Jewgeni Kasperski: „Wir wollen die digitale Welt retten“

Jewgeni Kasperski: Ich sehe keinen Sinn darin, Anteile unseres Unternehmens zu verkaufen. Foto: RIA Novosti

Jewgeni Kasperski: Ich sehe keinen Sinn darin, Anteile unseres Unternehmens zu verkaufen. Foto: RIA Novosti

Jewgeni Kasperski, Gründer und CEO des Softwareentwicklers Kaspersky Lab, sprach mit der Zeitung „Kommersant“ über die Entwicklung seines Unternehmens und darüber, wie Jackie Chan und britische Antarktis-Abenteuerinnen ihren Beitrag im Kampf gegen internationale Cyberbedrohungen leisten.

Viele Jahre lang waren Sie bei Kaspersky Lab für die Forschung im Bereich Antivirussoftware zuständig, während sich Ihre frühere Frau Natalja Kasperskaja um das Geschäftliche gekümmert hat. Sind Sie zurzeit noch immer im gleichen Bereich tätig, oder sind Sie inzwischen zur Gänze für das Strategiemanagement des Unternehmens verantwortlich?

Womit ich mich beschäftige, kann am besten durch die Menschen beschrieben werden, die gemeinsam mit mir in einer Etage unseres

Gebäudes sitzen und arbeiten. Sie gehören zu den besten Entwicklern von Antivirussoftware der Welt. Das heißt, ich bin eher in den Bereichen Entwicklung, neue Technologien und Bedrohungen im Internet tätig. Doch in letzter Zeit muss ich auch sehr viel reisen: Ich werde zu Spitzenveranstaltungen und -konferenzen auf Regierungsebene eingeladen und muss auch bei Tagungen beispielsweise in Brüssel oder Washington anwesend sein. Und das ist auch gut so, denn die USA müssen daran gewöhnt werden, dass auch russische bzw. nicht-amerikanische Produkte existieren.

In Westeuropa haben wir bereits viele staatliche Auftragnehmer und auch Verträge mit dem Militär, in den USA hingegen bis dato nicht. Das liegt daran, dass die dort ansässigen Großunternehmen sowie die Regierung ausländischen Produkten misstrauen, insbesondere im Bereich IT-Sicherheit. Besonders misstrauisch ist man, wenn diese Produkte aus Ländern stammen, die keine Mitglieder der NATO sind. Meine Aufgabe besteht nun darin, genau das zu ändern, wenn auch nur ein wenig.

 

2009 war Jackie Chan in einem Werbespot von Kaspersky Lab zu sehen. Wie haben Sie ihn dazu überreden können?

Die Sache ist die: Unser Leiter der Pazifikregion ist ein alter Freund von ihm. Sie haben beide Kung-Fu bei demselben Lehrer gelernt.

 

Ist Werbung mit prominenten Schauspielern effektiver?

Dieser Bereich ist sehr interessant, weil man viele neue Erfahrungen sammelt: Auf der einen Seite haben wir Jackie Chan, auf der anderen Seite junge Frauen, die zum Südpol geschickt wurden, oder besser gesagt, die selbst dorthin geflogen sind. Warum sollte ein normaler Mensch zum Skifahren an den Südpol reisen? Natürlich um sich mit den Mädels zu treffen! Ich liebe es, ungewöhnliche Projekte anzugehen. Und je ungewöhnlicher sie sind, desto mehr Gefallen habe ich an ihnen.

 

Hat man Ihnen schon einmal eine Firmenfusion angeboten?

Man wollte uns schon mehrmals kaufen, doch dazu ist es nicht gekommen. Ich sehe einfach keinen Sinn darin, Anteile unseres Unternehmens zu verkaufen. Für mich ist das Bestreben, selbst Erfolg zu haben, eigene Entscheidungen zu treffen und dafür selbst die Verantwortung zu tragen, viel interessanter, als jemandem erklären zu müssen, warum ich in einer Sache Recht habe. Das war auch einer der Gründe, warum wir uns von „General Atlantic" getrennt haben. (Der Finanzinvestor „General Atlantic" hatte sich im Februar 2011 mit 15 Prozent bei Kaspersky Lab eingekauft. Die Basis für die Kooperation bildete der Gesamtwert des Softwareunternehmens in Höhe von 1,2 Milliarden Euro. 2012 kaufte Kaspersky Lab jedoch alle Anteile wieder zurück. – Anm. d. Red.).

Man muss nämlich eine gewisse Balance zwischen dem momentanen Profit und den strategisch wichtigen Investitionen halten. Nehmen wir zum Beispiel unsere Sicherheitssoftware: Wenn ich mit IT-Experten oder IT-Sicherheitsspezialisten rede, dann wissen die genau, warum man diese Software entwickeln muss. Im Gegensatz dazu stehen die Finanzspezialisten. Mit ihnen über solche Dinge zu reden, ist undenkbar, da sie sich des Maßstabs solcher Dinge nicht bewusst sind oder sie nicht glauben, dass wir fähig sind, so etwas zu kreieren. Deshalb glaube ich auch, dass der Börsengang einer Firma in den meisten Fällen lediglich dazu dient, die Taschen der Firmeninhaber und der Top-Manager mit schnellem Geld zu füllen. Meine Ziele und die des Unternehmens sind dagegen andere, wir wollen die digitale Welt retten. Und damit meine ich die Welt und nicht Russland. Denn im Internet gibt es keine Grenzen.

 

Heißt das, Sie werden nie an die Börse gehen?

Sag niemals nie. Vielleicht müssen wir irgendwann einmal an die Börse gehen. Man kann nie wissen, weswegen ich diese Möglichkeit auch nicht ausschließe. Doch in den nächsten fünf Jahren wird das nicht der Fall sein.

 

Die „Internet Defence League" (Liga zur Verteidigung des Internets), der auch Kaspersky Lab angehört, hat vorgeschlagen, in der Region Kostroma „weiße Listen" für Internetseiten einzuführen. Konkret bedeutet dies die Einführung einer Zensur, um so Kritik am Ministerium für Nachrichtenwesen und Kommunikation zu üben.

Das ist einer dieser Fälle, in denen neue Technologien entweder zum Wohle oder zum Nachteil der Anwender eingesetzt werden können. Wenn man den Anwendern die Möglichkeit gibt, selbst darüber zu entscheiden, ob eine solche Liste eingeführt werden soll oder nicht, dann ist das eine gute Idee. Es gibt beispielsweise eine sogenannte „Elternkontrolle": Eltern können die „weiße Liste" einschalten und unbesorgt ihre Kinder im Internet surfen lassen. Das heißt, Kinder dürfen sich das ansehen, was ihnen ihre Eltern erlaubt haben. Sollten allerdings solche Listen gegen den Willen der Anwender eingeführt werden, so bin ich gegen diese Vorgangsweise.

 

Eine letzte Frage: Im Dezember 2012 hat Kaspersky Lab bekannt gegeben, dass die Spionagekampagne „Roter Oktober", bei der in vielen Behörden Russlands und der GUS geheime Daten gestohlen wurden, ausfindig gemacht wurde. Die Bekanntgabe erfolgte genau einen Tag vor der Anordnung Wladimir Putins an den russischen Geheimdienst, gegen Cyberkriminalität vorzugehen. War das ein Zufall?

Glauben Sie im Ernst, dass wir unsere Presseaktivitäten zuvor mit der Regierung abklären?

 

Das glauben wir nicht. Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst bei Kommersant.

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