige und am Weltmarkt orientierte Unternehmen etablieren können.

Die Bruttowertschöpfung der dem Mittelstand zugerechneten Unternehmen mache derzeit in Russland etwas mehr als 20 Prozent aus. Die Zahl der Beschäftigten liege bei 25 Prozent. Eine Berufsausbildung finde kaum statt. Einen industriellen Mittelstand gebe es so gut wie nicht. Im Vergleich zu Deutschland, wo der Mittelstand mit 51 Prozent zur Nettowertschöpfung beitrage, über 60 Prozent der Erwerbstätigen beschäftige und 83 Prozent aller Azubis ausbilde, bestehe ein erheblicher Nachholbedarf.

Gelobt wurden die Bemühungen der russischen Regierung, die seit 2005 große Anstrengungen unternommen habe, um den Mittelstand im eigenen Land zu fördern. Die Fördersummen hätten sich stetig erhöht. Das Geld werde über die Regionen an die Unternehmen ausgezahlt und stehe für Leasing von Maschinen und Anlagen, für Start-up-Finanzierungen, zinsverbilligte Kredite und die Innovationsförderung zur Verfügung. Im Jahre 2010 sei mit der „MSP“-Bank eine speziell auf die Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen spezialisierte russische Staatsbank gegründet worden.

Eine jüngste Gesetzesinitiative des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung sieht eine höhere Beteiligung ausländischer Investoren an russischen kleinen und mittleren Unternehmen vor. Danach wird es den Unternehmen mit ausländischer Beteiligung von mehr als 25 Prozent zukünftig möglich sein, auch als Mittelständler anerkannt zu werden. Dadurch wird eine Teilhabe an den Förderprogrammen der russischen Regierung möglich. Flankiert werden diese Maßnahmen vom Plan Russlands bis zum Jahr 20120 etwa 25 Millionen qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen.

„Die gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Etablierung eines Mittelstandes in Russland sind geschaffen und finanziell unterfüttert. Jetzt ist es von entscheidender Bedeutung, den Worten Taten folgen zu lassen. Der Staat muss sich aus der Wirtschaft mehr zurückziehen und sich auf effektive Regulierung beschränken. Gleichzeitig muss im Markt mehr Wettbewerb zugelassen werden. Die Deutsch- Russische Außenhandelskammer als Interessenvertretung der deutschen Wirtschaft stehe als Informator, Moderator und Mediator bereit, um die deutschen Erfahrungen in Russland nutzbar zu machen“, erklärte der Kammerpräsident Seele abschließend.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland