Gas von Russland bis nach Großbritannien

Der damalige Ministerpräsident Wladimir Putin und der Gazprom-Chef Alexej Miller besuchen die Gasverdichterstation "Portowaja" im September 2011. Foto: RIA Novosti

Der damalige Ministerpräsident Wladimir Putin und der Gazprom-Chef Alexej Miller besuchen die Gasverdichterstation "Portowaja" im September 2011. Foto: RIA Novosti

Gazprom plant den Ausbau der Gaspipeline Nord Stream. Künftig will der russische Energieriese ohne Umwege Gas bis nach Großbritannien befördern. Als Partner fungiert der niederländische Energiekonzern Gasunie.

Russlands größtes Erdgasunternehmen Gazprom und der niederländische Energieversorger Gasunie haben am Montag, den 8. April, in Amsterdam eine Absichtserklärung zum Aus- und Weiterbau der in Russland beginnenden und durch die Ostsee nach Deutschland führenden Gaspipeline Nord Stream unterzeichnet. Die Vereinbarung ist in Anwesenheit von Russlands Präsident Wladimir Putin und dem niederländischen Regierungschef Mark Rutte unterzeichnet worden. Gasunie ist Gesellschafter beim Betreiberkonsortium Nord Stream AG.

Gasunie besitzt bereits neun Prozent des Konsortiums Nord Stream AG (Gazprom 51 Prozent, Wintershall (BASF) und E.ON jeweils 15,5 Prozent

und GdF Suez neun Prozent), das für den Bau der ersten zwei Pipeline-Stränge zuständig war. Der erste Strang wurde bereits im November 2011 und der zweite im Oktober 2012 in Betrieb genommen. Gemeinsam bringen es die zwei Stränge, deren Bau sich auf 5,7 Milliarden Euro belief, auf eine Transportkapazität von 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Das Unternehmen Gasunie stieß schon im Juli 2008 zum Konsortium hinzu, wobei es Gazprom im Gegenzug eine Beteiligungsoption in Höhe von neun Prozent am Strang Balgzand Bacton Line (BBL) eingeräumt hatte, der von den Niederlanden nach Großbritannien verläuft und eine Leistung von 20 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr besitzt. Allerdings wurde diese Option bislang nicht umgesetzt.

Der Grund dafür wird von Gazprom nicht kommentiert, obwohl der Konzern mehrmals zuvor seinen Willen, sich auf dem britischen Markt etablieren zu wollen, geäußert hatte.

Mitte Januar dieses Jahres gab Gazprom-Chef Alexej Miller bekannt, dass der Bau des dritten und vierten Nord-Stream-Stranges von einem neuen Konsortium geleistet werden solle, wobei an den einzelnen Abschnitten der Pipeline verschiedene Aktionäre beteiligt sein könnten. Zudem begannen zwar Ende letzten Jahres Gespräche zwischen Gazprom und BP über die Erweiterung des vierten Zweigs nach Großbritannien, doch über die Ergebnisse dieser Gespräche ist bis heute nichts bekannt.

Bei Gazprom war anfangs geplant gewesen, sich bis Ende Januar 2013 zu entscheiden, in welcher Konfiguration der Strang erweitert werden soll. Diese Entscheidung verschob man dann auf Ende des ersten Quartals, doch diese lässt bis heute auf sich warten. Mario Mehren, Vorstandsmitglied bei Wintershall, gab daraufhin Mitte März bekannt, dass das Unternehmen noch dabei sei, „eine Machbarkeitsstudie durchzugehen, wonach es eine Entscheidung über die Zweckmäßigkeit des Baus treffen" sowie über seine Teilnahme am Projekt entscheiden werde. Bei BP äußerte man sich ähnlich: „Das Unternehmen hat nach wie vor Interesse am Projekt, eine Entscheidung über die Teilnahme an diesem wurde jedoch noch nicht getroffen."

Aufgrund des Mangels an Flüssigerdgas sowie des erneuten Wintereinbruchs im März in Europa, vor allem aber in Großbritannien, sind die Spotkurse für Erdgas drastisch gestiegen. Dies sei laut Walerij Nesterow, einem Investmentspezialisten der Sberbank, der Grund, weshalb die Gespräche über eine Erweiterung des Nord Streams zum jetzigen Zeitpunkt so produktiv waren. Witalij Krjukow von IFD-Kapital fügte hinzu, dass Gazprom mit der jüngsten Vereinbarung seine Gaslieferungen an Großbritannien von derzeit acht Milliarden Kubikmeter, wobei es sich hauptsächlich um Spot-Verträge handle, auf 40 Milliarden Kubikmeter, etwa 50 Prozent des britischen Marktes, erhöhen wolle. Seiner Meinung nach könne Gazprom nämlich die Beteiligungsoption auf neun Prozent von BBL (Gasunie besitzt davon 60 Prozent und E.ON sowie Fluxys jeweils 20 Prozent) aufrechterhalten.

Darüber hinaus könnten Gazprom in Europa auch andere Gasbeförderungssysteme interessieren. Immerhin gehört der staatlichen Gasunie ein ganzes Netzwerk an Gas-Pipeline-Strängen, deren Ausdehnung über 15 500 Kilometer und Leistung bis 100 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr beträgt: Der holländische Energieriese verfügt über zwei Flüssiggasterminals und einen unterirdischen Erdgasspeicher, das Gasbeförderungssystem von Gasunie ist überdies mit dem Nord Stream über die durch Deutschland führende nordeuropäische Erdgasleitung mit einer Leistung von 20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr verbunden, welche die größte Gasader für die EU-Mitgliedsländer darstellt.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Kommersant.